Robert und Constanze Keller mit ihren Töchtern Eleanor (links) und Emilia. Foto: privat/privat

Familie Keller hat vor vier Jahren den großen Schritt gewagt und ist von Freiburg in ein kleines schottisches Dorf gezogen. Dort betreibt das Paar nun ein Feriendorf. Ein Besuch in Taynuilt.

Zuerst ist da die Stille. Betritt man das Grundstück der Kellers, auf dem neben ihrem eigenen Wohnhaus sieben Ferienhäuser stehen, ist es auffallend ruhig. Verkehr gibt es hier, am Rande des 600-Seelen-Dorfs Taynuilt nahe der schottischen Highlands, kaum. Auf der Wiese des benachbarten Grundstücks grasen Kühe, ein Bach fließt hinter dem Wohnhaus entlang. „Wer aus der Großstadt zu uns kommt, muss sich oft erst einmal an die Stille gewöhnen“, sagt Robert Keller (39), der im Oktober 2020 mit seiner Frau Constanze aus der Schweiz in das Örtchen Taynuilt gezogen ist.

 

Kennenlernen in Freiburg

Dort haben sie gemeinsam die Airdeny Chalets übernommen und versorgen seitdem die Gäste ihrer Ferienhäuser. Beide sind gebürtig aus Deutschland, haben sich 2014 in Freiburg kennengelernt und sind dann in die Schweiz gezogen. Constanze Keller hat in Zürich Hotelmanagement studiert, ihr Mann arbeitete im Finanzsektor, bevor sie sich entschlossen, sich in Schottland selbstständig zu machen.

Nun leben sie idyllisch dort, wo andere Menschen gerne Urlaub machen. Ihre sieben Ferienhäuser sind den Sommer über oft vollständig von Niederländern, Franzosen und Deutschen gebucht, in den kälteren Jahreszeiten kommen dagegen viele Briten. Jedes der Häuschen verfügt über eine eigene Küche und ein Bad und ist nach einer anderen schottischen Persönlichkeit benannt.

Idylle pur: Die Ferienanlage der Kellers liegt am Rande des kleinen Orts Taynuilt. Foto: Constanze Keller

Da das Ehepaar keine Angestellten hat, machen sie alles selbst. „Im Sommer arbeiten wir oft 60 Stunden in der Woche, aber im Winter gleicht sich das dann wieder etwas aus“, sagt Constanze Keller, während ihre zweijährige Tochter Emilia fröhlich vom Schoß ihrer Mutter zu dem ihres Vaters hin- und her wechselt und Hündin Ronja um Aufmerksamkeit buhlt. Schnell wird klar, dass hier immer viel los ist. Aus der Ruhe bringt das die Kellers aber nicht. Stattdessen planen sie vorausschauend und sind flexibel.

Brexit-Deadline sorgte für Druck

In der kalten Jahreszeit, wenn weniger Gäste kommen, renovieren sie je eines der Ferienhäuser. Auch hier machen sie das Meiste selbst. Da kommt es ungelegen, dass der nächste Baumarkt zwei Autostunden entfernt ist und viele Firmen nicht in die menschenarme Region Schottlands liefern, in der die Kellers wohnen. Die Handwerker, die etwa bei der Elektrik helfen, interpretieren Termine zudem eher als vage Zeitangaben. Trotzdem ist die Familie sehr froh, den Umzug gewagt zu haben.


Der Zeitpunkt dafür war heikel. Im Herbst 2020 stand der zweite Corona-Lockdown bevor, und Constanze war mit ihrer ersten Tochter schwanger. Ein Aufschub kam nicht infrage, weil die Brexit-Deadline am 31. Dezember 2020 näher rückte. Wer bis dahin nicht im Land war, für den wurde eine Einwanderung ohne britischen Pass fast unmöglich. „Das hat zwar zeitlichen Druck aufgebaut, hatte aber den Vorteil, dass wir so gezwungen waren, den Umzug schnell durchzuziehen“, sagt Robert Keller.

Und so kündigten sie ihre Jobs, packten ihre Sachen und fuhren quer durch halb Europa, um im abgelegenen Taynuilt ein neues Leben anzufangen. Für Schottland entschieden sie sich, weil beide schon lange für das Land schwärmen und es bereits vor dem Umzug gut kannten. „Meine Eltern haben mich mit 16 hierhin geschickt, um Englisch zu lernen, und als sie mich besucht haben, fanden sie es dann selbst toll“, so Constanze Keller. Ihre Eltern wohnen inzwischen auch in Schottland. Für die Kellers kommt kein anderes Land mehr infrage, auch nicht Deutschland.

