Neue Schönheitsideal wie ein großer Po? „Ich verstehe das nicht als Schönheitsideal, dass man auf dem Po ein Champagnerglas abstellen kann“, sagt Werner Mang im Gespräch. In der Bildergalerie sehen Sie, was er damit meint. Foto: Bodenseeklinik

Seit vielen Jahren erfüllt Werner Mang Schönheitswünsche. Sein Geschäft hat seit der Coronapandemie zugenommen. Ein Gespräch über Grenzen der Chirurgie, Instagram-Wahnsinn, gesunden Lebensstil und die absurdesten Wünsche.

Stuttgart - Werner Mang (71) kommt direkt aus dem OP, um das Interview zu geben. Er scheint entspannt, der Laden läuft. Seit der Coronapandemie haben die Anfragen noch zugenommen. Ein Kunde wollte gerne ein Sixpack wie Ronaldo. Mang lehnt aber Anfragen wie diese ab. Auch einen Hintern wie Kim Kardashian mag er nicht gut heißen. Ein Gespräch darüber, was eigentlich schön ist, wo die Grenzen der Schönheitschirurgie sind und was sich Männer bei ihm wünschen.

 

Herr Mang, es ist 11.30 Uhr. Haben Sie heute schon operiert?

Ich komme direkt aus dem OP. Wir haben heute einen Hauttumor im Gesicht operiert, dann natürlich eine Nase, Lidkorrekturen, eine Fettabsaugung und jetzt macht mein Team eine Brust-Operation.

Alles dabei. Wenn es um Sie geht, wird nicht oft über Hauttumore gesprochen, sondern um Schönheitschirurgie.

Zwei Drittel an meiner Bodenseeklinik sind medizinische, rekonstruktive Eingriffe.

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Haben Schönheits-OPs während der Coronapandemie zugenommen?

Wenn es den Leuten nicht so gut geht, investieren sie viel in Gesundheit und Schönheit. Das war auch schon während der Finanzkrise so. In der Coronapandemie haben die kleinen Schönheits-OPs ab 2021 massiv zugenommen.

Wie erklären Sie sich das? Wir sind doch gar nicht mehr so viel unterwegs, meist mit Maske.

Es gibt mehrere Gründe. Bei Facetime und Skype sieht man schonungslos seine Falten. Wenn ich mit meinen Enkelkindern per Facetime spreche, sagen: „Opa, du hast aber Tränensäcke!“. Dann kommt dazu, dass die Leute nicht in Urlaub fahren konnten. So investieren sie ihr Geld in einen Ausflug an den Bodensee oder wohin auch immer. Und mit der Maske lassen sich die kleinen Schönheitsbehandlungen wie Botox, Hyaluronsäure, Minilifting, Fettabsaugung im Gesichtsbereich gut verstecken. Acht Tage hat man Schwellungen und kann dank Maske einkaufen gehen, ohne dass es erkannt wird.

Freuen Sie sich, dass Ihr Geschäft gerade gut läuft?

Ich wundere mich schon, dass das zugenommen hat. Wir haben zur Zeit viel zu tun. Es geht ja nicht vielen gut während der Coronapandemie: Aber Baugewerbe und Schönheitschirurgie boomen.

Ist Ihnen diese Entwicklung ganz geheuer?

Es missfällt mir einiges derzeit. Das Internet, Zuckerberg & Co. haben da kleine Monster geschaffen. Alle sind noch mehr am surfen – und durch Instagram werden die Wünsche immer absurder. Es geht nicht, dass 14-jährige Mädchen kommen, und sich die Lippen aufspritzen lassen wollen, weil ihre Vorbilder irgendwelche Influencerinnen sind. Das ist ja inzwischen ein Berufszweig geworden. Das sind Pseudo-Prominente. Es ist eine schlechte Entwicklung, dass unsere Jugendlichen mehr am Handy sind als auf dem Sportplatz oder im Musikunterricht. Das verwirrt unsere Gesellschaft.

Kinnimplantate, um Ryan Gosling oder Scarlett Johansson ähnlich zu sehen, Lippen wie Loredana, wer sind gerade die Stars, denen nachgeeifert wird?

Bis 1945 hat man sich an antiken Formen orientiert, am David von Michelangelo oder der Venus von Milo. Das waren ästhetische Formen. Nach dem Krieg war Brigitte Bardot mit kleiner Nase und großen Brüsten angesagt, dann kam die Twiggy und alle haben abgenommen. Anschließend war die Claudia-Schiffer-Ära. Jetzt kommen Dinge, die unsere Gesellschaft durcheinanderwirbeln. Zum Beispiel Kim Kardashian mit Po-Implantaten und Riesenbrüsten oder Kylie Jenner, die sich auch komplett hat umbauen lassen. Immer mit dem Hintergrund und der Aussage: Schaut her, so mit diesem Aussehen sind wir reich geworden. Das ist gefährlich.

