Aline van Proosdij krempelt ihr Leben um und entdeckt das Laufen für sich. Foto: privat

20 Jahre lang trinkt Aline van Proosdij heimlich, bis ein Absturz alles verändert. Heute läuft die Schorndorferin Marathons – und macht ihre Sucht öffentlich.

Es geht viele Jahre gut. Aline van Proosdij hat ihr Leben scheinbar im Griff – doch es ist der Alkohol, der sie im Griff hat. In der Schwangerschaft und vor den Kindern hat sie nicht getrunken, sonst aber eigentlich ständig. Trotzdem kümmert sich die heute 43-Jährige um die Familie, hat einen Job und führt ein scheinbar normales Leben. „Es sah alles wie heile Welt aus: ein Haus in einer Neubausiedlung, zwei Kinder, zwei Autos, alles nahezu perfekt also.“

 

Doch hinter der Fassade war nichts perfekt, und Aline van Proosdij hätte sich gewünscht, dass es jemand bemerkt und sie schon früher gezwungen gewesen wäre, sich ihrer Sucht zu stellen und etwas zu unternehmen. „Alkohol wird in der Gesellschaft toleriert. Überall gibt es Menschen mit Alkoholsucht, und überall wird Alkohol getrunken. Man wird ja eher komisch angeschaut, wenn man das Weinchen ablehnt, als andersherum.“ Um darüber aufzuklären, das System anzuprangern – und vor allem, um zu zeigen, dass man den Absprung trotzdem schaffen kann – möchte die Schorndorferin von sich und ihrer Sucht berichten. „Mein Ziel ist es, das Thema Alkoholabhängigkeit bei berufstätigen Frauen und Müttern sichtbar zu machen und zur Entstigmatisierung beizutragen.“

Aline van Proosdij: Vom Alkohol zur Marathonläuferin auf Instagram

Dabei greift sie teils zu drastischen Mitteln – die 43-Jährige zeigt ihr Leben auf Instagram – mit allem, was dazugehört. „Dort gibt es auch jede Menge Bilder aus meiner Zeit mit dem Alkohol. Ich beschönige nichts.“ Aber Aline van Proosdij zeigt auf Social Media ebenso, wie ihr der Ausstieg gelang und vor allem durch was. Zahlreiche Beiträge zeigen die zweifache Mutter im Sportoutfit und mit Startnummer auf dem T‑Shirt. Neun Marathons ist die Frau, die einige Jahre in Holland gelebt hat, schon mitgelaufen; sie trainiert fast täglich.

Aline van Proosdij ist schon mehrere Marathons mitgelaufen. Foto: privat

„Ich teile meine Erfahrungen öffentlich auf Instagram, um Betroffenen zu zeigen, dass ein Ausweg möglich ist. Ich möchte Menschen dazu animieren, genauer hinzusehen, da ungesundes Trinkverhalten in unserer Gesellschaft oft verschwiegen wird.“ Viel zu lange habe sie trotz Abhängigkeit nach außen hin perfekt funktioniert: als Ehefrau, Mutter, im Pflegeberuf sowie im sozialen Umfeld. „Aber man hätte nur meinen Schlafzimmerschrank öffnen müssen, dann hätte man eine Minibar darin gefunden“, sagt Aline van Proosdij und fügt hinzu, dass ihre Sucht ein schleichender Prozess gewesen sei und erst in der Coronazeit alles eskaliert und ans Licht gekommen sei. „Nach einem besonders heftigen Absturz wusste ich: Wenn ich so weitermache, bin ich bald tot. Also fing ich an, zu kämpfen.“

Ein Blick zurück zeigt das ganze Ausmaß ihres Kampfes. Längst trinkt die Schorndorferin nicht mehr nur Wein, sondern „querbeet, auch harte Sachen, Hauptsache es ist Alkohol drin“. Den Kater am nächsten Morgen bekämpft sie mit Tabletten oder einem „Konter-Bier“. Sie sei eine Meisterin im Schauspiel gewesen in dieser Zeit, sagt die 43-Jährige an Tag 1209 ohne Alkohol.

„Ich hätte überfahren werden oder erfrieren können“

Fast dreieinhalb Jahre ist sie mittlerweile trocken, doch die Erinnerungen an den wohl schlimmsten Tag ihrer Sucht wühlen sie trotzdem noch auf. An diesem Tag trinkt sie noch einmal mehr als sonst, verletzt sich, hat einen Blackout, verliert ihre Wertsachen und weiß, als sie langsam wieder nüchtern wird, dass sie großes Glück hatte, die Nacht überlebt zu haben und nicht durch einen Unfall gestorben zu sein. „Ich hätte überfahren werden, an meinen Verletzungen sterben oder in der kalten Nacht erfrieren können. Meine Entscheidung, dass endlich was passieren muss, stand fest.“

Von heute auf morgen trinkt Aline van Proodij – abgesehen von einem Ausrutscher – nichts mehr. Nach einer ambulanten Rehabilitation beim Kreisdiakonieverband strukturiert sie ihr Leben neu, trennt sich vom Vater ihrer Kinder, zieht in eine neue Wohnung und wechselt die Arbeitsstelle – ein wesentlicher Teil ihrer Genesung war der Sport. „Ich habe gerade noch rechtzeitig die Reißleine gezogen und mich von einer rauchenden und trinkenden Person zur Marathonläuferin entwickelt.“ Sie laufe wöchentlich zwischen 40 und 50 Kilometer und teile dieses Hobby mit ihrem Partner.

„Ein rauschfreies Leben war nicht erstrebenswert“

„Früher habe ich, egal ob etwas toll oder schlimm war, getrunken. Ich dachte nicht, dass ich ohne Alkohol glücklich sein kann. Ein rauschfreies Leben war nicht erstrebenswert. Doch jetzt hole ich mir meine Motivation und Glücksmomente über den Sport und spüre endlich wieder, was mir gut tut.“ Aline van Proosdij ist stolz auf ihren Kampfgeist und genießt die Ruhe, die in ihr neues Leben eingezogen ist. „Bewusste und eigenverantwortliche Entscheidungen, ohne ,Wegtrinken’ von Gefühlen und Problemen, das kriege ich jetzt hin“, sagt die zweifache Mutter, die aktuell in der außerklinischen Intensivpflege arbeitet und durch den Sport ein ganz anderes Körperbewusstsein hat. „Ich habe 20 Kilo abgenommen. Wenn jetzt irgendwas nicht in Ordnung ist, greife ich nicht zur Flasche, sondern ziehe mir die Turnschuhe an und laufe los.“

Sowohl bei ihrem neuen Arbeitgeber als auch im privaten und schulischen Umfeld der Kinder geht die Schorndorferin ehrlich mit ihrer Suchterkrankung um. „Jeder weiß, dass ich trockene Alkoholikerin bin und man mir kein Glas Wein hinstellen darf. Bisher war die Resonanz nur positiv. Die Leute finden es toll, dass ich das offen und mutig sage, und unterstützen mich auf meinem Weg.“ Und genau das möchte Aline van Proosdij auch tun – anderen Menschen helfen, den Kampf gegen die Sucht aufzunehmen. „Mir hat damals auch ein Podcast geholfen. Deshalb habe ich auch einen eingesprochen und hoffe, dass ich jetzt anderen Mut machen kann.“

Aline van Proosdij – Marathons statt Alkohol

Info
Auf Instagram kann man den Weg von Aline Proosdij auf ihrem Profil aline_is_running verfolgen.