Schreiber-Garten in Stuttgart-Möhringen Was eine reiche Ernte lehren kann

Von Anja Tröster 

Bei sehr üppiger  Ernte   können  Wickel der etwas anderen Art helfen, Überschüsse zu verarbeiten: Reste von anderem Gemüse werden  in gedämpfte Kohlblätter gewickelt. Foto: Anja Tröster
Bei sehr üppiger Ernte können Wickel der etwas anderen Art helfen, Überschüsse zu verarbeiten: Reste von anderem Gemüse werden in gedämpfte Kohlblätter gewickelt. Foto: Anja Tröster

Selbstversorger zu sein, ist mitunter eine Herausforderung. Vor allem dann, wenn die Menge der Ernte weit über den Erwartungen liegt und man sich Gedanken darüber machen muss, wie man das viele Gemüse am besten verarbeitet.

Möhringen - Nur zwei Meter breit ist das Stück Feld, das ich neben dem Schreiber-Garten allein bearbeite. Darauf habe ich kürzlich fünf Kilo Kartoffeln der frühen Sorte geerntet. Mit dem Mangold, der in einer einzigen Reihe wächst, könnte ich locker unsere Badewanne füllen. Und von den Zucchini brauche ich gar nicht sprechen. Was wie das Happy End eines Gemüsegärtnertraums klingt, ist aber keines. Denn die Ernte ist nicht das Ende. Mit der Ernte fängt erst alles an. Das ist eine der ersten Lektionen, die ein Selbstversorger lernt.

Wie viele andere auch träume ich davon, keine Lebensmittel mehr in unserem Vier-Personen-Haushalt zu verschwenden. Glaubt man den Hochrechnungen der Initiative Tonnen für die Tonne und des WWF, dann wirft jeder Deutsche im Jahr etwa 82 Kilogramm Lebensmittel im Wert von rund 235 Euro weg. Etwa die Hälfte davon ist Gemüse. Lange Zeit dachte ich, wir wären deutlich besser als der Durchschnitt. Das Mindesthaltbarkeitsdatum bei abgepackten Lebensmitteln ignorieren wir seit Langem konsequent und routiniert. Und wir kaufen, da wir in der Stadt leben, fast jeden Tag ein, und zwar immer nur das, was wir für die nächsten Mahlzeiten als Ergänzung brauchen. Großeinkäufe mit dem Auto gibt es bei uns nicht.

Die richtige Lagerung will gelernt sein

Dann habe ich protokolliert, was ich wegwerfe: verschrumpelte Äpfel, verschimmelte Erdbeeren und Grapefruits. Einen Granatapfel, den ich unter einem Berg Obst begraben und vergessen hatte. Gurken und Paprika-Schnipsel, die beim Vesper machen übrig bleiben und den Rest Müsli, den die Kinder nicht aufgegessen haben. Immer wieder verderben kleine Reste im Milchschäumer, und viele Behälter mit sorgsam verpackten Resten von Mahlzeiten verlieren wir in unserem Kühlschrank von amerikanischen Ausmaßen einfach aus den Augen.

Anders als meine Kollegen habe ich schon im vergangenen Sommer bei Meine Ernte mitgegärtnert. Mit dem Anbau eigener Lebensmittel wollte ich lernen, wie ich die Verschwendung auf das Minimum reduziere. Stattdessen habe ich anfangs noch mehr weggeworfen, und zwar, weil ich regelmäßig mehr geerntet habe, als ich zuhause weiterverarbeiten konnte und weil ich bei manchen Lebensmitteln erst lernen musste, wie man größere Mengen davon richtig lagert. Der vermeintlich tolle Tiefkeller unseres Altbaus erwies sich zum Beispiel nicht als gemüsetauglich. Die Karotten sind dort wegen der hohen Luftfeuchtigkeit weich geworden und schnell verschimmelt, weil es zu feucht war.