Sind davon nur Frauen betroffen?

Die Männer holen auf. 1990 waren es vier, fünf Prozent, die sich einer Schönheits-OP unterzogen haben, 2010 waren es fast zehn Prozent. Heute sind es über zwanzig.

Was wünschen sich Männer?

Meist sind es im Alter Schlupflider und Tränensäcke. Seit sich Jürgen Klopp geoutet hat, sind es auch Haartransplantationen. Und natürlich lassen sich Männer auch Fett absaugen – Hüft- und Bauchspeck kommt ab 45 Jahren.

Was ist mit den Frauen?

Bei den Frauen sind es die kleinen Operationen, aber sonst steht immer noch die Brust auf Platz 1.

Ein anderer Trend betrifft den Po. „Brazilian Butt Lift“ wird der Eingriff genannt, bei dem das Gesäß vergrößert wird. Es heißt, dass Kim Kardashian den ausgelöst hat.

Dazu muss man wissen: In Brasilien sind die Männer nicht auf den Busen sondern auf den Po fixiert. Den Trend mache ich nicht mit. Silikonimplatate im Po können verrutschen, sich entzünden, das kann schmerzhaft sein. Ich verstehe das nicht als Schönheitsideal, dass man auf dem Po ein Champagnerglas abstellen kann. Fett sollte man auch nicht einspritzen. Das kann zurückgehen, Dellen und sogar Fettembolien verursachen. Es gab schon Todesfälle in Düsseldorf. Die Vergrößerung des Hinterteils ist nicht meine Form von Ästhetik. Vernünftige, plastische Schönheitschirurgie hat ihre Berechtigung: wenn ein Mädchen etwa unter eine Höckerlangnase leidet, ein fliehendes Kinn oder ungleiche Brüste hat. Wenn ein Mädchen eine Reithose, also dicke Schenkel, von der Mutter geerbt hat. Das kann man nicht wegtrainieren, aber absaugen. Ich hatte schon mal einen Antrag gestellt, dass das Kassenleistung sein sollte: Vernünftige Schönheitschirurgie ja! Aber gegen den Schönheitswahn spreche ich mich aus.

Wo sind ihre Grenzen? Was darf ästhetische Chirurgie?

Letzte Woche hatte ein Mann Ronaldo beim Spiel gesehen und fragte, ob er so ein Sixpack operiert haben könne. Das kann man nicht machen, da muss er ins Studio und sich quälen. Es kommen auch Frauen, die die Taille von Victoria Beckham und eine Rippe herausgeschnitten haben wollen. Wenn jemand Megaimplantate will, von über 500, 600 Gramm geht das nicht. Das ist vom Tragegefühl unangenehm. Eine hat sich in New York den Mittelfußknochen herausschneiden lassen, damit sie höhere High-Heels tragen kann. Ein Italiener kam letztes Jahr zu mir, weil er stramme Waden wie ein Bayer wollte. Ich habe ihm empfohlen, Kniestrümpfe zu kaufen und die auszustopfen. Das sind medizinisch nicht vertretbare Operationen. Aber immer wieder gibt es Chirurgen, die das durchführen. Als guter Schönheitschirurg muss man erkennen, was die Patienten antreibt.

Früher hatte man Schönheitsoperationen eher doch lieber geheim gehalten, heute rappt die Künstlerin Shirin David über ihren Eingriff: „Brazilian Butt Lift, Baby, don’t touch it“ – und benennt einen Song nach dem neuen Idealmaß: 90-60-111. Sinkt die Hemmschwelle?

Schönheitsoperationen sind heute ein Marketinginstrument. Auch die Frau Katzenberger lässt sich dabei fotografieren: Implantate rein, Implantate raus. Das ist eine kranke Entwicklung, dass solche Operationen im Internet dokumentiert werden.

Instagram verändert Schönheitsideale und die eigene Körperwahrnehmung. Wenn die gestört ist, spricht man von Dysmorphobie. Heißt das, dass viel mehr Menschen eigentlich psychologische statt chirurgische Hilfe benötigen?

Ich arbeite mit Psychologen zusammen, damit man den Menschen helfen kann. Deshalb schicken wir auch einige weg. Leider gehen sie dann manchmal ins Ausland, und kommen mit Katzenjammer zurück. Unter 18 Jahren sollte man niemanden operieren, sondern psychologisch führen. Ich rate den Jugendlichen Sport zu machen, in der Schule aufzupassen und vom Handy wegzukommen. Die Bilder, die auf Instagram vermittelt werden, entsprechen ja nicht der Realität. Es gibt eine Fehlentwicklung: Früher waren unsere Patienten zwischen 25 bis 60 Jahre, heute sind sie 14 bis 85 Jahre.

Zugleich gibt es doch in der Werbung endlich diverse Körper zu sehen und es gibt eine Body Positivity-Bewegung.

