Wehrt sich gegen den Vorwurf, Grün-Rot wolle die Qualität des Gymnasiums antasten: SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel Foto: dpa

Den Vorwurf, Grün-Rot wolle das Niveau des Gymnasiums antasten, kontert SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel mit der Forderung nach mehr Leistungsorientierung in der Oberstufe.

Stuttgart - Herr Schmiedel, die Gymnasien im Land verzeichnen bei den Anmeldungen einen Rückgang. Ist das eine Trendwende?
Der Rückgang hängt mit der Entwicklung der Schülerzahl zusammen. Das Gymnasium wird weiterhin begehrt sein, es ist eine hoch angesehene Schulart mit einem hoch angesehenen Unterrichtsangebot.
Rund 43 Prozent der Viertklässler wechseln aufs Gymnasium. Ist das nicht längst die eigentliche Gemeinschaftsschule?
Nein. Denn das Gymnasium unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt: Dort wird in jedem Jahr in jedem Fach von jedem Schüler gymnasiales Niveau gefordert und geprüft. Da gibt’s keinen Rabatt. Wer das für sein Kind akzeptiert, soll es beim Gymnasium anmelden. In der Gemeinschaftsschule wird hingegen viel stärker auf die individuelle Begabung und Motivation eingegangen. Bei dieser Schulart steht der Erfolg im Vordergrund. Dort wird dem Kind gezeigt, was es kann, und nicht in erster Linie, was es nicht kann.
Wollen Sie noch mehr Schüler auf dem Gymnasium haben?
Rheinland-Pfalz, das schon länger auf die verbindliche Grundschulempfehlung verzichtet, hat eine relativ konstante Anmeldequote von 40 Prozent. Da wird es sich auch bei uns einpendeln. Wichtig ist aber, stärker die individuellen Begabungen und Fähigkeiten der Schüler in den Blick zu nehmen. Da wurden in der Vergangenheit erhebliche Fehler gemacht.
Welche meinen Sie?
Es war ein grandioser Fehler, die Leistungsorientierung durch Leistungskurse in der Oberstufe zugunsten einer breiteren Allgemeinbildung abzuschaffen. Das hat dazu geführt, dass Abiturienten, die etwa ein naturwissenschaftliches Fach studieren wollen, sich derzeit schwertun, Anschluss an das Universitätsniveau zu finden. Deshalb will ich diese Leistungsorientierung an den Gymnasien in der nächsten Wahlperiode durch die Wiedereinführung der Leistungskurse wiederherstellen.
Die Anforderungen in der Oberstufe sollen wachsen?
Die Leistungsorientierung soll wachsen. Leistungskurse werden der Begabung und Motivation der Schüler mehr gerecht als das jetzige System. Wer in Deutsch, Mathematik oder Fremdsprachen begabt ist, für den sind Leistungskurse keine zusätzliche Anforderung. Sie bedeuten vielmehr eine Individualisierung des Unterrichts, die auch im Gymnasium stärker betont werden muss. Sie abzuschaffen war ein Fehler der früheren Kultusministerin Annette Schavan.
Und was bedeutet das für nicht so gute ­Schüler?
Für sie gibt’s die Grundkurse. Diese halten das gymnasiale Niveau der Allgemeinbildung. Man darf aber nicht in allen Hauptfächern in einem abgesenkten Niveau unterwegs sein.
Immer mehr Bundesländer geben Schülern eine Wahlfreiheit zwischen dem acht- und dem neunjährigen Gymnasium. Und Baden-Württemberg?
Wir wollen die Erfahrungen aus den 44 Schulversuchen mit G 9 sammeln und dann entscheiden, wie es weitergeht. Und wir wollen die Erfahrungen aus jenen Schulen berücksichtigen, bei denen G 8 besonders gut funktioniert. Es ist ja nicht so, dass es dort überall schlecht liefe. Ich stehe jedenfalls dafür ein, dass die Schulen mit G-9-Angebot in ihrer Existenz gesichert sind. Und auch G-8-Schulen sollen sich weiterentwickeln können.
Was halten Sie von Wahlfreiheit?
Wahlfreiheit ist gut, aber ich bin nicht als Solist unterwegs. Grün-Rot hat sich darauf verständigt, die Ergebnisse der Überprüfung abzuwarten. Deshalb fällt die Entscheidung, ob es Wahlfreiheit oder andere Angebote gibt, in der nächsten Legislaturperiode.
Im Wahlkampf ist die SPD doch Solist.
Trotzdem ist die Basis unseres Wahlkampfs dieser Kompromiss.
Wurden Sie vom Kultusminister zum Schweigen verdonnert, wie der Philologenverband vermutet?
Der Philologenverband sieht in mir doch sonst nicht den Mann, der sich zum Schweigen verdonnern lässt. Nein, der Kompromiss ist der Einsicht geschuldet, dass wir nach der beträchtlichen Anzahl von Reformen nunmehr eine Phase der Konsolidierung brauchen.
Das ändert nichts an der Vorliebe der Eltern für G 9.
Natürlich ist G 9 dort, wo es angeboten wird, die mit Abstand begehrteste Alternative. Wo G 8 angeboten wird, gibt es deswegen aber keinen Aufstand. Mich hat die geringe Resonanz auf das Bürgerbegehren in Bayern überrascht, wo genau diese Wahlfreiheit im Mittelpunkt stand. Man sollte bei dem Thema also nicht überziehen.
Der Ministerpräsident sagt, wer sich am Gymnasium vergreift, überlebt das politisch nicht. Die Opposition unterstellt Ihnen aber gerade, dass Sie sich vergreifen.
CDU und FDP scheuen eine Auseinandersetzung mit Fakten und flüchten sich stattdessen in Unterstellungen und Angstmacherei. Es ist erklärte Regierungspolitik von Grün-Rot, zwei Säulen im Schulsystem anzubieten, und eine davon ist das Gymnasium. Es bleibt das leistungsfähige Gymnasium, das wir haben. Allerdings gehen auch am Gymnasium gesellschaftliche Veränderungen nicht spurlos vorbei, deshalb müssen wir nachjustieren. Das haben zum Beispiel die Schulleiter und Verbandsvertreter mit ihrem Konzept „Gymnasium 2020“ getan.
Was müssen Gymnasien tun, um mit einer immer heterogeneren Schülerschaft fertig zu werden?
Zwei Dinge sind notwendig. Zum einen müssen sie differenzierte Angebote machen für die Schülerschaft, ohne das Niveau abzusenken. Der immer gleiche Unterricht in jeder Stunde für alle – so es den überhaupt noch gibt – muss der Vergangenheit angehören. Man muss Binnendifferenzierung auch im Gymnasium zur Richtschnur machen.
Und zweitens?
Das Gymnasium hat von alters her das Selbstverständnis, dass es auf ein Universitätsstudium vorbereitet. Die Welt ist aber inzwischen bunter geworden. Deshalb muss das Gymnasium auch eine Antwort darauf geben, welcher Weg in eine berufliche Karriere für jeden Schüler der richtige ist. Diese Wege sind differenziert, die Zugänge zur akademischen Ausbildung ebenso. Deshalb muss diese Frage einen viel stärkeren Stellenwert bekommen.
Was heißt das für die Lehrer?
Sie müssen dazulernen, wie alle anderen auch. Die Lehrerschaft an den Gymnasien muss sich über die Möglichkeiten der Arbeitswelt stärker informieren als bisher.
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