Der mühsame Kampf gegen die Reste

Auch im Kühlschrank sammelten sich dauernd Reste, die keiner mehr essen wollte. Wer greift schon zu lommeligem Gemüse, wenn man ständig von allen Seiten hört, wie wichtig es ist, seine Familie nur mit frischen Lebensmitteln zu ernähren? Tatsächlich ist es in den meisten Fällen nicht Leichtfertigkeit oder Konsumwut, wenn Verbraucher Lebensmittel entsorgen, sondern eher Unsicherheit und Überforderung. Der Wunsch, Lebensmittel nicht zu verschwenden, kollidiert mit anderen Ernährungsidealen, wie der britische Soziologe David Evans feststellte, als er 2011 in der Stadt Manchester eine Zeit lang Menschen beim Einkaufen und Kochen beobachtete, um herauszufinden, wann und wie sich Nahrung in Abfall verwandelt. Evans zufolge ähnelte sich der Prozess bei allen Versuchspersonen, egal, ob es sich um Singles oder Familien handelte. Auch das Bildungsniveau machte keinen großen Unterschied. Das Ideal der Frische war das Problem.

Das war auch bei mir so. Nach dem ersten Schock angesichts der Erntemengen begann ich einmal pro Woche Gemüsebrühe aus allem zu kochen, was den Schnüffeltest besteht, sei es nun Mangold, Fenchel oder Bohnen. Alles wurde zu Brühe gekocht und dann in Risotto oder Suppen weiter verarbeitet. Das war ein guter Anfang im Kampf gegen Reste. Allerdings sollte man dann immer genug frisches Selleriegrün, getrocknete Lorbeerblätter, Pilze und Tomaten vorrätig haben. Denn nur mit diesen Zutaten schmeckt die Brühe richtig gut.

Eis aus Basilikum und Roter Bete

Zeitlich versetzt zu säen oder zu pflanzen, ist die zweite Möglichkeit, wie man einen Erntestau vermeiden kann. Das gilt auch dann, wenn man „nur“ zwei Meter lange Reihen hat. Auf dem Feld warte ich nicht mehr, bis auch der letzte Salatkopf reif und der erste damit schon am Blühen ist. Ich ernte beim erstbesten Zeitpunkt, esse auch mal Babyleafs, sprich: ganz zarte Blätter, und versetze gelegentlich Gemüse, um dann öfter, dafür aber weniger zu ernten. Dieses Jahr hab ich sowohl Knollensellerie als auch Schnittsellerie gepflanzt, um wieder Brühe machen zu können.

Eis aus Gemüse zu machen, ist ebenfalls eine Überlegung wert. Die Mischung aus Roter Bete und dunkler Schokolade, wie es auf dem Foodblog Krautkopf (www.kraut-kopf.de) veröffentlicht ist, hat auch Skeptiker überzeugt. Auch aus Basilikum, von dem man manchmal zu viel hat, lässt sich leckeres Speiseeis herstellen, und warum nicht eigene Chips machen, anstatt sie für viel Geld im Bioladen zu kaufen? Allerdings ließ die Konsistenz meiner Rote-Bete-Chips immer zu wünschen übrig.

Inzwischen geht das Experiment ins zweite Jahr. Noch immer verderben leider manchmal Lebensmittel bei uns, und leider fehlt mir dieses Jahr die Zeit, wie im Vorjahr mehrere Abenddaktionsgartene pro Woche im Garten zu verbringen. Ernteüberschüsse habe ich aber inzwischen besser im Griff, und zwar vor allem dank einer neuen Gewohnheit: Ich koche nicht mehr nach Rezepten. Ich schaue stattdessen stets zuerst, was dringend verbraucht werden muss, oder vielleicht sogar schon mehr als fällig ist, und dann erst überlege ich mir, was ich daraus mache. Das ist der unbequemere, aber auch eindeutig effektivste Weg, Lebensmittelreste zu vermeiden. Das Schöne daran: Es ist auch kreativ, nur anders.

Redaktion Möhringen

Ansprechpartner
Sandra Hintermayr und Rüdiger Ott
moehringen@stz.zgs.de

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