Gute Aussichten: Blick auf Zürich-West aus dem obersten Stockwerk des Haus Alder. Foto: Valentin Jeck/ Fuhrimann Hächler Architekten

Nein, das ist kein Rohbau, dieses Einfamilienhaus im Westen Zürichs ist fertig gebaut. Und in seiner radikalen Konsequenz ein rares Meisterwerk der Architektur. Zu Besuch in einem perfekt unperfekten Haus in einer der teuersten Städte der Welt.

Das Spannende an Großstädten, die diese Zuschreibung verdienen, ist ihre Fähigkeit zur Transformation. Metropolen verändern sich ohne Unterlass, sie häuten sich, sie wachsen in alle möglichen und unmöglichen Richtungen.

 

Und Städte erfinden sich nach Kriegen und Krisen neu, manchmal sogar zum Vorteil ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Ein eindrucksvolles Beispiel für solch eine Transformation ist Zürich-West. Im Soziologenjargon wird das Viertel als Stadtentwicklungsgebiet bezeichnet.

Zahnräder und Milchpulver

Bis Anfang der 90er Jahre war Zürich-West ein klassisches Industriegebiet mit Fabrikhallen, Lagergebäuden und Geräteschuppen. Auf den unterschiedlichen Arealen wurden unter anderem Pumpen, Getriebe und Zahnräder produziert („Maag“), Milchprodukte wie Joghurt und Milchpulver hergestellt („Toni“), Seifen und Waschmittel angefertigt („Steinfels“) und Textilien gefärbt („Schöller“). Daneben gab es eine Brauerei („Löwenbräu“), den Schiffbau („Escher Wyss“) und unzählige Werkstätten. Doch es folgte der Strukturwandel, ein beschönigender Ausdruck für Fabrikschließungen, Arbeitsplatzabbau und Verfall des Quartiers. Erst einmal.

Tatsächlich erkannten die Stadt und namhafte Investoren das Potenzial der Gebäude, Hallen und Brachflächen unweit der Zürcher Innenstadt. Man ließ die Abrissbirnen im Depot, setzte stattdessen auf das Konzept der Umnutzung und Sanierung. Und heute? Ist Zürich-West ein begehrter Wohnkiez, ein Ausgehviertel mit vielen Restaurants und Bars, mit großartigen Kulturstätten wie dem Schiffbau, der Theaterhalle des Züricher Schauspielhauses.

Zitat des Industriellen

Wenn also Daniel Alder aus dem Fensterband im obersten Stockwerk seines Hauses schaut, erkennt er in der Ferne nicht nur das Alpenpanorama. Der Rechtsanwalt schaut auch auf den im Wandel befindlichen Stadtteil Zürich-West. Nur wenige Gehminuten entfernt vom Escher-Wyss-Platz im Herzen von Zürich-West befindet sich das Haus von Daniel Alder, im bürgerlichen Nachbarviertel Wipkingen, auf einer Anhöhe mit einer grandiosen Aussicht über die Stadt, die zu den teuersten der Welt zählt.

Der Bau selbst zitiert das Rohe, Unfertige des ehemaligen Arbeiterquartiers. Der unregelmäßige sechseckige Grundriss ergab sich aus den baurechtlichen Gegebenheiten, glücklicherweise sind die Abstände zu den Nachbarbauten großzügig ausgefallen, vor allem zu der ebenfalls noch recht neuen Altenresidenz.

Beim Haus Alder, das schon kurz nach seiner Fertigstellung 2018 zu einer Pilgerstätte für Architekturstudenten wurde und dem einer Architektenjury den ersten Preis bei dem Wettbewerb zu den „Häusern des Jahres 2021“ zugesprochen hat, fragt man sich, was oder wen es beherbergen könnte, selbst wenn man es genauer weiß. Ein Forschungslabor? Ein Architekturstudio? Eine Trafostation? Nein, es handelt sich um ein alles andere als klassisches Haus für eine Familie.

Ein Meisterwerk des Schweizer Architektenduos Gabrielle Hächler und Andreas Fuhrimann, das bekannt für seine skulptural wirkenden Bauten ist, bei denen sich scheinbar Gegensätzliches zu einer wunderbaren Einheit fügt: Das Raue und das Glatte, das Schwere mit dem Leichten. Das Erd- und das Obergeschoss haben eine Betonschalung bekommen, die zwei mittleren Etagen aber wurden mit karminrotem Backstein versehen, der normalerweise bei landwirtschaftlichen Bauten zum Einsatz kommt.

