Ein ICE fährt durch Bamberg. Die Stadt liegt auf der ICE-Strecke zwischen München und Berlin, die die Bahn ab Dezember in vier Stunden statt bisher in sechs Stunden schaffen will. Foto: dpa

Nach der Insolvenz von Air Berlin will die Deutsche Bahn Fluggäste für sich gewinnen. Aber auch Airlines und Regionalflughäfen locken mit Tiefpreisen. Das Thema spielt auch in Stuttgart eine Rolle.

Stuttgart - In knapp vier Stunden von Berlin nach München: Am 10. Dezember geht die neue ICE-Schnellstrecke mit 17 Jahren Verspätung in Betrieb. Ein Meilenstein, denn dann dauert die schnellste Bahnfahrt von Stadtmitte zu Stadtmitte kaum noch länger als eine Flugreise. Der Jet braucht von der Isar bis zur Spree zwar kaum 60 Minuten. Doch mit An- und Abreise zum Flughafen, Kontrollen und Wartezeiten ist man ist man meist die drei- oder vierfache Zeit unterwegs.

Die Deutsche Bahn AG hofft, mit der um zwei Stunden schnelleren Verbindung zwischen beiden Großstädten viele neue Kunden zu gewinnen. So soll die bisher dürftige Auslastung der Fernzüge in diesem Jahr von 53 auf 55 Prozent wachsen. Aktuell läuft das Geschäft offenbar sehr gut. „Wir erwarten auch dieses Jahr einen neuen Fahrgastrekord im Fernverkehr“, sagt ein Sprecher. Der Buchungsverlauf für die nächsten Monate sei sehr positiv, die Nachfrage für alle ICE-, IC- und EC-Strecken um mehr als zehn Prozent gestiegen.

Dabei profitiert der Staatskonzern von der Pleite der Air Berlin. Besonders auf den wichtigsten Relationen der bisher zweitgrößten deutschen Airline verzeichne man deutlich mehr Buchungen, so die DB. Dazu gehören neben München-Berlin die Strecken von Köln/Düsseldorf nach München und Berlin. Man gehe davon aus, betont der DB-Sprecher, „dass ein Teil der bisherigen Air-Berlin-Fluggäste, insbesondere Geschäftsreisende, zukünftig auf die Züge der Deutschen Bahn wechseln wird“.

Die Bahn will mit Sparpreisen punkten

Dafür sollen auch Sonderangebote sorgen. Aktuell bietet die Bahn eine Million Sparpreis-Reisen ab 19,90 Euro an, auch auf der neuen Schnellstrecke. „Die Aktion wird sehr gut angenommen, ein Drittel der Tickets ist schon verkauft“, heißt es. Die Billigkontingente sind jedoch limitiert und Fahrkarten für begehrte Reisezeiten zu den Wochenenden meist schnell weg. Wer zum Normalpreis bucht, zahlt ein Vielfaches. So kostet die einfache Fahrt München-Berlin künftig 150 Euro, fast 14 Prozent mehr als bisher.

Mit der Bahncard 25 oder 50 lässt sich der Preis zwar um ein Viertel oder die Hälfte reduzieren. Doch der Kauf der Rabattkarte rechnet sich erst richtig bei mehreren Fahrten. Also doch lieber ins Flugzeug? Die Airlines werben für ihre Inlandsflüge aggressiv um Kunden, vor allem im Internet. Zum Beispiel der Marktführer: „Jetzt günstig bei Lufthansa buchen: München - Berlin ab 100 €*“.

Der Preiskampf auf den Inlandsstrecken ist heftig. Die Lufthansa-Billigtochter Eurowings wird einen großen Teil von Air Berlin weiter betreiben und preist aktuell Inlandsflüge „ab 19,99 Euro“ an. Schon das Taxi zum Flughafen ist da oft teurer. Allein ab Frankfurt/Main werden 15 Inlandsziele von Friedrichshafen bis Sylt und Usedom angeboten, darunter ganz kurze Flüge wie nach Düsseldorf. Selbst von Regionalflughäfen wie Stuttgart werden zehn deutsche Airports angesteuert, darunter München und Frankfurt, deren Flughäfen auch mit der Bahn schnell erreichbar wären.

