Von ihrer Erkrankung will sie sich nicht unterkriegen lassen: Bis zur Schließung des Ladens will Petra Beuttler arbeiten. Foto: Simon Granville

Petra Beuttler schließt nach 44 Jahren ihr Schreibwarengeschäft in Hemmingen. Sie zieht der Familie wegen nach Sachsen. Zunächst muss die 48-Jährige aber noch eine Herausforderung ganz anderer Art meistern.

Wenn Petra Beuttler nicht gerade das Telefon abnimmt, dann kümmert sie sich im Laden um ihre Kundschaft. Frauen und Männer, Menschen aus Hemmingen, von denen die 48-Jährige viele kennt, auch persönlich, etliche gar duzt. „Die Gespräche werden mir mega fehlen“, sagt Petra Beuttler. Die Bindung zur Kundschaft sei groß in einem kleineren Ort wie Hemmingen. Petra Beuttler führt seit 22 Jahren das gleichnamige Schreibwarengeschäft in der Münchinger Straße. Mit Herzblut, wie sie sagt. Und was man schnell merkt, wenn man sie beobachtet und reden hört.

 

In wenigen Wochen ist damit Schluss: Petra Beuttler schließt Ende des Monats den Laden, unter dessen Dach sie neben Schul- und Büroartikel auch Zeitschriften und Zigaretten verkauft sowie eine Reinigungs- und Lotto-Annahmestelle sind, ebenso ein Paketshop. Ein umfangreiches Angebot, für das jetzt der Räumungsverkauf begonnen hat.

Die Sehnsucht nacheinander ist zu groß

Mitte Dezember macht sich Petra Beuttler mit ihrem Mann, ihrer Mutter und den zwei Hunden nach Sachsen auf. Sie gibt ihren Laden und damit ihre Selbstständigkeit auf, um wieder in der Nähe ihrer Tochter und der drei Enkel zu leben, die vergangenes Jahr weggezogen sind. Das Verhältnis zueinander ist eng, die Sehnsucht nacheinander groß. Zu groß. Sie würden sich jetzt nur noch drei, vier Mal im Jahr sehen, „damit kommt keiner von uns klar. Wir vermissen uns so“, sagt Petra Beuttler. Bislang hatte die 48-Jährige ihre Enkel im Alter von zwei bis acht Jahren alle zwei Wochen bei sich. Nach dem Umzug sei sie in ein Loch gefallen. Als sie feststellte, dass es mit der Zeit nicht besser wurde, im Gegenteil, beschloss sie, an der Situation etwas zu ändern. Ein neues Heim ist schon gefunden. Was noch fehlt, ist ein neuer Job.

Beruflich neu durchstarten wollte Petra Beuttler eigentlich im Januar. Dann als Angestellte, die noch 30 bis 40 Stunden in der Woche arbeitet statt wie jetzt 50 Stunden. „Das weiß man, wenn man sich auf die Selbstständigkeit einlässt“, sagt Petra Beuttler und meint damit das hohe Arbeitspensum. Sie ist sich auch bewusst, dass es anders sein wird, wenn sie nicht mehr die Chefin ist. Petra Beuttler lacht. „Ich kann mich zurücknehmen und muss nicht immer in der ersten Reihe stehen.“

Diagnose Brustkrebs im Juli

Zunächst muss Petra Beuttler aber noch eine ganz andere Herausforderung meistern. Im Juli haben die Ärzte bei der 48-Jährigen Brustkrebs diagnostiziert. Er sei früh erkannt worden und die Prognose sehr gut, erzählt Petra Beuttler. Sie geht offen mit ihrer Krankheit um und will sich nicht unterkriegen, gar bremsen lassen. „Augen zu und durch“, sagt Petra Beuttler voller Optimismus. Nun starte sie eben erst im Februar oder März durch und nicht wie geplant bereits im Januar. Überhaupt wolle sie bis zur Schließung des Ladens am 31. Oktober arbeiten und ihr Leben normal weiterführen.

Aufgeben kam für Petra Beuttler ohnehin noch nie in Frage. Das Fachgeschäft nahe dem Rathaus und Schlosspark wurde anno 1980 vom Schwiegervater gegründet. Nachdem er plötzlich verstorben war, übernahm im November 2002 die damals 26-Jährige den Laden. Der Schock angesichts des Todes sei groß gewesen. Doch es musste irgendwie weitergehen, auch mit dem Laden. „Du machst das“, habe es geheißen, erinnert sich Petra Beuttler. Jemand anders in der Familie sei nicht infrage gekommen.

„Die Familie hält zusammen. Nur so geht es“

Die junge Frau ist zwar gelernte Kauffrau, hatte aber andere Pläne. Zu jenem Zeitpunkt arbeitete sie in einer Bäckerei. Immer, wenn das Familienunternehmen eine neue Filiale eröffnete, hat Petra Beuttler das Personal eingelernt. Sie habe immer gern mit Menschen zu tun gehabt, erzählt sie. Und auch, dass es klar war, dass sie das Geschäft des Schwiegervaters fortführt. Bereut hat sie die Entscheidung nie. Rückblickend „war das genau das Richtige“. Die Kundschaft habe sie mit offenen Armen empfangen. Sie wiederum habe sich in ihre neue Aufgabe hineingefuchst und, wenn es nötig war, ehrlich kommuniziert, dass sie sich in dieses oder jenes Thema erst einfinden müsse. „Ich hatte immer Unterstützung. Die Familie hält zusammen. Nur so geht es.“

Die Folgen der Coronapandemie hat auch Petra Beuttler zu spüren bekommen. Der Internethandel boomte, und seit der Krise ist es im Schreibwarenladen ruhiger geworden. Wirtschaftlich sei es runtergegangen, blickt Petra Beuttler zurück. Die Leute würden mehr darauf achten, was sie kaufen. Mit einer Drogeriemarktkette konkurriert ihr Fachgeschäft zwar nicht, dafür mit der benachbarten Tankstelle und dem vergrößerten Supermarkt daneben. Dennoch, die Kundentreue sei „enorm“, sagt Petra Beuttler. So hätten zahlreiche Kunden das Ritual, am Wochenende bei ihr Lotto zu spielen und die Fernsehzeitschrift zu kaufen. Von dem, was der Laden abwirft, hätte sie gut bis zur Rente leben können. Petra Beuttler steht für gewöhnlich allein im Geschäft. Ihre Mutter packt bei Bedarf mit an, und am Schulanfang hatte sie weitere Helfer. Wie es weitergeht, ist offen. Der neue Besitzer hat laut Beuttler mehrere Interessenten.

Ein Ort der Kommunikation

Auch der Hemminger Bürgermeister bedauert die Schließung. Mit wie viel Geduld Petra Beuttler zum Beispiel für Kinder den richtigen Füller gesucht habe. Thomas Schäfer (CDU) sagt weiter, das Geschäft sei auch ein Ort der Kommunaktion. „Jede Lücke im Einzelhandel ist schade.“ Gleichwohl sei der Umzug menschlich nachvollziehbar.

Schäfers Ansicht nach ist der Ort gut aufgestellt mit Bäcker und Metzger, Discounter und Vollsortimenter, Apotheken und Gastronomie. Was fehlt? „Mehr geht immer. Wunsch und Wirklichkeit klaffen jedoch oft auseinander“, sagt der Rathauschef. So gebe es die Boutique gegenüber der Eisdiele nicht mehr. „Der Ruf nach Einzelhandel wird schnell laut, man muss ihn dann aber auch nutzen. Heute sind die Wege andere“, sagt Thomas Schäfer in Bezug auf den Onlinehandel. Zu bedenken sei auch die Inflation.