Noch außergewöhnlicher als diese provokante Profanität ist die Tatsache, dass der aus den Fugen quellende Mörtel nicht abgestrichen, sondern stehen gelassen wurde. Einfach so, wie beim Rohbau. Das Resultat ist verblüffend: eine netzartige Struktur des scheinbar Unvollkommenen, welche die in der Architektur so dominante Sehnsucht nach Perfektion ironisch visualisiert.

Ein Haus braucht ja gar keine Fassade, die Ziegelwände selbst bilden die Hülle. „Das Nichtabstreichen des Mörtels . . . da war ich zögerlicher als meine Frau“, gibt Daniel Alder zu, der sich aber dann doch hinreißen ließ – und den Schritt nicht bereut. Im Gegenteil: „Wir waren sofort von diesem konsequenten, ja radikalen Konzept überzeugt, vor allem auch davon, dass Materialien verbaut werden sollten, an denen man die Bearbeitungsspuren stärker sieht“, erklärt Daniel Alder, während er durch sein Haus führt.

Architekturaffiner Bauherr

Das Äußere hat nicht zu viel versprochen: Auch im Inneren findet das radikale Konzept seine Fortsetzung. Türen finden sich lediglich bei den Badezimmern und Toiletten, ansonsten dienen allenfalls vereinzelte Schiebewände zur räumlichen Portionierung. Viele Lösungen sind zugleich minimalistisch und praktisch. „Ich wollte möglichst günstig, aber robust bauen. Die Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro war problemlos, was sicher auch daran liegt, dass ich sehr architekturaffin bin“, sagt Daniel Alder.

Kluge Reduktion bedeutet vor allem auch: Sparsamkeit ohne Abstriche bei der Ästhetik. Das gilt etwa für den Boden. „Ursprünglich planten wir das Verlegen eines Terrazzo-Bodens, dann haben wir mit dem Betonboden die wesentlich kostengünstigere Variante gewählt.“

Ein herkömmliches Wohnzimmer gibt es auch nicht. Dafür kann man überall sitzen und liegen, was angesichts der ausgesuchten Designerstücke eine Qual der Wahl bedeutet. Der Clou aber ist die Treppe, die weit mehr ist als ein Aufgang. Gabrielle Hächler und Andreas Fuhrimann machen die Bewegung innerhalb des Hauses zu einem ganz eigenen Raumerlebnis in der Vertikalen. Durch die skulpturale Gestaltung der Betontreppe und der Räume verändert sich – das ist zumindest der subjektive Eindruck – ständig die eigene Perspektive.

Inspiration durch das Vaterhaus

Und wenn man dann oben angekommen ist, dort, wo die Küche und der lange Tisch warten, wird man mit dieser Sicht auf die Berge belohnt – und auf den Westen Zürichs, wo jetzt viele Kreative wohnen und arbeiten. Zu ihnen zählen auch Gabrielle Hächler, die mit Ihrem Partner ein Architekturstudio in der Hardturmstraße betreibt, einen Steinwurf vom Haus Alder entfernt, diesem zurecht preisgekrönten rohen und ungeschliffenen Edelstein.

Woher die Idee für den Bau kam, fragt man sich, woher diese Konsequenz? „Die Inspiration kam von einem Gebäude, das 1964 erstellt wurde und das Atelier meines Vaters ist, der Bildhauer war. Der Architekt war Pierre Zoelly, der mit meinen Eltern befreundet war“, berichtet Gabrielle Hächler.

„Die tragende Backsteinwand sollte das Gewichtige und das Handgemachte spürbar machen, deshalb wurde der herausquellende Mörtel in den Fugen nicht wie üblich vom Maurer abgezogen. Das entstehende Bild mag suggerieren, dass die Mauer unfertig ist. Die Wirkung der Fassade wird aber so plastischer und erhält eine Tiefenwirkung, die auch ein Schattenspiel je nach Sonnenstand erzeugt.“ Und selbst bei Nieselregen an einem grauen Spätnachmittag leuchtet das Haus selbstbewusst von der Züricher Halbhöhe. Entstanden ist ein Bauwerk mit einer einzigartigen Präsenz. Oder anders gesagt: ein brutal schönes Haus.