Keine Kompromisse: Innen und außen dominiert Beton in dem Einfamilienhaus für eine vierköpfige Familie. Entworfen hat das Haus der Stuttgarter Architekt Thomas Finckh. Foto: FINCKH ARCHITEKTEN BDA/Thomas Finckh

Schwieriges Grundstück, anspruchsvolle Bauherren. Die preisgekrönte Lösung ist ein kompromisslos minimalistisches Einfamilienhaus mit herrlicher Schattenterrasse auf der Nordseite für eine vierköpfige Familie. Ein Besuch in Schorndorf.

Schorndorf - Lange Zeit haben sie gesucht nach einem Grundstück oder einem Haus, das sie renovieren könnten. Nichts. Gut aber, dass der Chef von Maren Šegrt eine bebaubare Fläche gekauft hatte, die er aber nicht mehr für einen Hausbau benötigte, weil er selbst doch lieber sein Elternhaus renovierte.

 

Allerdings war das knapp 700 Quadratmeter große Grundstück eben nicht in Stuttgart, wo die Familie lebte. Es hatte zudem eine ziemliche Hanglage. Ein Plus: Südhang. Ein Minus: In Richtung Süden schaut man auf die Straße und Nachbarhäuser. Trotzdem, der Preis stimmte, und die ans Grundstück grenzenden Streuobstwiesen – ein Idyll.

Die Bauherren schätzen die Kompromisslosigkeit des Architekten

Das gestaltungsaffine, in der Modebranche arbeitende Paar sagte Ja zu der Wiese in Schorndorf. „Ich habe mit 14 zu sparen begonnen, ich finde es wichtig, die eigenen vier Wände zu haben“, sagt Maren Šegrt. Realisiert sich ein derart lange gehegter Traum, sind die Hoffnungen und Wünsche entsprechend groß.

Die Bauherren suchten sich mit Thomas Finckh einen Stuttgarter Architekten aus, dem sie die schwierige Aufgabe zutraute. Eine gute Freundin hatte den Šegrts einen Bericht in der Zeitung über das Haus von Thomas Finckh in Esslingen weitergeleitet: extrem am Hang gelegen, viel Glas, Beton, weiße Einbaumöbel. „Das zweite Treffen fand bei ihm zu Hause statt und wir waren begeistert. Diese Kompromisslosigkeit hat mir imponiert“, sagt Milan Šegrt.

„Das ist ein Segen, wenn man beim Entwerfen so frei sein darf“, gibt der Architekt das Kompliment zurück. Sichtbeton dominiert also außen und die 237 Quadratmeter Wohnfläche. Die Einbaumöbel und anderen Möbel sind weiß, bis aufs schwarze Sofa und Stühle.

Preis für „Beispielhaftes Bauen“

Zu den Nichtfarben gesellen sich Pflanzen, farbenfrohe Accessoires, etwa ein rosafarbener Elefanten-Hocker im Kinderzimmer. Finckh: „Bunt wird ein Haus durch all die kleinen Dinge, mit denen die Eltern und zwei Kinder ihr Zuhause beleben.“ Lob gab es dafür auch von der Architektenkammer Baden-Württemberg, dem Preis für „Beispielhaftes Bauen“. Sowohl für die reduzierte wie konsequente Materialwahl, wie auch für den Umgang mit der Natur.

Das Projekt selbst nennt der Architekt „Gebaute Landschaft“. Das trifft es ziemlich gut. Natur bildet den Rahmen des Hauses, das in drei Würfel zerteilt ist. Es schmiegt sich in die Landschaft hinein, ist zugleich maximal offen und hell. Die Würfel ermöglichen geschickte Öffnungen dort, wo es gewünscht ist, und Schutzräume, wo man für sich sein will.

Dennoch war die Bauherrin zuerst skeptisch. Eine Terrasse auf der Nordseite? Ist das nicht düster drinnen und schattig draußen? In der bisherigen Zeit, berichten die Šegrts, seien sie angesichts der extremen Hitze oft froh gewesen, im Schatten auf der Nordseite den Sommer genießen zu können.

Und das ohne neugierige Blicke. Wäre die Terrasse auf dieser Seite gelegen gewesen, hätten alle Spaziergänger und Nachbarn der vierköpfigen Familie auf die Kuchenteller schauen können. So hat das Paar zwar auch einen Blick hinunter ins Tal und auf die gegenüberliegenden Hügel, aber eben vom Schlafzimmer aus, und wenn dann abends der Blick auf die kleinen Lichter in der Ferne schweift, ist das deutlich heimeliger als würde man tagsüber auf die architektonisch disparaten Häuser schauen.

