Die Schüler aus Holzgerlingen packten im Ahrtal an. Foto: privat

Einige Schüler vom Schönbuch-Gymnasium in Holzgerlingen sind Anfang November für eine Hilfsaktion ins Ahrtal gefahren, um Flutopfern zu helfen. Auch die Weihnachtsspenden-Aktion ist dafür bestimmt.

Holzgerlingen - Ein Samstagmorgen im Stockfinstern Anfang November, es ist noch nicht einmal 5 Uhr: An der Bushaltestelle vor dem Schönbuch-Gymnasium (SGH) in Holzgerlingen herrscht trotz der frühen Stunde bereits reges Treiben. Doch anders als gewöhnlich, wenn ein Bus um diese Uhrzeit vor dem SGH steht, geht es an diesem Tag nicht auf Studienfahrt. Stattdessen fährt der Bus ins Ahrtal, das im Sommer dieses Jahres schwer von der Flutkatastrophe getroffen wurde.

 

Jugendliche, Lehrkräfte, ehemalige Schüler und einige Mitglieder des Fördervereins des Gymnasiums haben sich zu der Hilfsaktion vor Ort im Ahrtal zusammengefunden. Unter Anleitung der Dachzeltnomaden, einer gemeinnützigen Organisation, die von Anfang an im Ahrtal tatkräftig beim Aufräumen unterstützt und die Hilfe von Ehrenamtlichen koordiniert, macht sich die Truppe aus Holzgerlingen auf den Weg.

„Es gab keine Wiesen mehr, nur noch Schlamm und Müll“

„Auf den ersten Blick waren wir schon geschockt“, berichtet Lina Geisler aus der elften Klasse von den ersten Eindrücken nach der Ankunft im Katastrophengebiet. „Es gab keine Wiesen mehr, bloß noch Schlamm und Müll.“ Die Zerstörung und das Leid der Menschen, die sie und ihre Klassenkameraden bisher ausschließlich aus den Nachrichten im Fernsehen kannten, waren nun zum Greifen nahe. „Der Fluss hatte einfach keine Böschung mehr und viele Straßen konnten nur einspurig befahren werden“, ergänzt Debora Blessing, die ebenfalls die elfte Klasse am SGH besucht. Ein ähnliches Bild bot sich den Schülern schließlich auch auf dem überschwemmten Gnadenhof in Sasserath in der Nähe von Bad Münstereiffel. „Wir haben erstmal kein Land gesehen“, meint Lina mit einem Kopfschütteln.

Der Bäurin fällt eine Last von der Seele

Helfer vom SGH packten bei den den Aufräumarbeiten an

Mit vierzig engagierten Händepaaren waren schließlich auch die größten Herausforderungen kein Problem: angeschwemmte Äste und Müll verschwanden nach und nach von den Wiesen des Gnadenhofs. Die Ställe wurden ausgemistet, teils mussten neue Zugänge ausgehoben und Trümmerteile von schweren Fundamenten weggeräumt werden. Außerdem galt es für die Helfer vom SGH, einen Baum zu fällen und eine zerstörte Hütte abzureißen.

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„Es ist etwas ganz anderes als in der Schule zu sitzen. Ich glaube, die meisten von uns haben noch nie auf diese Weise gearbeitet“, berichtet Lina. „Ich hatte danach richtig Muskelkater.“ Das Ergebnis der harten Arbeit konnte sich bereits am frühen Nachmittag sehen lassen. Mit vereinten Kräften konnten die Freiwilligen vom Schönbuch- Gymnasium den gesamten Gnadenhof von Trümmern und Schmutz befreien – und der 73 Jahre alten Besitzerin, die den Hof mit seinen 10 000 Quadratmetern Fläche und etwa 70 Tieren allein bewirtschaftet eine große Last von der Seele nehmen.

