George Steiner ist gestorben. Unser Foto zeigt den Schriftsteller im Mai 2003 in der Paulskirche bei der Verleihung des Börne-Preises mit der Schauspielerin Iris Berben, die die Laudatio hielt. Foto: dpa//Boris Roessler

Steiners Werke reichten stets über das Akademische hinaus und verwiesen auf aktuelle Fragen. Ein zentrales Thema war für den nun verstorbenen 90-Jährigen etwa die Verflechtung von Barbarei und Zivilisation.

London - Der amerikanische Literaturkritiker und Essayist George Steiner ist am Montagabend in Cambridge in England im Alter von 90 Jahren gestorben. Das bestätigte Steiners Sohn auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Zuvor hatten britische und amerikanische Medien über Steiners Tod berichtet. Der amerikanische Literaturwissenschaftler war vor allem wegen seiner analytischen Brillanz und intellektuellen Sprachgewalt bekannt.

Er hatte sich noch bis ins hohe Alter am Wissenschaftsbetrieb beteiligt, unter anderem mit Gastvorlesungen. In Cambridge lebte Steiner mit seiner Frau, der britischen Historikerin Zara Schakow. Das Werk des 1929 bei Paris geborenen Steiner - sein Vater war jüdischer Bankier aus Wien - kreiste um die menschliche Fähigkeit zu sprechen und zu schreiben. Zu den Themen Steiners zählten neben Sprache und Literatur auch Religion, Musik, Malerei und Geschichte.

Werke im Suhrkamp-Verlag

Der große Universalgelehrte wurde am 23. April 1929 geboren und besuchte in Paris eine amerikanische Schule, bevor er später nach New York umsiedelte. Er lehrte vergleichende Literaturgeschichte in Genf und Cambridge. Seit 1994 war er Professor für Komparatistik an der Universität Oxford. George Steiner wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ludwig-Börne-Preis (2003); bei dessen Verleihung in der Frankfurter Paulskirche wurde Steiner von der Schauspielerin Iris Berben und dem damaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer gewürdigt. Steiner ist zudem Träger zahlreicher Ehrendoktorwürden. 2014 legte der Suhrkamp Verlag fünf seiner teils lange vergriffenen Hauptwerke neu vor. Zuletzt erschienen von Steiner „Grammatik der Schöpfung“ und „Warum Denken traurig macht – Zehn (mögliche) Gründe“ .

Seinem deutschen Verlag bescheinigte der Intellektuelle einmal eine „Suhrkamp Culture“, also die Fähigkeit, von Literatur und Theorie beflügelt, die Bewusstseins- und Geschmacksbildung entscheidend mit zu prägen.

Seine Werke reichten stets über das Akademische hinaus und verhandelten Fragen der Gegenwart aus der tiefen Kenntnis literarischer Traditionen heraus. Solch zentrale Themen waren für George Steiner zum Beispiel die Verflechtung von Barbarei und Zivilisation, die drohende Ablösung der literarischen Wort- und Wertekultur durch Naturwissenschaft und Technik, das Ende und die Wiederauferstehung von Tragik und Tragödie in unserer Zeit, die Variationskraft der europäischen Literaturen und auch die Bedeutung von Übersetzung und Interpretation nach dem Verlust einer gemeinsamen Sprache.

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