Corona hat das Geschäft des kleinen Circus Bravissimo ausgebremst. Seit fast zwei Jahren lebt die Zirkusfamilie mit ihren Tieren in Schönaich. Sie haben so einiges erlebt, obwohl sie nicht gereist sind.
Schönaich - Wie selbstverständlich traben Laila und Tara ganz alleine vorbei am großen Zirkuszelt von ihrem Gehege auf die Koppel. Ungewöhnlich ist das für Zirkustiere.
Aber die beiden Kameldamen sind die Ruhe selbst. Weder hektisches Hundegebell noch die umherstreifenden Zwerghühner scheinen die Tiere zu beeindrucken. Sie finden den Weg auch ohne menschliche Hilfe. Das liegt nicht nur daran, dass die stattlichen Tiere mit den beiden Höckern intelligente Wesen sind, sondern auch weil sie das Feldlager an der Steinenbronner Straße in Schönaich seit rund zwei Jahren bewohnen.
Dass der Circus Bravissimo genau an dieser Stelle steht, liegt am schlagartigen Einbruch Coronas. Der erste Lockdown hat die Zirkusfamilie Frank kalt erwischt. Statt Wanderzirkus mit ständig wechselnden Standorten, hieß es, sesshaft sein. Für einen Betrieb, der von Auftritten im Zirkuszelt, in Kindergärten und Seniorenheimen lebt und 60 Tiere zu versorgen hat, kein leichtes Unterfangen. „Uns sind plötzlich die Einnahmen weggebrochen. Wir hatten schon Auftritte geplant, die Werbung war geklebt“, erzählt Giuliano Frank. Aus zwei Wochen wurden zwei Jahre in Schönaich. Finanzielle Unterstützung erhielten die Franks mit Ehefrauen und drei Kindern vom Amt. Aber was passiert mit den Tieren und wo darf die Familie ihre Zelte aufbauen?
„Zum Glück wurde uns schnell Hilfe angeboten. Ein Landwirt hat uns erlaubt, hier auf dem Feld zu bleiben. Auch die Gemeinde war hilfsbereit. Sogar Heu wurde uns geschenkt“, erzählt Frank. Ohne Lebensmittelspenden für die tierischen Mitbewohner wäre die Lage noch drastischer geworden. „Wir sind sehr dankbar für die Hilfe. Auch aus Böblingen, Holzgerlingen und Weil im Schönbuch gab es Unterstützung“, so Ehefrau Sabrina Frank.
Die Solidarität war groß mit Mensch und Tier
Bis heute fühlen sich die Franks in Schönaich wohl. Die Kinder gehen dort in die Schule, haben Freundschaften geschlossen, die für die zirkuserfahrenen Eltern in deren Jugend schwerer zu pflegen waren. Es war an der Tagesordnung, dass der Circus Bravissimo von Stadt zu Stadt reiste. In Schönaich besteht reger Austausch. „Wir bekommen täglich Besuch von Menschen, vor allem von Kindern, die unsere Tiere sehen und mit uns sprechen möchten. Wir sind offen, jeder darf vorbeischauen“, betont Giuliano Frank.
Franks pflegen Transparenz beim Umgang mit ihren Tieren
Der Kontakt mit der Umgebung sorgt auch dafür, dass Gäste einen Blick hinter die Kulissen eines Zirkus erhalten. Das interessiere nicht nur das Veterinäramt, das regelmäßig Kontrollen zu Haltung und Pflege der Tiere durchführt, auch zum Thema Zirkus kritisch Eingestellte könnten sich hier ein Bild machen. Tierdresseur Frank: „Die Tiere sind Familienmitglieder. Ihr Wohl liegt uns sehr am Herzen. Auch deshalb fahren wir kurze Wege zu den Auftrittsorten, damit wir so wenig wie möglich auf den Straßen unterwegs sind.“ Bruder Walter, der einzige in der Familie ohne italienisch-klingenden Namen, weil die Mutter den Sohn unbedingt nach ihrem Vater benennen wollte, fügt hinzu: „Die meisten der Tiere haben wir selbst aufgezogen, so zum Beispiel die zwei Kamele, die Mutter und Tochter sind.“ Schon der Opa arbeitete mit den genügsamen und zuverlässigen Wüstentieren. Ob die lange Pause Einfluss auf die Showroutine von Mensch und Tier haben? „Nein“, sagt Giuliano Frank. Um das zu beweisen, stemmt der 31-Jährige seine vierjährige Tochter Kiana an beiden Armen nach oben. Die kleine Artistin streckt die Arme und macht einen Handstand in der Luft über den Kopf ihres Vaters. Die Tiere werden im Training gehalten, besonders die Hunde, die dank ihres natürlichen Spieltriebs mit Feuereifer an den Shows teilnehmen. Im Sommer kamen auch die Bauernhoftiere etwas raus. „Wir sind mit den Hühnern, Ziegen, Schafen oder Alpakas in Seniorenheimen auf Tour gewesen. Das kam sehr gut an, vor allem bei Demenzerkrankten, die plötzlich lächeln und das Streicheln der Tiere sehr genießen“, erzählt Giuliano.
„Schönaich ist ein Stück Heimat geworden“
Die Pandemie hat die Franks und ihren fast 200 Jahre alten Familienzirkus herausgefordert. Die Frage nach einem neuen Quartier, besonders im Winter, bleibt ungeklärt – Tipps aus der Bevölkerung würden gerne entgegengenommen. „Wir bräuchten ein Feld von etwa 40 mal 40 Meter mit möglichst festem Untergrund, es kann auch eine leerstehende Lagerhalle sein. Bei Regen draußen auf Matsch und im Winter bei Schnee – das ist schon hart“, erklärt Artistikexperte Walter Frank, während er eine der beiden Kameldamen am Halfter führt.
Nun schauen die kleinen und großen Artisten, Zauberer und Tierdresseure mit Vorfreude auf das kommende Jahr, wenn ihr Kerngeschäft wieder anlaufen kann. Wenn sie wieder reisen, auftreten und Geld verdienen können, um der Berufung nachzugehen, der schon ihre Vorfahren 1812 in Schwerin als Gaukler nachgingen. „Für März 2022 haben wir schon Auftritte vereinbart. Spätestens dann werden wir auch Schönaich verlassen, das für so lange ein Stück Heimat geworden ist“, so Giuliano Frank.