Die Hilfsaktion bleibt allen Beteiligten als positives Erlebnis in Erinnerung. Raymond Chow, Vorsitzender des Vereins der Freunde vom Schönbuch Gymnasium, erzählt: „Die Solidarität steckt an, selbst unter wildfremden Menschen.“ Auch er selbst und sein Sohn als ehemaliger Schüler des SGH hatten am Samstag auf dem Gnadenhof in Sasserath kräftig mit angepackt.

Am Ende war es ein 20-Stunden-Tag

„Natürlich war es am Ende ein langer Tag, immerhin waren wir insgesamt 20 Stunden unterwegs“, blickt auch Katrin Bihler noch einmal zurück. Sie ist Lehrerin am SGH und zugleich die Initiatorin des Projekts. „Aber der Tag war eben auch sehr erfüllend.“

Schülerschaft sieht Klimawandel mit eigenen Augen

Vor der Hilfsaktion der Schule hatte sie den Weg ins Katastrophengebiet bereits zweimal auf sich genommen und Erfahrungen gesammelt, die sie ihren Schülern nicht vorenthalten wollte. „Sonst beschäftigen wir uns im Unterricht bloß in der Theorie mit dem Klimawandel. Es ist schon etwas anderes, diese Thematik auch einmal mit eigenen Augen zu sehen“, sagt sie. Mit den Vorbereitungen der Hilfsaktion hatte sie sowohl bei Schülern als auch bei Lehrern und vielen Holzgerlinger Unternehmen offene Türen eingerannt. Innerhalb kürzester Zeit kamen durch Geld- und Sachspenden sowohl ausreichend viele Sicherheitsschuhe als auch ein Bus und Proviant für die Fahrt zusammen. „Wir haben uns schon einige Gedanken dazu gemacht, wie wir die Fahrt finanzieren sollen“, erklärt Katrin Bihler. „Am Ende hätten wir uns das sparen können, weil die Organisation wie von selbst lief und wir von allen Seiten unterstützt wurden.“

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Und was motiviert nun Schüler dazu an einem Samstagmorgen in den Bus zu steigen, um harte Arbeit zu erledigen? Die Antwort ist zumindest für Lina und Debora einfach. „Ich habe mich gefragt, was gewesen wäre wenn es uns getroffen hätte – und was ich beitragen kann, um zu helfen“, erklärt Debora. Auch für Lina war die Hilfsaktion des SGH die Chance, selbst anzupacken: „Ich hatte schon viel in den Medien gesehen und auch mit meiner Familie über die Katastrophe gesprochen. Meine Eltern waren erst skeptisch, weil alleine zu fahren eben viel Aufwand gewesen wäre. Durch die Organisation der Schule war es dann aber ganz leicht.“

Spendenaktion des Schönbuch-Gymnasiums

Spenden
Die vorweihnachtliche Spendenaktion des Schönbuch Gymnasiums soll in diesem Jahr erstmals an eine Organisation innerhalb Deutschlands gehen. Die gesammelten Gelder sollen den Förderverein des Peter-Joerres-Gymnasium in Neuenahr-Ahrweiler unterstützen.

Die Flut trifft die Schule hart
Die Flut habe die Schule mit voller Wucht erwischt. Das wiederum habe auch Monate nach der Katastrophe noch weitreichende Konsequenzen, erzählt Raymond Chow, Vorsitzender des Vereins der Freunde vom Schönbuch Gymnasium : „Das Gymnasium ist noch nicht freigegeben, weil es womöglich noch instabil und durch Schadstoffe belastet ist. Viele Anschaffungen der letzten Jahre sind einfach dahin und niemand weiß, wann der Unterricht wieder stattfinden kann.“ Die Schüler wurden vorübergehend auf andere Gymnasien verteilt, sodass sie nicht völlig auf den Unterricht verzichten müssen.

Spendenkonto
Spenden für die Weihnachtsaktion nimmt der Verein der Freunde auf folgendem Konto an: IBAN: DE69 6035 0130 000 207 2476 Kreissparkasse Böblingen (BIC: BBKRDE6B).