Das halte ich eher für Marketing.

Das heißt, es gibt für Sie ein althergebrachtes Schönheitsideal?

Für mich sind es zwei Bilder in der Chirurgie, die sozusagen einem Ideal entsprechen, die den Goldenen Schnitt haben. Bei den Frauen ist das für mich Grace Kelly mit der Gesichtsharmonie. Da stimmen alle Abstände. Grace Kelly ist der frühgotische Typ. Bei den Männern ist es der spätgriechische Typ, das ist George Clooney. Das sind zwei zeitlose ästhetische Gesichter.

Es können aber nicht alle aussehen wie Grace Kelly. Ist es nicht zu wünschen, dass jede und jeder aussehen kann, wie sie und er möchte.

Das ist mein erster Satz bei jedem Patienten: „Sie gefallen mir auch so. Aber jetzt erzählen Sie mir mal, was Sie beschäftigt.“ Man sollte Mängel nicht wie Freud aussitzen. Mängel kann man beseitigen, wenn sie jemanden wirklich unglücklich machen. Schönheitswahn aber ist etwas Anderes. Irgendwann geht es nur noch darum, aufzufallen.

Man könnte sagen, dass Sie den mit genährt haben.

Nein, der Übeltäter ist nicht die plastische Chirurgie. Die Keimzelle ist das Internet. Da werden falsche Schönheitsideale vorgegaukelt. Ich bin kein Freund des Internets, von mir auch könnte man das Internet wieder abschaffen. Dann wäre die Welt wieder mehr in Ordnung.

Ihre „Mang“-Nase wurde durch Götz George geprägt.

Das war 1984, da musste ich ihm die Nase flicken, weil er sich bei einem Dreh für den „Tatort“ nicht hat doubeln lassen. Ich hatte bei Ingrid Steeger eines der ersten Liftings gemacht. Das war spannend. Ich war da Pionier hierzulande.

Wie reich sind Sie durch den Wunsch nach Schönheit geworden?

Ich bin gutbürgerlich aufgewachsen. Wir waren sehr sparsam, da gab es keine Süßigkeiten an der Tankstelle. Es war eine strenge, aber liebevolle Erziehung. Ich bin von Sternzeichen Jungfrau, das ist mein Fleiß. Dann bin ich Aszendent Löwe, daher kommt mein Unternehmertum. Ich habe mir immer alles selbst verdient: das Studium habe ich mir als Taxifahrer und Tennislehrer finanziert. Ich habe alles in meine Ausbildung investiert und mir alle meine Träume erfüllt. Dass ich mal so viel Wohlstand habe, hätte ich nicht gedacht.

Sie kaufen gerne Kunst.

Das macht meine Frau, ich kaufe lieber Oldtimer.

Sie haben heute Vormittag schon operiert, wie geht Ihr Tag weiter?

Meine Tage sehen immer ähnlich aus. Morgens um 6.30 Uhr stehe ich auf, bekomme einen Pfefferminztee mit einer ganzen Zitrone, dazu eine Banane und zwei Vitamintabletten kredenzt. Um 8 Uhr bin ich im OP, in der Regel bis 12.30 Uhr. Ich esse zuhause, mache einen Mittagsschlaf und bin um 15 Uhr wieder in der Klinik, mache Sprechstunde und Verwaltungstätigkeiten. Um 18 Uhr gehe ich zum Sport, entweder zum Tennis oder zum Golf. Golf spiele ich aber nicht so gut. Ich versuche mich fit zu halten. Und ich bete jeden Abend, dass ich am nächsten Tag wieder arbeiten kann. Der OP ist mein Leben. Ich hoffe, dass ich bis 80 fit bleibe. Man kann viel selbst tun, um nicht zum Schönheitschirurgen zu müssen. Erstens ist es die Ernährung: Mediterrane Küche oder Intervallfasten bieten sich an. Man sollte sieben Stunden schlafen, das regeneriert die Haut. Sport ist wichtig. Das einzig gute am Handy ist die Schrittmessung. 10 000 Schritte sind normal, 5000 das untere Limit. Das schafft jeder. Man sollte Sport treiben, das Gewicht halten und ein ausgewogenes Sexualleben haben.

Zur Person

Werner Mang wird am 4. September 1949 in Ulm geboren und wächst in Lindau auf. Er ist einer der bekanntesten Schönheitschirurgen Deutschlands, gründete 1989 die Bodenseeklinik. Sein Spezialgebiet ist die Nase. Bekannt wurde er, als er in den 1980er Jahren die Nase des Schauspielers Götz George operierte. Seit der Coronapandemie hat sein Geschäft zugenommen. Über die Schattenseiten hat er jüngst ein Buch veröffentlicht: „Abgründe der Schönheitschirurgie. Verunglückte Operationen, Scharlatane, Instagram-Wahnsinn“ (Gräfe und Unzer).