Der Choreograf Johann Kresnik (1939–2019) Foto: dpa/Jan-Peter Jasper

Er wollte aufrütteln und schockieren, Grenzen überschreiten und das Unrecht anklagen: Der Choreograf Johann Kresnik hat den Tanz politisch gesehen und sich in seinen Stücken gern mit bekannten Namen befasst, von Frida Kahlo bis Ulrike Meinhof. Auch in der südwestdeutschen Tanzszene hat er Spuren hinterlassen.

Stuttgart - Beinahe wäre Johann Kresnik in jungen Jahren beim ganz klassischen Ballett gelandet. Als Solotänzer in Köln zeigte er derart Talent, dass ihn George Balanchine zum Gastauftritt in New York einlud. Doch der 1939 in St. Margarethen geborene Kärntner zeigte sich noch wesentlich beeindruckter vom Aufbruch des bundesdeutschen Theaters in den 1960er Jahren, von der Zuspitzung und Radikalisierung der Themen und der Ästhetik, vom Anspruch einer jungen Generation, nicht nur die Kunst, sondern auch die Gesellschaft zu verändern. Seine Idee war, die Mittel des Tanzes und des Schauspiels zu vereinen. Dabei kam das „choreografische Theater“ heraus, mit dem Kresnik in den folgenden Jahrzehnten zum festen Teil des deutschen Spielbetriebs wurde.

Seine ersten Stücke befassten sich 1967/68 mit Texten schizophrener Patienten und mit dem Attentat auf Rudi Dutschke. Kurt Hübner, zu dieser Zeit der mutigste Theaterintendant der Bundesrepublik, machte den knapp Dreißigjährigen zum „Ballettdirektor“ in Bremen. Aber schon die Stücktitel jener Jahre machen deutlich, dass hier nichts mehr an Ballett erinnerte: „Kriegsanleitung für jedermann“, „Schwanensee AG“, „Jesus GmbH“ – Kresnik brachte seine Tänzer in harten, verstörenden, oft gewalttätigen Szenen auf die Bühne und scheute vor Schockmomenten niemals zurück. Das Ziel des überzeugten Kommunisten und Atheisten war es, Strukturen der Unterdrückung zu enthüllen und die Lügen der Herrschenden zu entlarven. Eine gewisse Schwarz-Weiß-Malerei wohnte seinem Schaffen notwendig inne, passte aber natürlich damals in die hochpolitisierte und polarisierte Zeit.

Die Zeiten änderten sich bekanntlich, Johann Kresnik aber blieb seinem Stil geradezu unerbittlich treu: als Tanzchef in Heidelberg, an der Volksbühne in Berlin oder in Bonn. Eine Spezialität von ihm waren „vertanzte Biografien“: „Ulrike Meinhof“, „Frida Kahlo“, „Gründgens“, „Hannelore Kohl“ (nach deren Selbstmord 2004 in Bonn), „Gudrun Ensslin“ (2005 mit Studenten in Stuttgart). Ein Tanzkritiker nannte Kresnik einmal „Berserker“. Das war er zweifellos aus tiefer Überzeugung. Am Samstag ist er im Alter von 79 Jahren in Klagenfurt gestorben.

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