Dagmar von Münster-Lazi in ihrem kleinen Kalligrafie-Atelier an der Esslinger Lazi-Akademie. Foto: /Gaby Weiß

Dagmar von Münster-Lazi aus Esslingen liebt die Kalligrafie. In Kursen begeistert die Schrift-Künstlerin Menschen für die Kunst des schönen Schreibens. Welche Auswirkung das auf Körper und Geist hat.

Sie hat sich vor vielen Jahren Hals über Kopf in die Kalligrafie verliebt – in die „Kunst des schönen Schreibens“. „Eine kalligrafische Schrift ist nicht unbedingt leicht lesbar. Einer meiner Lehrer meinte: Wenn Du lesen willst, kauf‘ dir ein Buch“, erzählt Dagmar von Münster-Lazi aus Esslingen. In ungezählten Kursen hat sie ihr eigenes Können geschult. Mittlerweile leitet sie selbst Workshops und lebt ihre Kreativität aus, indem sie Texte in kunstvoll gestalteter Schrift auf aquarelliertem oder collagiertem Malgrund als aussagekräftige „Schrift-Bilder“ präsentiert: „Worte verfliegen, Schrift bleibt.“

 

Schon als Kind hat Dagmar von Münster-Lazi die unterschiedlichsten Schreibweisen ausprobiert: „Mal ganz schräg nach rechts, dann extrem nach links geneigte Buchstaben, mal mit riesigen Os, mal mit geschwungenen Schnörkeln. Wir Mädels haben uns Briefe in Schönschrift geschrieben. Und zum Lernen habe ich Texte immer von Hand abgeschrieben, um sie mir einzuprägen“, erzählt sie. Als Zwölfjährige hat sie sich mit dem Beschriften der Baupläne im Architekturbüro ihres Vaters ein Taschengeld dazuverdient.

Als sie vor rund 25 Jahren im Leitungsteam der Esslinger Lazi-Akademie einen Unterrichtsbesuch bei einem Typografie-Dozenten machte, war sie völlig fasziniert, als der Schreibgerät und Wasserglas auspackte und mit dem kalligrafischen Schreiben begann. „Das möchte ich lernen!“ Fortan besuchte sie Kurse und lernte nach und nach alles über historische Schriften wie Unziale und Halb-Unziale, humanistische und römische Kursive, Fraktur und Textura.

Der Ruling Pen bringt wilde Schriften mit expressiven Spritzern aufs Papier und sorgt für ein interessantes Schriftbild. Foto: Gaby /Weiß

Schnell merkte sie, dass dieses Hobby ihr gut tut: „Beim Kalligrafieren fällt alles von mir ab, da komme ich runter, das ist Kontemplation pur. Man schreibt wie in Zeitlupe, Strich für Strich. Man beschäftigt sich intensiv mit einem einzelnen Buchstaben, sucht nach dem perfekten Schriftbild, man ist hoch konzentriert und vergisst alles um sich herum.“ Dagmar von Münster-Lazi richtete sich ein kleines Atelier ein, begann, selbst Kurse zu geben und bot an der Lazi-Akademie Workshops an: „Unsere Studierenden freuen sich, mal nicht an der Tastatur oder am Touchscreen zu sitzen. Sie genießen es, mit der Hand zu arbeiten“, hat die Akademieleiterin beobachtet.

Lettering und Kalligrafie – was ist der Unterschied?

Bis sich mit Kalligrafie freilich professionelle Einladungen, tolle Urkunden oder ein aufregender Eintrag in ein Gästebuch gestalten lassen, heißt es erst einmal: geduldig üben, üben und nochmals üben. Und es gibt einen Unterschied zum Lettering, einem Trend, der gerade vor allem in den Sozialen Medien einen großen Hype erfährt. Beim Lettering werden die Buchstaben gemalt und Korrekturen sind erlaubt, beim Kalligrafieren geht es tatsächlich ums flüssige Schreiben der Buchstaben.