Blicke auf die idyllische Streuobstwiese

Was die Furcht vor Düsternis betrifft: Zuweilen ist es im Haus so hell, dass man sich eine Sonnenbrille aufsetzen könnte. Betritt man das Haus, geht es links in Richtung Sportraum (im Sommer wird der Yoga-Morgengruß schon auch mal draußen auf der Ostterrasse praktiziert). Einige Stufen führen hinauf in den Wohnbereich (hinter einer Wand an der Treppe verbirgt sich ein beneidenswert großer Schuhschrank); oben sind in einem Würfel Elternschlafzimmer und das Bad mit hellgrauen Mosaikfliesen.

Im zweiten Würfel zwei gleich große Kinderzimmer mit 2,5 Meter breiten, bodentiefen Fenstern – „weil Kinder eben gern auf dem Boden spielen“, wie Thomas Finckh sagt. Auf der unteren Ebene ist eine Einliegerwohnung mit Orientierung nach Westen, die oft von den Omas genutzt wird, wenn sie zu Besuch kommen und die Familie unterstützen.

Da sich das Familienleben vor allem im Wohn- und Küchenbereich abspielt, hat der Architekt mit großen Fensterflächen viel Natur ins Haus geholt. Und weil die Šegrts nette Nachbarn haben, durften sie die Apfelbäume der angrenzenden Streuobstwiesen besonders schön schneiden. Steht ein Familienmitglied in der Küche und schaut aus dem 2,50 Meter breiten Fenster, ist der Blick frei auf Baum und Wiese. Postkartentauglich.

70 Spots in der Betondecke

Der Bauherr stimmt zu, sagt aber, dass sein Blick dann doch manchmal nicht in die Landschaft schweift, sondern aufs Haus gerichtet ist. Von der langen Terrasse ist vom Liegestuhl aus der stolze Blick aufs eigene Haus verständlich. Das Haus hat von der Nordost-Seite aus etwas Skulpturales – auch innen mit den interessant gesetzten Fensterflächen und der wie frei schwebend wirkenden Treppe.

Gebaute Kunst, in der man energiefreundlich und gemütlich wohnen kann. Das liegt auch an der Dämmung: 37-Zentimeter-Außenwände, innen und außen Sichtbeton mit einer zehn Zentimeter dicken Kerndämmung aus Phenolharz.

Geheizt wird mittels Luft-Wasser-Wärmepumpe. Dass eine besonders gute verwendet wurde, danken wegen der Geräuscharmut die Nachbarn. Die Beheizung und Kühlung der Räume erfolgt über in der Sichtbetondecke eingelassene Leitungen via Luft-Wasser-Wärmepumpe.

Nur eines muss man halt mögen: rohe Betonoberflächen im „veredelten“ Rohbau. Wenn schon, denn schon, sagten sich die Bauherren. Kompromisse – etwa Holz und Beton zu kombinieren – wollten sie nicht eingehen. Angesichts des riesigen Turmdrehkrans mit 45 Meter Ausladung und der Größe der Betonfertigteile haben die Nachbarn schon während der Bauphase nicht schlecht gestaunt.

70 Spots in der Betondecke blendfrei eingelassen sorgen für Licht an dunklen Tagen. Und damit das Fernsehgerät nicht im Raum steht, gibt es in der Wandnische eine passgenaue Aussparung dafür.

Kalter Beton? Von wegen!

„Gestrichen wird da schon noch?“, solche Fragen kamen, berichten die Bauherren mit einem Lachen. Doch sie sagen sich: „Je schlichter, desto besser.“ Maren Šegrt: „Ich finde, es gibt kein Gefühl der Kälte, wir haben uns gleich wohlgefühlt.“

Auch die Pflanzen gedeihen hier zwischen dem Beton: Auf der unteren Westseite wachsen Tomaten, Möhren und Kohlrabi. Prächtig sprießt auch der Eukalyptus zwischen Doppelgarage und Hausaufgang neben den Betontreppenplättchen (die wie locker in die Wiese gedrückt wirken).

Das Flirrende der grüngrau schimmernden Blätter macht sich apart neben dem glatten Beton. Auch die Wahl der Pflanzen will eben bedacht sein bei der Gestaltung eines kompromisslosen und wohnlichen Gesamtkunstwerks.