Seit dem 20. Mai sind Schockfotos auf Zigarettenschachteln auch in Deutschland vorgeschrieben. Foto: dpa

Schockfotos auf Zigarettenschachteln sollen abschrecken. Eine Spanierin glaubt, auf einem der Bilder ihren Vater zu erkennen und zieht vor Gericht.

Madrid - Fast zwei Monate lang, vom 21. Juni bis zum 16. August 2002, lag Patrick Jacquemyn wegen einer Herzoperation im Krankenhaus von Barcelona, etliche Wochen davon im künstlichen Koma. „Ich war jeden Tag an der Seite meines Vaters“, erzählt Esmeralda García. „Bis er wieder aufwachte.“ Das Bild des hilflosen Vaters hat sich ihr eingebrannt. So sehr, dass sie sich sicher ist, ihn wiederzuerkennen: auf einem der Fotos, die auf den Zigarettenpackungen in Spanien und anderen Ländern der Europäischen Union vor den Gefahren des Rauchens warnt. Sie hat deswegen die EU-Kommission verklagt – und den Prozess verloren. Aber sie gibt nicht auf. „Ich habe keine Eile“, sagt die 38-jährige Geschäftsfrau aus Barcelona, die seit vier Jahren um das Recht am Bild ihres Vaters kämpft. „Ich werde nicht haltmachen.“

Die Geschichte kam ins Rollen, als García in der Suchmaschine ihres Rechners die Worte „evolución predictiva de ventas“ eingab – in etwa: Entwicklungsprognosen von Verkäufen. Unter den Ergebnissen tauchte unerwartet auch eine „Entwicklungspro­gnose bei schwieriger Intubation“ auf und dazu ein Foto ihres Vaters im Krankenhaus von Barcelona. García konnte es nicht fassen. Jemand hatte offensichtlich Bilder gemacht, ohne die Angehörigen um Erlaubnis zu bitten. „Die Fotos sollten medizinischen Zwecken dienen“, vermutet García. „Soweit kann ich das verstehen.“ Was sie nicht verstehen kann: warum niemand nach dem Einverständnis der Familie fragte. „In Krankenhäusern werden Bilder von allem und jedem gemacht“, glaubt García. „Es ist unglaublich, was alles im Netz steht.“

Als sie ihren Geschwistern von dem Fund erzählte, waren die weniger überrascht, als García erwartet hätte. Dann sei wohl auch dieses Foto auf den Zigarettenpackungen ein Foto ihres Vaters, sagten diese. García verstand erst nicht, wovon ihre Geschwister sprachen. Bis sie ihr das Bild auf einer Packung zeigten, eines der Schockbilder, die seit 2010 in Spanien auf allen Zigarettenschachteln zu sehen sind: ein lebloser Körper, das Gesicht halb von einem Tuch bedeckt, in einem Leichenschauhaus. Darunter die Worte: Rauchen verkürzt das Leben.

EU-Anwälte raten von Klage ab

García war sich sicher: Ja, das ist Patrick Jacquemyn, der belgische Ehemann ihrer Mutter und für sie wie ein Vater, gestorben im Dezember 2010 nach Gesundheitsproblemen, die ihm das Rauchen bereitet hatte. Mit Unterstützung eines Anwalts setzte sie sich mit der EU-Kommission in Kontakt, die für die Auswahl der Fotos auf den Zigarettenschachteln zuständig ist. Zweimal traf sie sich mit Anwälten des Gesundheitskommissariats. „Ich sagte ihnen, es könne ja sein, dass ich mich irre. Aber dann sollten sie mir doch den Namen der Person geben, die auf dem Foto abgebildet ist.“ Das sei aus Datenschutzgründen nicht möglich, erwiderten die EU-Anwälte. Und von einer Klage solle sie doch absehen, das würde schließlich viel zu teuer für sie.

García klagte: auf Rückzug des Fotos und eine Millionenentschädigung für den Eingriff in die Persönlichkeitsrechte ihres Vaters. Den Prozess hat sie verloren, auch die Revision lehnte die fünfte Kammer des EU-Gerichtshofs im vergangenen Juli ab. Als Beweismaterial hatte die Kommission Erklärungen des Fotografen und des abgebildeten Manns vorgelegt, die übereinstimmend aussagten, dass jenes umstrittene Bild bei einem von mehreren Fototerminen im Jahr 2004 entstanden sei. Das belegten auch eine Reihe weiterer vorgelegter Fotos, die damals entstanden seien.

Der Gerichtshof hielt die Erklärungen für glaubwürdiger als die Aussagen der Angehörigen, eines behandelnden Arztes und eines Experten in Gesichtserkennung, die auf dem Foto ohne Zweifel Jacquemyn erkannten. Esmeralda García hat das frus­trierende Gefühl, als David gegen Goliath verloren zu haben. Die vorgelegten Bilder von den Fototerminen 2004 hätten mit dem schließlich ausgewählten Foto „nichts zu tun“. Und in der Aussage des vorgeblich abgebildeten Mannes seien alle wesentlichen Daten geschwärzt gewesen, abgesehen von seinen Initialen. Das Gericht habe sich mit schlechten Erklärungen zufrieden gegeben. Deswegen will sie weiterkämpfen: jetzt gegen die Berliner PR-Agentur, die nach ihren Recherchen der EU-Kommission die Bilder zur Verfügung gestellt hat.

Auch in Belgien und Österreich wollen Menschen Verwandte auf den Schachteln erkannt haben

García ist nicht die Einzige ist, die Ähnlichkeiten zwischen den Schockfotos und Angehörigen entdeckt hat. Der Wiener „Kurier“ und die belgische Regionalzeitung „La Meuse“ berichten von österreichischen und belgischen Hinterbliebenen, die ebenfalls davon überzeugt sind, Ehemann oder Vater auf einem der Fotos erkannt zu haben – in diesen Fällen sogar auf ein und demselben Foto.

Die EU-Kommission, aufgeschreckt von den Berichten, erklärt auf einer Frage-und-Antwort-Seite zu den Zigarettenschachtelfotos: „Jede Ähnlichkeit mit anderen Personen ist, wenn auch unglücklich, zufällig.“ Esmeralda García zumindest mag an so viel Zufall nicht glauben.

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