Schreiber-Garten in Stuttgart-Möhringen Damit das Gelenk nicht aus der Pfanne springt

Von Holger Raymund 

Eine  sehr gute Haltungsnote im Umgang mit der Hacke verdient sich Holger Raymund bei seiner    meditativen Arbeit  im  Schreiber-Garten leider nicht. Foto: Julia Bosch
Eine sehr gute Haltungsnote im Umgang mit der Hacke verdient sich Holger Raymund bei seiner meditativen Arbeit im Schreiber-Garten leider nicht. Foto: Julia Bosch

Die Arbeit im Schreiber-Garten in Stuttgart-Möhringen tut Körper und Geist gut. Trotzdem gilt es ein paar Dinge zu beachten, damit Rücken, Schultern, Knie und Co. nicht allzu sehr in Mitleidenschaft gezogen werden.

Möhringen - Zefix, Leute, es ist schon ein Kreuz mit dem Kreuz. Die Arbeit im Schreiber-Garten kann einem Schreibtischtäter wie unsereinem ganz schön auf die Knochen gehen: säen, hacken, heben, jäten, graben, schneiden, rupfen, gießen, ernten und so weiter, um dann wieder zu säen. Nicht zu vergessen: das Sammeln unserer ständigen Begleiter, der Kartoffelkäfer! Die Arbeit auf unserem Acker geht jedenfalls nicht aus. Und nach eben jener getaner meldet sich der Rücken, manchmal auch die Knie, die Schultern, die Oberarme. Und das soll gut für die Gesundheit sein?

„Ja, denn die Arbeit, also Bewegung im Freien, wirkt sich positiv auf Körper und Geist aus“, sagt Dr. Jan Vogeley. Für den Arzt von der Gemeinschaftspraxis für Orthopädie und Unfallchirurgie in Stuttgart-Degerloch ist ebenso wichtig, dass „man ein Auge für die Natur hat“ und so vielleicht ein Umdenken im Umgang mit ihr in Gang setze. „Aber trotz der vielen Vorteile habe ich fast jede Woche einen Gartenpatienten“, sagt Vogeley. Erst kürzlich habe er einen Mann behandelt, der zwar ein sportlicher Typus war, aber durch ungewohnte Belastung – in diesem Fall war es das Gießen – seine Schulter nicht mehr bewegen konnte. Ich hatte mit dem Gießen einigermaßen Glück: In meiner „Dienstzeit“ kam der Regen gerade recht. Äußerst schonend…

Rücken, Schulter oder Knie als Problemzonen

Die häufigsten Probleme treten am Rücken, an Schultern oder Knien auf, weiß Vogeley, manche bekommen einen sogenannten Tennisellbogen. Frauen haben häufig mit einer Arthrose des Daumensattelgelenks zu kämpfen, sagt Vogeley. Bei längerem Schneiden mit der Gartenschere zwickt mein Daumen auch – ist wohl meine feminine Seite.

Jedenfalls kommt bei der Gartenarbeit der ganze Körper zum Einsatz, und dass man jede Menge Muskeln beansprucht, kann ich nur bestätigen. Manche waren mir bis dato noch gar nicht bekannt. Wer also regelmäßig im Garten aktiv ist, kann sich zumindest im Sommer das Fitnessstudio sparen. Denn bei der Gartenarbeit trainiert man effektiv Muskeln, die im Alltag oft nicht zum Einsatz kommen. Aber genau damit könnten Hobbygärtner auch ein Problem bekommen, wenn sie ihre „klassischen Bewegungsmuster“ (Vogeley) verlassen. „Deshalb ist es ganz wichtig, Limits einzuhalten und Pausen zu machen“, rät Vogeley.

