Aufstieg mit Schneeschuhen über die ungespurten Hänge Foto: Albers

Die Vorberge der Nagelfluhkette im Allgäu sind für Schneeschuhwanderer und Tourenskigeher ein ideales und relativ sicheres Gelände. Dazu locken jede Menge Hütten zur Einkehr.

Es ist eine Nacht, wie sie Wolfgang Schmid selten erlebt hat. Im Westen ist die Sonne untergegangen, ein schwacher Lichtsaum hängt noch über dem Horizont. Im Osten steht schon ein satter Vollmond am Himmel, der durch keine Wolkenkonkurrenz geschmälert wird. Und sein Licht wird aufgefangen und reflektiert von einer makellosen Schneedecke ringsum.

Es ist so hell, dass der Bergführer aus Oberstaufen und seine Gruppe nicht mal die Stirnlampen anmachen. Das Mondlicht ist so scheinwerferstark, dass Bäume Schatten werfen, der Weg klar sichtbar ist und die Flanken der Berge silbrig glänzen. Und: Kein Wind geht, es ist ganz still. Auch nüchternere Naturen spüren da den Zauber der Natur. Wolfgang Schmid hat schon viele Nächte im Freien verbracht, fern der Heimat, etwa während Expeditionen auf der russischen Halbinsel Kamtschatka oder auch in den Alpen. Diese perfekte Vollmondnacht aber durchwandert er direkt vor seiner Haustür, in den Vorbergen der Nagelfluhkette. Das sind die Kuppen, die sich, meist nicht höher als im Schwarzwald, südlich des Alpsees gemächlich aufschwingen. Ein Gelände, das noch gar nicht als „richtige Berge“ gilt – und deshalb lange unterschätzt wurde. Jetzt aber ist hier mächtig was los. Weil sich gerade im Wintertourismus die Tendenzen deutlich wandeln.

Wolfgang Schmid hat seine Gruppe am Lift bei Ratholz empfangen. Das ist ein ­betagter Doppelsessel, weiter oben ziehen Schlepper Skifahrer hoch. Zu schönen, breiten Hängen, eigentlich ein ideales Skifahrgebiet, auch noch ausschließlich mit Naturschnee. Aber die niedrige Lage verhindert viele Betriebstage, und die nicht so üppigen Pistenkilometer halten die Massen eher fern. Das betriebswirtschaftliche Fazit: Der Lift wird demnächst abgebaut.

Birk- und Auerhühner stehen auf der Roten Liste

Trotzdem sind die Hänge voller Wintersportler. Denn sie sind meist offen, also ­perfekte Promenaden, und sanfter geneigt – Lawinen sind da eher nicht das Thema. Und so ziehen Tourenski- und Schneeschuhgeher in diese ideale Winterwanderwelt.

Wolfgang Schmid hat seiner Gruppe Schneeschuhe mitgebracht. Es wird mehrfach auf und ab gehen sowie über Serpentinensteige im Wald, da sind Schneeschuhe Tourenski überlegen. Zunächst aber legt der Bergführer seine Spur über freie Hänge. ­Immer weiter öffnet sich der Blick über den Alpsee hinweg ins Allgäuer Vorland. Wolfgang Schmid hält sich aber nicht nur deshalb von Waldstücken fern. Dieses Gebiet gehört schon zum Naturpark Nagelfluhkette, und in den Wald ziehen sich Birk- und Auerhühner zurück. Die sind in Deutschland schon auf der Roten Liste. Im Allgäu kommen sie noch am stärksten vor, und das soll so bleiben. Wie, das hat die Gruppe am Morgen im Naturparkzentrum AlpSeeHaus bei Immenstadt erfahren. Geschäftsführer Rolf Eberhardt hat dort das Konzept erklärt. Ja, zunächst bringen viele Besucher Stress für die Tiere: „Die Hühner leben im Winter am Limit. Sie fressen Nadeln, eine extrem nährstoffarme Nahrung. Sie versuchen, Energie zu sparen, und hängen irgendwo im Baum.“ Wo sie dann jeder Wanderer aufscheucht und ihnen den Rest Energie raubt.