Der Preiskampf am Himmel über Deutschland könnte sich weiter verschärfen. So hat auch die britische Easyjet 25 Flieger von Air Berlin gekauft und will erstmals im Inland fliegen. Zudem hatte Ryanair angekündigt, nach Berlin-Köln/Bonn weitere Inlandsflüge zu starten, die Pläne wurden aber gestoppt. Platzhirsch Lufthansa wiederum setzt zwischen Berlin und Frankfurt aktuell sogar den Langstrecken-Jumbo Boeing 747 auf mehr als 60 Flügen ein, um die Nachfrage zu bewältigen.

Die Zahl der innerdeutschen Flüge steigt

Das politische und ökologische Ziel, den Flugverkehr im Inland zu verringern, wird bereits seit Jahren wieder klar verfehlt. Seit 2014 wächst die Zahl der Passagiere beständig. 2016 flogen 23,7 Millionen Reisende zwischen den deutschen Hauptverkehrsflughäfen, 655 000 mehr als ein Jahr zuvor. Bis August 2017 stieg die Nachfrage laut Statistischem Bundesamt um weitere 2,3 Prozent.

Mit den Nachhaltigkeitszielen ist diese Entwicklung unvereinbar. Denn jeder Flug belastet Klima und Umwelt enorm. Kurzstrecken gelten als besonders problematisch, zumal über dicht besiedelten Regionen wie Deutschland. Denn Abgase, Lärm und Absturzrisiken des Luftverkehrs betreffen hier viele Millionen Menschen direkt. Und die meisten Inlandsflüge sind leicht durch Bahnfahrten ersetzbar. Als Faustregel gilt: Bei Reisezeiten von bis zu vier Stunden kommt man auf der Schiene meist ebenso schnell ans Ziel.

Auch das Umweltbundesamt rät, besser in den Zug als ins Flugzeug zu steigen. „Fliegen ist generell umweltschädlicher als Bahnfahren“, sagt Katrin Dziekan, Fachgebietsleiterin Umwelt und Verkehr. So sei der CO2-Schadstoffausstoß bei einer Flugreise mit durchschnittlich 211 Gramm je Person und Kilometer mehr als fünf Mal höher als auf der Schiene. Der Verkehrsexperte der Grünen, Matthias Gastel, sieht daher großen Handlungsbedarf für die neue Bundesregierung. Sein Vorschlag: „Flüge, die durch Bahnfahrten von bis zu vier Stunden ersetzbar sind, sollten möglichst komplett abgebaut werden.“ Dazu müssten, so Gastel, die Rahmenbedingungen für den Schienenverkehr verbessert und vor allem der Wildwuchs von subventionierten Regionalflughäfen beschnitten werden.

In Stuttgart sind fast ein Drittel der Flüge Inlandsverbindungen

Gleichzeitig müsse die Bahn etwa zwischen Frankfurt und Stuttgart so attraktiv gemacht werden, dass Reisende zu weiter entfernten Flughäfen den Zug nutzen, fordert der Experte. Dann könnten die zahlreichen Zubringerflüge zu den Airports in Frankfurt und München entfallen. Auf dem Flughafen Stuttgart waren 2016 fast 29 Prozent der insgesamt rund 129 000 Flüge Inlandsverbindungen, Tendenz steigend.

Der Bundestagsabgeordnete aus Filderstadt geht selbst mit gutem Vorbild voran: „In den vier Jahren der letzten Wahlperiode im Bundestag bin ich selbst einige hundert Mal zwischen Stuttgart und Berlin mit der Bahn gependelt.“ Nur zwei Mal, als es gar nicht anders ging, stieg Gastel in den Flieger.

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