Neben typografischem Wissen über den Aufbau von Buchstaben ist beim Kalligrafieren die Auswahl des richtigen Handwerkszeugs wichtig: Tinte oder Tusche? Raues oder glattes Papier? Schreibe ich mit Federkiel, Füllfederhalter, Pinsel, Ziehfeder oder lieber mit einer aus einer Getränkedose selbst hergestellten Colafeder? Oder greife ich zum Ruling Pen, der wilde Schriften mit expressiven Spritzern aufs Papier bringt? Auch ein einfacher Ast lasse sich als Stift verwenden, betont Dagmar von Münster-Lazi: „Jedes Schreibgerät bietet jede Menge Variationsmöglichkeiten. Wenn ich es sanft aufdrücke, kräftig anpresse, noch einen kleinen Wischer anfüge, nur mit der Kante aufsetze – jedes Mal erziele ich andere Effekte.“

Erst durch Druck fließt beim Kalligrafieren die Tinte

Zum Aufwärmen werden beim „Einschreiben“ zunächst Striche mit dem Bleistift, oben dicker, nach unten dünner werdend, geschrieben. Anschließend folgen Schwungübungen. Genau wie Ober- und Unterlängen, Abstände und Weiten, Auf- und Abstriche, Duktus und Schreibwinkel muss auch die Schreibtechnik erlernt werden: „Die Feder zum Beispiel ist vorne geöffnet. Aber erst durch Druck fließt die Tinte. Wann muss ich drücken, wann loslassen?“, erklärt Dagmar von Münster-Lazi die Feinheiten. Dann gehe es an die einzelnen Buchstaben des gewählten Alphabets, die später zu ersten Worten, dann zu kleineren Texten ästhetisch ausgewogen zusammengefügt werden. Dabei passieren trotz aller Präzision immer wieder auch Schreibfehler, gibt sie zu: „Man ist voll konzentriert, man schreibt nur drei Worte – dann vergisst man plötzlich einen Buchstaben. Und man kann nicht korrigieren, also muss man alles noch einmal schreiben.“

Obwohl jeder kalligrafischen Schrift genaue Regeln zugrunde liegen, lässt vor allem die moderne Kalligrafie auch einen individuellen Stil zu: „Je nach Werkzeug, Schreibflüssigkeit, Papier und Stimmung hat man die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks und der eigenen Emotionen“, betont Dagmar von Münster-Lazi, die ihre Arbeiten auch in Ausstellungen zeigt. „Ab dem Moment, in dem man das Gefühl hat, dass der Stift an der Hand angewachsen ist, dass die Schrift direkt aus einem selbst herauskommt, wird das Handwerkliche zur Kunst“, beschreibt sie ihre Faszination für die Kunst des schönen Schreibens.

Von Hand schreiben

Kalligrafie
Das Wort Kalligrafie leitet sich aus dem Griechischen von „kallos“ für Schönheit und „graphein“ für Schreiben und Zeichnen ab. Die „Kunst des schönen Schreibens“ ist eine viele Jahrhunderte alte Kulturtradition. Um sie der Nachwelt zu überliefern, wurden zum Beispiel die heiligen Schriften Bibel, Koran und Thora nach strengen Regeln kunstvoll abgeschrieben und zum Teil auch künstlerisch verziert.

Handschrift
„Die Handschrift unserer Studierenden in den Klausuren ist oft eine Katastrophe“, bedauert Dagmar von Münster-Lazi. „Auf Handschrift wird in Zeiten des Tippens auf PC und Handy einfach kein Wert mehr gelegt, das ist bedauerlich. Denn das Schreiben von Hand fördert die Feinmotorik und hat auch kognitive Aspekte: Informationen, die man von Hand aufgeschrieben hat, kann man besser behalten.“

Schönschrift
Wenn Dagmar von Münster-Lazi Post von einem ihrer Kalligrafie-Kollegen erhält, gerät ihre Postbotin ob der handschriftlich gestalteten Briefumschläge jedes Mal ins Schwärmen, erzählt die Akademieleiterin. Sie kennt auch Kalligrafen, die Kurse zur Verbesserung der Handschrift anbieten: „Aber: Eine Handschrift entwickelt sich über viele Jahre, da ist es nicht einfach, Veränderungen vorzunehmen.“