Trotzdem will Rolf Eberhardt die Landschaft für Besucher offen halten: „Damit sie ihr Herz an die Natur verlieren und sich dafür einsetzen.“ Nur sollen sie die Hühnergebiete meiden. Der Naturpark hat deshalb Routen ausgearbeitet und informiert vielfach: „Die Zeiten für Stoppschilder sind vorbei. Der Bürger ist mündig und will wissen, warum er da nicht rein darf.“

Auf der Mittelberg-Alpe bollert der Ofen

Also umgeht die Gruppe Schutzgebiete und bleibt, als es dann doch in den Wald geht, auf einem breiten Weg. Der mündet auf eine Lichtung. Ein perfekter Ausguck zu den Bergen des Allgäuer Hauptkamms und eine geschickte Raststation: Auf der Lichtung steht das Kemptener Naturfreundehaus, und die Gaststube ist schon gut voll. Touren- und Schneeschuhgeher tanken Kalorien auf. ­Inzwischen, so die Erfahrung des Pächters Peter Sigler, „schenkt sich der Winter gegenüber dem Sommer fast nichts“. Vor allem das Schneeschuhgehen habe zugenommen.

Zur Beliebtheit des einst als so langweilig wahrgenommenen Gebietes trägt auch bei, dass hier die höchste Hüttendichte des ganzen Allgäus ist. Deshalb hat die Gruppe es auch nicht mehr weit bis zu ihrem Nachtquartier, der Mittelberg-Alpe. Und der Nachtspaziergang führt sie bald an der Alpe Gund vorbei, auch ein beliebtes Einkehr- und Übernachtungsziel.

Die Mittelberg-Alpe hockt aussichtsreich auf einem Sattel über zwei Tälern. Die Familie Steurer aus dem Bregenzer Wald hat die Alpe gepachtet und produziert im Sommer Käse. Der verläuft jetzt in den Kässpatzen, die, zwiebelbekrönt, in Holzschüsseln auf dem Tisch der Gaststube dampfen. Der Ofen bollert, auf den Bänken drücken sich die Gäste, die einen Rückweg durch die Nacht in Kauf nehmen, um hier einzukehren.

Die Königsetappe führt aufs Himmeleck

Wolfgang Schmids Gruppe übernachtet im Lager und hat am nächsten Morgen ihre Königsetappe vor sich: Hinauf auf den Grat, der sich über dem Alpsee entlangzieht. ­Hinauf aufs Himmeleck und über die ­Klammen-Hochfläche. Rechts der See, links die Nagelfluhkette – eine Panoramatour. Und schon anspruchsvoller. Steilere Anstiege, ungespurte Wege, und eine kleinere ­Passage am Grat, wo es beidseits jäh hinuntergeht. Am Einschnitt vor dem Denneberg kreuzt eine Gemsengruppe die Wanderer. Dort tastet sich die Gruppe einen steilen Waldhang hinunter, dann nehmen die breiten Wiesen am Hündle sie auf. Eine perfekte Wintertour.

Adressen

Angebote: unter anderem von der Bergwelt Oberstaufen, Hinterstaufen 10 a, 87534 Oberstaufen, Telefon 0 83 86 / 96 13 33. Weitere Anbieter über die Tourismusbüros. Erfahrene können alleine losziehen, Kenntnisse in Orientierung und Lawinenkunde sind nötig.

AlpSeeHaus: Das Naturpark-Infozentrum ist montags bis freitags von 10 bis 17 Uhr offen. Adresse: Seestraße 10, Immenstadt.

Mittelberg-Alpe: im Winter bis Ostern an den Wochenenden geöffnet.

Übernachten in Oberstaufen: Lindner Parkhotel, Argenstraße 12, 87534 Oberstaufen.

Allgemeine Info: Oberstaufen Tourismus Marketing GmbH, Hugo-von-Königsegg-Str. 8, Immenstadt: ­Touristeninfo im AlpSeeHaus und am ­Kirchplatz 7. (wa)

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: