Akhanli im März dieses Jahres beim Literatur-Festival in Köln. Foto: dpa

Der Schriftsteller Dogan Akhanli wurde 1977 als Türke in der Türkei verhaftet, 2017 als Deutscher in Spanien im Urlaub. Die Geschichte eines Mannes, der sich seit 40 Jahren im Visier der türkischen Justiz befindet.

Köln - Auf der Bühne des Depots 2 der Bühnen der Stadt Köln sitzt Dogan Akhanli. In dem Theaterstück „Istanbul“ spricht er mit leiser Stimme davon, wie er im Jahre 2010 in die Türkei gereist ist, um seinen todkranken Vater zu besuchen. Doch der Weg wurde ihm versperrt. Die türkischen Behörden verhafteten den Autor gleich bei der Einreise am Flughafen und sperrten ihn ein. Die Haft dauerte zu lange für das fragil gewordene Leben des Vaters. Er starb, ohne dass der Sohn noch einmal mit ihm hatte sprechen können.

Dem Autor warf die Staatsanwaltschaft damals vor, an einem Raubüberfall auf eine Wechselstube beteiligt gewesen zu sein. Ein Mensch war dabei ums Leben gekommen. Auch von der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung war die Rede gewesen. Allerdings geriet der Prozess zu einer Farce, weil weder die Tatzeugen noch die Beweisstücke den Angeklagten belasteten.

„Ich kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass dieser Mann nicht unter den drei Tätern war“, versicherte ein Sohn des erschossenen Ladenbesitzers. Zugleich wurden Vorwürfe laut, die Polizei habe die zuvor formulierten Falschaussagen erzwungen. Doch der Staatsanwalt erklärte nach dem Freispruch: „Auch wenn alle Beweise zugunsten des Angeklagten sprechen, heißt das nicht, dass er unschuldig ist.“ Tatsächlich ging der Prozess in Abwesenheit von Akhanli weiter. 2013 wurde der Freispruch aufgehoben und es wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen.

Ein kafkaeskes Verfahren

Dogan Akhanli hat mehr als einmal von einem kafkaesken Verfahren gesprochen. Er geht fest davon aus, dass sein Buch „Die Richter des Jüngsten Gerichts“ der wahre Anlass für die Verfolgung durch die türkische Justiz ist. Denn darin befasst sich der Autor mit der Türkei zu Zeiten der Militärherrschaft und mit dem Völkermord an den Armeniern. Nicht zuletzt dieser komplexe Roman war für den deutschtürkischen Filmregisseur Fatih Akin ein Anlass gewesen, sich dem historischen Thema mit seinem Film „The Cut“ zu widmen. Akin sagte einmal: „Dogans Schriften waren Teil meiner Recherche. Künstler wie Dogan, Elif Shafak, der ermordete Hrant Dink und Orhan Pamuk, die alle über den Völkermord schrieben, haben mich motiviert.“

Dogan Akhanli wurde 1957 im Nordosten der Türkei geboren. Im Alter von 20 Jahren wurde er ein erstes Mal inhaftiert, weil er eine linksgerichtete Zeitschrift gekauft hatte. Nach dem Militärputsch in der Türkei im Jahr 1980 engagierte er sich im politischen Widerstand und saß zwei Jahre im Militärgefängnis von Istanbul ein.

Er floh nach Deutschland, wo er 1991 politisches Asyl erhielt. Er wurde als Türke zwangsausgebürgert und besitzt nur einen deutschen Pass. Seit 1995 lebt er in Köln. Auf Deutsch liegt neben „Die Richter des Jüngsten Gerichts“ (2007) auch das Theaterstück „Annes Schweigen“ vor, in dem der Völkermord an den Armeniern ebenfalls zur Sprache kommt. Zuletzt hat der Kölner Schriftsteller den Roman „Die Tage ohne Vater“ (2016) vorgelegt – die Geschichte eines Künstlers, der aus der Türkei flieht und in Köln politisches Asyl findet.

Akhanli ist dankbar, aber weiter kritisch

Wie dankbar Akhanli der Stadt Köln und Deutschland, der Demokratie und dem Rechtsstaat für die Unterstützung ist, hat er immer wieder betont. Als im Frühjahr eine Veranstaltung des Literaturfestivals Lit.Cologne an die ebenfalls von der Türkei drangsalierte Schriftstellerin Asli Erdogan erinnerte, sagte er über die Bedeutung der Solidarität: „Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes durch sie gerettet worden.“ Zugleich ist er aber auch in Deutschland der kritische Beobachter geblieben. In seiner „Möllner Rede“, die Akhanli im November 2016 in Erinnerung an den rassistischen Brandanschlag von 1992 hielt, beklagte er die rechte Gewalt gegen Flüchtlinge – ausgerechnet in seinem „Rettungsland“.

Von der politischen Verfolgung in der Türkei also erzählte Akhanli noch vor wenigen Wochen in dem Stück „Istanbul“ am Kölner Schauspiel. Die Inszenierung von Nuran David Calis ist ein Theaterprojekt, bei dem Anwohner und Geschäftsleute aus der Kölner Keupstraße, einem Zentrum multikulturellen Lebens in der Domstadt, gemeinsam mit Schauspielern auf der Bühne stehen. Sie unterhalten sich über die Auswirkungen der jüngeren Ereignisse in der Türkei auf das Zusammenleben auch in Köln. Einer der Zeitzeugen auf der Bühne war Dogan Akhanli. Am 30. September soll „Istanbul“ wieder gespielt werden. Ob Akhanli dabei sein kann, ist momentan nicht gewiss. Lohnend wäre dies auf jeden Fall.

Denn dann könnte Dogan Akhanli auch noch davon erzählen, wie weit die Tentakeln der türkischen Justiz reichen. Bis nach Granada. Bis in den Urlaub eines Bürgers der Bundesrepublik Deutschland.

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