Bauen auf engstem Raum und im historischen Bestand ist eine echte Herausforderung. Dass es geht, beweist ein preisgekröntes Architektenhaus in Tuttlingen.
Dass hier womöglich ein männlicher Single mit einem gewissen Faible für Autos residiert, wird schon beim Eintritt ins Haus deutlich. Man steht nämlich im Erdgeschoss gleich neben dem Wagen des Bewohners, was ja ziemlich praktisch ist, wenn man ehrlich ist. Beim Ausladen der Einkäufe oder Einladen des Reisekoffers sind die Wege kurz und keine Tür knallt einem vor der Nase zu.
Das Haus ist schmal, zu viele Wände würden in der Garage ohnehin nur stören, die gleichzeitig als Technikraum und als Eingangshalle fungiert, von der aus man über eine Treppe ins erste Stockwerk steigt – oder in den kleinen, auf der Vorderseite befindlichen Garten gelangt. Das Haus ist wie ein perfekt passender Slim-Fit-Anzug, bei dem der Schneider auf unnötige Innentaschen verzichtet.
Der Bau wird von den älteren Tuttlingern immer noch als „d’Spalte“ bezeichnet. Damit ist das einstöckige, zwischen zwei gewöhnliche Bauten gepresste Haus mit Satteldach gemeint, das früher mal hier auf dieser ehemaligen Handwerkerinsel an der Donau stand und in dem ein Handwerk betrieben wurde, das in dieser Gegend schon lange ausgestorben ist: das Spalten von Leder.
Altbau oder Neubau?
Bis Ende der 60er Jahre wurde hier also schwer geschuftet, weniger gewohnt. Und man kann sich vorstellen, dass in einer Gerberei der Baugrund naturgemäß schwer belastet wird. Zudem wurde in den folgenden Jahrzehnten das kleinste Handwerkerhaus Tuttlingens aus dem frühen 18. Jahrhundert arg vernachlässigt. Und da schlug die Stunde des Architekten Heinrich Binder. Ein Altbauhaus mitten in der Stadt!
Aber schon bald merkte er, dass es unmöglich war, das frisch erworbene Gebäude zu restaurieren oder zu sanieren, die Bausubstanz gab das nicht mehr her. Diverse Gutachten bestätigten den ersten Befund. Die „Spalte“ war also nicht das erhoffte Juwel – erst einmal. „Ich hatte das handtuchgroße Grundstück samt Gebäude voller Optimismus gekauft“, erzählt Binder. „Als Architekt steht man auf solch anspruchsvolle Projekte.“ Zumal er das Haus für sich selbst plante.
Wie eine Skulptur
Es folgte der Abriss der „Spalte“. Und eine neue Herausforderung: Bauen im historischen Bestand, und das auf einem Baugrund von nur 75 Quadratmetern! „Das Haus sollte am Ende wie eine Skulptur wirken“, sagt Heinrich Binder. Und so ließ sich Binder auf ein Abenteuer ein, das selbst einem erfahrenen Fachmann wie ihm alles abverlangte. Nach dem Abriss kamen die ersten Zweifel. „Es bestand die Gefahr, dass die Nachbargebäude einstürzen“, erinnert sich Binder. Die Gebäude waren nicht so leicht zu trennen, wie es den Anschein hatte, sogar ein Treppenaufgang wurde geteilt.
Beträchtliche Neigung
Um die Stabilität der Häuserzeile zu gewährleisten, wurden die Nachbarhäuser verstärkt. Das erforderte auch ein gewisses Kommunikationsgeschick, die Nachbarn waren ja Teil des Projekts. Ein weiteres Problem: „Hier gibt es kaum eine gerade Wand bei den bestehenden Nachbarhäusern.“ Das Haus auf der kleinen Fläche verjüngt sich nach oben hin beträchtlich, auf der gesamten Höhe sind das mehr als 50 Zentimeter, um welches Maß die Wand des Nachbarhauses sich neigt. Zudem mussten zahlreiche Pfähle tief in den Boden gerammt werden, der Grund besteht aus Donaukies und benötigt besondere Aufmerksamkeit. Ein heikles Unterfangen.
Alles funktioniert
Doch alles funktionierte reibungslos. „Es gab auch keine Schwierigkeiten mit den zuständigen Behörden der Stadt“, betont Heinrich Binder. „Alles wurde sofort genehmigt.“ Was nicht selbstverständlich ist. Das fünfstöckige Haus, das nun am Platz der alten „Spalte“ errichtet wurde und seit 2019 die Adresse von Heinrich Binder und seiner Tochter ist, lohnte alle Mühen. Es passt, wackelt gar nicht und hat Luft. Viel Luft, viel Sonne – auch dank der großzügigen Fensterfronten.
Integrierend und modern
Ein preisgekrönter Bau: Die Architektenkammer Baden-Württemberg zeichnete den Neubau vor zwei Jahren im Bereich „Beispielhaftes Bauen im Landkreis Tuttlingen“ aus. Die Jury begründete den Entscheid damit, dass das Gebäude zeige, „dass innerstädtisches Bauen in historischem Kontext gleichermaßen integrierend und modern sein kann“. Und dass es in diesen Zeiten sinnvoller ist, weiteren Flächenverbrauch möglichst zu meiden, muss nicht eigens betont werden.
Tatsächlich ist dieses Townhouse, wie es neudeutsch heißt, ein Augenschmeichler im alten Teil Tuttlingens. Es fügt sich wunderbar ein in die bunte, geschmackvoll sanierte Fassadenzeile der verkehrsberuhigten Straße auf der Seite, die zur Donau liegt. Reizvoll ist auch, dass das Gebäude von zwei Seiten erschlossen ist, von beiden Seiten das Licht ins Haus gelangt.
Kurze Wege in die City
Man ist mittendrin und doch für sich. Heinrich Binder zeigt mit dem Finger auf ein schickes Restaurant einen Steinwurf entfernt: „Wenn ich spontan Lust bekomme, gehe ich zu Fuß zum Italiener und trinke ein Glas Wein“, schwärmt der 69-jährige Architekt von der Lage, der für diesen Schritt in die Stadt ein viel größeres Haus auf dem Land aufgegeben hat.
Außerdem befindet sich Heinrich Binders Architekturbüro ebenfalls mitten in Tuttlingen. Wie praktisch: Kurze Wege in die Innenstadt und zum Arbeitsplatz, die säuselnde Donau vor der Nase, der Radweg vor der Tür – das ist mal urbane Lebensqualität.
Reduktion bei Form und Farbe
Das Haus selbst ist mit seinen 155 Quadratmeter Wohnfläche ein echter Wohlfühlort mit minimalistischer Ausstattung. Eine innen liegende Loggia gibt den Blick auf die Donau frei. Ansonsten: Sichtbeton, Eichenholz für Böden und Fenster sowie weiß lackierte Einbaumöbel und raumhohe Türen verstärken den kalmierenden Eindruck. Die Wohnküche vom Schreiner und der Barwagen von Sebastian Herkner ergänzen sich perfekt. Da wusste einer, was er wollte. Eine stilvolle Ruheinsel mitten in einer brummenden Stadt.
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