Schwere Arbeiten werden meist korrekt ausgeführt

Das scheinbar Paradoxe dabei: Schwere Arbeiten wie beispielsweise das Heben eines Pflanzkübels werden meist korrekt ausgeführt, also nah am Körper und aufrecht. „Die falsche Haltung kommt oft bei den leichteren Arbeiten vor“, sagt Vogeley. Beim Hacken wirke zwar kein Gewicht auf die Gelenke, trotzdem komme es bei zu gebeugter Haltung zu einem äußerst ungünstigen Hebel. „Übrigens wie beim Staubsaugen“, vergleicht Vogeley.

Noch problematischer werde es, sagt der Orthopäde, wenn man beispielsweise schon eine schmerzende Schulter habe, dann sei es ganz natürlich, diese zu schonen und entsprechende Arbeiten mit dem (noch) gesunden Arm auszuführen und ihn über Gebühr zu belasten. Deshalb sei es von Vorteil, sich einen Aufgabenplan zu machen und diesen auch einzuhalten. „Alles in Maßen, es muss nicht alles an einem Tag fertig werden“, sagt der Arzt. Vor allem schwere Gartenarbeiten wie Pflanzkübel umstellen oder Hecken schneiden sollten auf mehrere Tage verteilt werden.

Gartenarbeit als Kalorienkiller

Immerhin: Beim Buckeln auf unserem kleinen Stückle Land verbraucht man doch die eine oder andere Kalorie. Es sorgt also nicht nur der Verzehr des im Schweiße unseres Angesichts angebauten Bio-Gemüses für einen knackigen Körper, schon vor der Ernte schmilzt Überflüssiges weg! Das ist auch wichtig, denn bis vor Kurzem hielt sich bei uns die Ausbeute in Grenzen. Grünkohl gibt es aber reichlich.

Für mich war Grünkohl ja immer ein Herbst- oder Winteressen, aber die vitaminreiche Oldenburger Palme, wie der Kohl im Volksmund unter anderem genannt wird, hat auch bei hochsommerlichen Temperaturen echt saulecker gemundet. Zugegeben, auch Lauch, Zwiebeln und Rote Beete gedeihen im Schreiber-Garten prächtig. Ach ja, und Kaventsmänner an Zucchini hab ich auch schon abgeschnitten. Gebückt natürlich, also mit einer Überbeugung, wie der Fachmann sagt. Ist es denn besser, auf den Knien rumzurutschen? „Richtig wäre es gewesen, die Positionen zu wechseln“, sagt Dr. Vogeley. Ich werd’s mir merken.

Gut für das Herz-Kreislaufsystem und gegen Stress

Aber nicht nur für den Gelenkapparat und die Muskeln ist Gartenarbeit förderlich. Gärtnern gleicht laut Techniker Krankenkasse (TK) einem mäßigen Kardiotraining. Auch wenn man nicht unbedingt ins Schwitzen kommt, rege es dennoch den Blutkreislauf an und wirke sich somit positiv auf das Herz aus. Außerdem seien sich die Experten einig, dass die Arbeit im Freien Körper und Seele guttut. Das Grün, die vielen Farben und die beruhigenden Naturgeräusche wirken entspannend, senken den Blutdruck und sollen Schmerzen lindern. Die Gartenarbeit habe durch das Pflanzen und mit den Händen in der Erde wühlen zusätzlich einen meditativen Charakter. Somit helfe sie noch effektiver beim Stressabbau und sorge für gute Stimmung. Auch dem kann ich nur zustimmen. Diese Art der körperlichen Anstrengung verursacht schon auf gewisse Weise ein befriedigendes Gefühl.

Übrigens habe ich bei meinem Kampf gegen die Kartoffelkäfer den Tipp einer Leserbriefschreiberin beherzigt, und die Viecher in einem Gefäß mit Spiritus gesammelt. Kein Massaker, einfach von den Blättern abgestreift und in Nullkommanix in Methanol konserviert, ganz ohne Blutbad.

Redaktion Möhringen

Ansprechpartner
Sandra Hintermayr und Rüdiger Ott
moehringen@stz.zgs.de

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