Lotte Auwärter war viele Jahre lang Apothekerin aus Leidenschaft. Jetzt sind ihr größtes Glück die Enkel und Urenkel. Foto: Veronika Andreas

Sie hat die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte erlebt: Die Stuttgarterin Lotte Auwärter feiert am 30. Januar ihren 100. Geburtstag. Ihren Beruf als Apothekerin hat sie viele Jahre mit Freude ausgeübt.

Möhringen - Lotte Auwärter hat viele schöne Erinnerungen an ihre vergangenen Geburtstage. Aber auch einen, der sie bis heute geprägt hat. Es war der 30. Januar 1933. An diesem Tag wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. „Ich saß mit meinen Freundinnen am Tisch und feierte meinen elften Geburtstag, als mein Vater sagte, Hitler sei Reichskanzler geworden“ erzählt Lotte Auwärter. Bereits am nächsten Morgen war eine ihrer Freundinnen mit ihrer Familie verschwunden. Geflüchtet. Sie war Jüdin. „Das hat mir als Kind sehr weh getan, es waren liebenswerte Menschen“, sagt Auwärter. Erst 30 Jahre später gab es ein Wiedersehen. Ihre Freundin hatte sie über eine Grundschullehrerin ausfindig gemacht.

 

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Lotte Auwärter wurde vor 100 Jahren, am 30. Januar 1922 in Hepsisau, das heute zu Weilheim/Teck gehört, geboren. Ihr Vater war Dorfschullehrer, ihre Mutter hatte neun Geschwister. Ihr Großvater war Fabrikant in Nürtingen. Lotte Auwärter besuchte in Göppingen eine weiterführende Schule. 1939, am ersten Kriegstag, machte sie ihr Not-Abitur. „Die Buben mussten danach direkt aufs Feld“, erzählt Auwärter, die selbst einen vier Jahre jüngeren Bruder hatte. Viele Schulkameraden von ihr seien im Krieg gefallen. Lotte Auwärter studiert schließlich in Tübingen und wird Apothekerin. Während des Studiums lernt sie ihren Mann kennen und lieben. Es ist ein ehemaliger Schulkamerad, der einst eine Klassenstufe über ihr war. „Er sagte zu mir, ich hätte ihm schon immer gefallen, aber ich hatte das nicht bemerkt“, sagt die bald 100-Jährige. Mit Mitte 20 heiraten die beiden und bekommen eine Tochter. Schließlich lassen sie sich in Schönberg nieder.

Apothekerin während des Zweiten Weltkriegs

Einige Jahre arbeitet Auwärter in der Kreuser’schen Apotheke in der Stuttgarter Innenstadt, wo sie auch bekannte Persönlichkeiten und Schauspieler als Kunden beriet. „Während des Krieges ist es nicht möglich gewesen, selbst auszusuchen, in welcher Apotheke man arbeiten will“, sagt Auwärter. Man wurde zugeteilt. Und so erlebte sie, als sie während des Zweiten Weltkrieges in der Heslacher Apotheke arbeitete, einen Fliegerangriff auf Stuttgart. Die Menschen seien damals in den Schwabtunnel geflüchtet, erinnert sie sich. Schließlich wechselte Auwärter in die Welfenapotheke nach Birkach. „Hier ging es familiär zu, man kannte die meisten Kunden mit Namen. Einige von ihnen arbeiteten an der Universität Hohenheim“, erzählt die Seniorin. „Ich war immer gerne berufstätig, ich bin keine Hausfrau aus Leidenschaft“, sagt Auwärter und lächelt.

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Was muss man eigentlich tun, um in hohem Alter geistig noch so fit und körperlich agil zu sein? Lotte Auwärters Rezept: „Ich bin schon immer viel zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs gewesen“, sagt die bald 100-Jährige. „Ich hatte zwar einen Führerschein, aber das Auto meines Mannes war mir zu groß, daher bin ich lieber gelaufen oder Rad gefahren“, erzählt sie und schmunzelt. Von Kindesbeinen an war sie viel wandern auf der Schwäbischen Alb. Mit ihrem Vater fuhr sie einmal in den Ferien mit dem Fahrrad bis nach Wien, der Donau entlang.

Keiner ihrer früheren Mitschüler und Mitstudenten lebt noch

Mittlerweile ist Lotte Auwärter auf einen Rollstuhl angewiesen. Seit drei Jahre ist sie in einem Pflegeheim in Möhringen. In Schönberg habe es ihr sehr gut gefallen, aber ihr Haus sei nicht barrierefrei gewesen. Behalten hat sie es auch nach dem Tod ihres Mannes trotzdem. Und so findet ihre Geburtstagsfeier auch dort statt. Es kommen viele Leute, dort haben wir mehr Platz und können den Besuch besser verteilen“, erklärt sie. Schade findet sie, dass mittlerweile keiner ihrer früheren Mitschüler und Mitschülerinnen oder Mitstudierenden noch lebt. Ihr größtes gegenwärtiges Glück seien jedoch ihre Enkel und Urenkel, sagt die Seniorin und strahlt.