Immer öfter müssen junge Leute bei der krankheitsbedingten Absage von Prüfungsterminen um eine Erstattung bangen – weil selbst ärztliche Atteste nicht anerkannt werden.
Leben lässt es sich gut in Oberberken – zumindest, wenn man ein Auto hat oder nicht oft aus dem Haus muss. Denn mit dem Nahverkehr ist es in dem Schorndorfer Teilort so eine Sache. Eine Bahn fährt auch in Zeiten des Drei-Löwen-Takts nicht auf die Höhen des Schurwalds. Und auf den Bus zu warten, ist für die knapp 1500 Einwohner nicht eben vergnügungssteuerpflichtig.
Immerhin einmal stündlich quält sich ein VVS-Gefährt den Buckel hoch, um beim 1879 erbauten Gemeindebackhaus die Fahrgäste einzusammeln. Zumindest werktags. An Samstagen und Sonntagen flammt die schöne neue Welt der Mobilität nur alle zwei Stunden mal kurz auf. Und um 21 Uhr ist ohnehin Schluss mit dem Bus, egal ob am Wochenende oder unter der Woche.
Mobilität in Oberberken: Der Traum vom eigenen Fahrzeug Wer nach Einbruch der Dämmerung noch rauf will auf gut 500 Meter Höhe muss die Beine in die Hand nehmen – oder ein Taxi. Vor diesem Hintergrund dürfte verständlich sein, dass sich junge Leute aus Oberberken nichts sehnlicher wünschen als einen fahrbaren Untersatz. Selbst mobil zu sein, ist in einem Ort, in dem es neben der Johanneskirche, einer SB-Filiale der Volksbank und dem Sportplatz noch nicht mal mehr einen geöffneten Lebensmittelladen gibt, ein echter Mehrwert.
Das ist für Paul Höbler nicht anders. Denn der Jugendliche aus Oberberken macht für Bildung und Freizeit ganz schön Strecke. Dass der 16-Jährige viel unterwegs ist, liegt nicht nur daran, dass er in Schorndorf die Schulbank drückt und in Esslingen seine Flamme sitzen hat. Auch für die Leichtathletik bleibt viel Zeit auf der Straße. Paul Höbler ist Hammerwerfer, als Mitglied des Landeskaders muss er bis zu fünfmal in der Woche trainieren. Das bedeutet lange Wege, zumal die sportliche Heimat bei der LG Filstal in Göppingen und Uhingen angesiedelt ist, die Muckibude für die Extra-Einheiten aber in Schorndorf – die Mama muss für diverse Abholdienste bedeutend öfter Elterntaxi spielen als ihr und ihm lieb sein kann.
Führerscheinfrust durch doppelt geforderte Tüv-Gebühren Die Lösung für das Mobilitätsproblem heißt Leichtkraftrad. Eine 125er-Maschine soll es sein, die den Jugendlichen aus Oberberken unabhängiger macht – wenn, ja wenn der vermaledeite Führerschein endlich im Geldbeutel stecken würde. Allerdings hat sich der Traum von der Mobilität für Paul Höbler und seine Familie als teurer Spaß entpuppt – weil zu den Kosten für die Fahrstunden und der Anschaffung des erträumten Motorrads noch doppelt kassierte Prüfungsgebühren für den Tüv kommen.
Die große Hürde auf dem Weg zum Führerschein entwickelt in jüngerer Zeit nämlich die Tendenz, bei kurzfristigen Absagen von Prüfungsterminen gern auch ein zweites Mal die Hand aufzuhalten – und früher durchaus akzeptierte Verfahren wie eine nachgereichte Krankmeldung nicht mehr durchgehen zu lassen. „Da wird ein bürokratisches Monster aufgebaut, um die Leute zu beschäftigen“, schimpft Thomas Schaal, der in Schorndorf seit vier Jahrzehnten als Fahrlehrer unterwegs ist und auch Paul Höbler auf dem Weg vom Trottwar auf die Straße betreut.
Krankheitsbedingte Absagen und fehlende Ansprechpartner Ärztliche Bescheinigungen würden aus fadenscheinigen Gründen nicht akzeptiert, einen direkten Ansprechpartner gebe es seit der Umstellung auf eine Kommunikation per Online-Formular auch nicht mehr.
„Früher hätte man bei einem Krankheitsfall beim Tüv angerufen und den frei werdenden Termin einfach für die Prüfung eines anderen Führerscheinbewerbers genutzt“, sagt Fahrlehrer Thomas Schaal, der bis zur vergangenen Kommunalwahl für die CDU-Fraktion auch im Schorndorfer Gemeinderat aktiv war.
Der Fahrlehrer kann jedenfalls gleich mehrere Beispiele aufzählen, bei denen es mehr ums Geld und die internen Vorgaben als um ein umsichtiges Verhalten im Straßenverkehr ging. Bei Olena Abramian, einer jungen Frau aus der Ukraine, stellte sich die Prüforganisation quer, weil der behandelnde Mediziner ihr zwar mit Stempel und Unterschrift eine ärztliche Bescheinigung ausgestellt hatte, in dem Schreiben aber nicht der Begriff „Attest“ aufgetaucht war.
Außerdem bemängelte der Tüv, dass der Doktor von einer „bettlägerigen Erkrankung“ geschrieben hatte. Erst als der Schorndorfer Hausarzt die Formulierung in einer zweiten Bescheinigung auf „arbeitsunfähige Erkrankung“ geändert hatte, war auch der Tüv zufrieden – und erstattete der finanziell nicht auf Rosen gebetteten 24-Jährigen wenigstens die Prüfungsgebühr.
Kein Geld zurück gab es hingegen für Jungsportler Paul Höbler – obwohl sich der 16-Jährige einen Infekt eingefangen und die Nacht vor der Führerscheinprüfung mit triefender Nase und hohem Fieber verbracht hatte. Weil an Freiheit auf zwei Rädern gar nicht zu denken war, nahm sich die Mama extra frei und kutschierte den Sohnemann schon frühmorgens zum Arzt. „Wegen eines hochfieberhaften Infekts ist eine Teilnahme an der praktischen Motorradprüfung krankheitsbedingt nicht möglich“, schrieb die Schorndorfer Praxis ins noch am selben Tag an den Tüv versandte Attest.
Pech gehabt: Der Tüv kassiert trotz ärztlicher Entschuldigung Genützt hat es nichts, seine Prüfungsgebühr in Höhe von immerhin 150 Euro musste der Oberberkener in den Wind schreiben. „Leider kann die eingereichte Entschuldigung nicht anerkannt werden, weil sie nicht den Vorgaben entspricht“, heißt es in der Post von der Sachbearbeitung. Und: „Die Prüfungsgebühr wird berechnet.“
Weshalb sich die Prüforganisation quer stellt, hat selbstredend einen Hintergrund. Nicht zuletzt wegen des oft beklagten Mangels an Prüfungsterminen ist es gerade bei Fahrschulen im Stuttgarter Raum zu einer Mode geworden, möglichst viele Teilnehmer auf Verdacht anzumelden und die Termine im Zweifelsfall wieder abzusagen.
Gegen diese Entwicklung wehrt sich der Tüv allerdings – mit dem oft kleinkariert erscheinenden Pochen auf formale Vorgaben. „Da wurde auch Schindluder getrieben, das liegt auf der Hand“, räumt der Fahrlehrer Thomas Schaal ein Versäumnis der eigenen Branche ein.
Bedauerlich nur, dass ausgerechnet die Fahrschüler unter dem Zwist um die Terminabsagen zu leiden haben – und teilweise doppelt zur Kasse gebeten werden.
Wenn es bei Paul Höbler in ein, zwei Wochen so weit ist mit dem zweiten Führerscheintermin, würde er sich wohl über einen Rabatt bei der Prüfungsgebühr freuen. Vielleicht spendiert ihm der Tüv ja auch eine Tankfüllung Sprit – für den weiten Weg von Oberberken in die Welt.