„Unsere beiden Töchter haben so gut wie keine Verbindung zu Deutschland“, sagt Constanze Keller. Die ältere Tochter Eleanor geht mit ihren vier Jahren inzwischen in den Kindergarten, wo sie Englisch mit schottischem Akzent lernt. Sitzt man bei ihnen am Küchentisch, hat man den Eindruck, die vierköpfige Familie hat sich perfekt in ihr neues Leben eingefügt. Constanze und Robert Keller wirken entspannt und zufrieden mit ihrer neuen Wahlheimat. Die Faszination und Begeisterung für Schottland wird schnell erkennbar, ohne dass sie ihre neuen Lebensumstände romantisieren.

Freundliche Menschen, aber langsame Bürokratie

„Die Menschen sind unglaublich herzlich hier und wir wurden sehr schnell in die Dorfgemeinschaft aufgenommen“, sagt Constanze Keller über Schottland. „Aber natürlich gibt es nicht das eine perfekte Land“, ergänzt die 32-Jährige. So sind die Lebenshaltungskosten in Schottland höher als in Deutschland, hinzu kommen oft niedrigere Löhne.

Den Stress, den es bedeutet, eine eigene Ferienanlage ohne fremde Hilfe zu managen, merkt man dem Ehepaar nicht an. Es scheint eher so, als seien sie mit einer realistischen Vorstellung dessen, was sie erwarten würde, nach Schottland gereist.

Doch so groß die Liebe zu dem Land im Norden Großbritanniens ist, gut 1600 Kilometer von der alten Heimat entfernt funktionieren manche Dinge anders und sind anfangs gewöhnungsbedürftig. „Die Menschen sind hier entspannter, was auch bedeutet, dass die Bürokratie langsamer ist als in Deutschland“, sagt Robert Keller. Dauert es nach dem Umzug Wochen, bis man eine Sozialversicherungsnummer bekommt, kostet das einige Nerven.

Auch im Gesundheitssystem gibt es Unterschiede zu Deutschland, wie Constanze Keller merkte, als sie ihre zweite Schwangerschaft komplett in Schottland durchlebte: „In unserem Teil des Landes, der sehr ländlich ist, sieht man normalerweise während der gesamten Schwangerschaft keinen einzigen Arzt.“ Um den Fortschritt der Schwangerschaft festzustellen, messen Hebammen, die in Schottland befugter sind als in Deutschland, den Fundusstand, also den Abstand zwischen dem obersten Rand der Gebärmutter und dem Schambein. „Letztendlich fand ich das sehr viel entspannter als die engmaschige Kontrolle in Deutschland“, sagt die zweifache Mutter rückblickend.

Wer in diesem Teil Schottlands lebt, kann wohl gar nicht anders, als zu entschleunigen. Oban, der nächste größere Ort, ist gut 20 Kilometer entfernt. Mit ihren rund 8000 Einwohnern gilt die Stadt schon als groß. Viele ihrer Besorgungen können die Kellers dort erledigen, doch auch Oban kommt schnell an seine Grenzen, wenn es um die Sehnsüchte einer deutschen Auswandererfamilie geht. „Sonntags eine große Auswahl an frisch gebackenen Brötchen“, antwortet Constanze Keller auf die Frage, was sie vermisse. Doch die Familie weiß sich zu helfen und backt inzwischen Brot selbst.

Nah am eiskalten Meer

Auf Robert Kellers Liste stehen dagegen Baggerseen weit oben: „Die gibt es in der Region rund um Freiburg fast überall, hier ist das dagegen eine Seltenheit.“ Dafür haben es die Kellers nicht weit bis zum Meer, das im Norden Schottlands jedoch zu jeder Jahreszeit ziemlich eisige Temperaturen hat.

Gelegenheit, ihre Freunde zu vermissen, hat die vierköpfige Familie dagegen kaum: „Die kommen alle sehr gerne zu Besuch, weshalb wir sie inzwischen vermutlich öfter sehen als damals in Deutschland“, sagt Robert Keller und lacht. Wer einmal auf der Wiese der Kellers mit Blick auf den Ben Cruachan gestanden und die Stille genossen hat, versteht, warum.