Sie waren mal modern. Dann verschwanden sie aus den Wohnungen. Nun sind sie plötzlich wieder mitten unter uns: künstliche Pflanzen. Aber warum, fragt sich unsere Kolumnistin
Giftgrün und glänzend erschreckt er mich auf der Kneipentoilette, ich zucke vor ihm zurück, als ich mich erhebe, um die Spülung zu drücken. Obwohl ich am Ende eines langen Tages kaum noch aufnahmefähig bin, springt mir das Ding regelrecht ins Gesicht. Dabei bleibt er ganz ruhig auf seinem Fenstersims stehen, der künstliche Farn, lässt seine langen, gefiederten Blätter über den Rand des Übertopfs wallen, ungerührt, unbelebt, unanständig. Noch während ich ihm den Rücken zuwende, werde ich beim Händewaschen erneut überrascht. Am Spiegel klebt ein Reagenzglas mit Saugnapf. Mein erster Gedanke bei seinem Anblick ist Erleichterung darüber, dass hier ein echter Eukalyptuszweig im Wasser steht, aber dieser Stängel braucht keine Feuchtigkeit, er wird ewig leben, wie mir seine harten Plastikblätter beweisen.
Sie lauern in Bücherregalen und Bodenvasen
Als Kind der 80er Jahre habe ich Gewächse dieser Art fürchten gelernt: Sie waren überall, lauerten in Bücherregalen und Bodenvasen, krochen Wände entlang oder grinsten von Restauranttischen. Nun sind sie zurück, größer und grässlicher als je zuvor, füllen stationär und online zahllose Shops. Zeitmangel zählte auch damals zum wichtigsten Argument seiner Befürworterinnen und Befürworter (dabei kann ich mir keinen größeren Zeitfresser vorstellen als das Abstauben eines Plastikdschungels). Sparsamkeit wird häufig ins Feld geführt; einmal gekauft bleibt das Objekt frisch, munter und nicht totzukriegen durch unbedarfte Zimmergärtner. Vielleicht sind Kunstblumen umweltfreundlich, wenn man sie nicht ständig austauscht und damit zum Plastikmüll-Tsunami beiträgt. Sie verhindern möglicherweise auch, dass unzählige Kakteen und andere Exoten aus ihren Heimatländern weggestohlen werden, weil sie, besonders als größere Exemplare, bei uns gerade zum neuesten Wohntrend gehören.
Eine junge Schornsteinfegerin hat mir bei ihrem letzten Kontrollbesuch, angeregt vom Anblick meiner Zimmerpflanzen, erzählt, in der Berufsschule habe ein Ausbilder allen in der Klasse einen Weihnachtsstern im Topf anvertraut. Seine Aufgabe, die zur Note zählte, bestand darin, die Euphorbia pulcherrima ein Jahr lang durchzubringen und dazu eine Art Logbuch zu führen. Die Handwerkerin berichtete stolz, sie habe es geschafft, nicht wenige seien gescheitert.
Wer kennt noch Bauernbüble und Hasenbrödle?
Die Begeisterung dieser Frau dafür, etwas Lebendiges zu pflegen und wachsen zu sehen, fast täglich Neues zu beobachten und sich daran zu erfreuen, habe ich nie vergessen. Diese Freude gehört für mich zusammen mit den lustigen und liebevollen Namen für alles, was in Feld, Wald und Garten wächst. Ich weiß nicht, ob noch viele Kinder sie von ihren Eltern und Großeltern lernen: Bauernbüble für die blaue Traubenhyazinthe, Hasenbrödle für die Fruchtstände des Zittergrases, Regendächle für die Blätter des Frauenmantels oder Wegsaicher für das Wiesenschaumkraut.