Buchautor und Kenner der politischen Landesszene: Michael Haas Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Während seiner Arbeit in der Politik schrieb Michael Haas einen Schlüsselroman. „Literarisch ist der Landtag eine Goldgrube, da sich Anekdote an Anekdote reiht“, sagt der Autor von „50. Licht und Schatten. Männer betrügen Frauen, Frauen betrügen sich selbst.“

Stuttgart -

Herr Haas, sind Sie in der Midlife-Crisis?
Ich hoffe nicht, warum fragen Sie?
Weil Sie ein Buch über Ihre Generation, die 50-Jährigen, geschrieben haben. Das klingt nach selbstheilender Arbeit.
Arbeit ist für mich weniger Tugend als vielmehr Notwendigkeit.
Notwendigkeit oder Notwehr?
Notwehr nur insofern, als wir alle Geld verdienen müssen.
Heißt das, Sie verdienen Geld mit dem Grundproblem einer ganzen Generation?
Wenn man so will.
Sehen Sie ein Grundproblem der 50-Jährigen?
Sie nicht?
Gegenfrage: Können Sie in stoischer Gelassenheit alt werden?
Wohl kaum. Dafür bin ich viel zu sehr in die Schönheit des Lebens verliebt. Was ich bei meiner Generation feststelle, ist die ständige Obsession, sich über Dinge zu definieren, die keine Schönheit erlauben.
Die Lektüre Ihres Buchs hilft Menschen dabei, die Dinge und Schönheit klarer zu sehen?
Mein Buch soll nicht belehren, sondern auf amüsante Weise daran erinnern, was im Leben wirklich Bedeutung besitzt.
Nämlich?
Liebe, Schönheit, Licht und Mitgefühl.
Mit Verlaub, die 15 Charaktere, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, kommen alles andere als gut weg. Mitunter wirkt es fast grotesk und ein wenig böse.
Sie haben recht, ich neige zur Übertreibung, weil ich weiß, dass nur Stilisierungen helfen, den Charakter einer Generation zu verstehen, die am Scheideweg steht.
In die Depression oder in die Erlösung?
Vielleicht in eine Welt, die frei ist von Zynismus und Unterdrückung.
Im Titel des Buchs behaupten Sie, Männer betrügen Frauen, Frauen betrügen sich selbst. Wie ist das gemeint? Das eine scheint eine Binsenweisheit, das andere überrascht. Auf welchen Selbstbetrug spielen sie an?
Frauen verlieben sich oft in Idealvorstellungen. Männer sind ungleich realistischer und auch viel selbstverliebter. Sich selbst zu ­lieben, sagt der Schriftsteller Oscar Wilde, ist der Beginn einer lebenslangen Romanze. So schön das klingt, so bitter ist die Einsicht, dass Männer eigene Wünsche selten zurückstellen. Frauen verkennen, bewusst oder unbewusst, das offensichtliche Naturell ihrer Männer. Sie halten an ihnen fest und suchen bei sich die Schuld. Männer sind sehr großzügig dabei, eigene Fehler zu ignorieren. Umso hingebungsvoller kritisieren sie ihre Frauen.
Männer sind demnach ignoranter und ­egozentrischer als Frauen?
Ja, das sind sie, leider. Die Evolutionsbiologie lässt keinen Zweifel daran, dass Männer Begierde mit Liebe verwechseln und den Primaten in sich nur schwer verleugnen können.
Dann ist wenig Hoffnung für uns Männer, oder sehe ich das falsch?
Doch, in jedem Fall. Die Frauen schenken uns jeden Tag die Gewissheit, dass Hoffnung ist – selbst für Männer.
Ist Ihr Buch ein Schlüsselroman ?
Ja.
Finden sich Ihre Figuren im Landesparlament?
Die Romanprotagonisten selbst nicht, aber auch einige Abgeordnete sind nicht frei von Narzissmus und Selbstüberschätzung.
Sie waren im Landtag als Pressesprecher der FDP-Fraktion tätig, was ist Ihre Bilanz?
Das Parlament ist ein eigener Kosmos, bisweilen ein wenig hermetisch. Die Aufregungen sind zahlreich, und das gewiss nicht, weil unablässig epochale Entscheidungen getroffen würden.
Klingt hier Verbitterung durch?
Nein, eher Erfahrung oder wie Adorno so hübsch formuliert hat: Jede Erfahrung ist eine enttäuschte Erwartung.
Der große Cicero würde jetzt die Frage nach dem „Cui bono“ stellen. Wem nützt das Ganze dann?
Diese Frage wird tatsächlich zu selten gestellt. So predigt unsere Regierung zwar oft Moral, ist jedoch gerne bereit, ihre hehren Grundsätze zu vergessen, wenn es machtpolitisch opportun erscheint.
Und das nützt Ihnen als Autor?
Literarisch ist der Landtag eine Goldgrube, da sich Anekdote an Anekdote reiht und wirklich alle Charaktere und Archetypen vertreten sind.
Jetzt arbeiten Sie als Medienreferent für die Stuttgarter Landtagsabgeordnete Gabriele Reich-Gutjahr. Arbeitet es sich mit Frauen leichter?
Zumindest in Einzelfällen (lacht). Meine Abgeordnete ist eine wirklich gute Chefin, denn sie hat Leidenschaft für die Sache und ist als Unternehmerin sehr nah an der Lebenswirklichkeit der Bürger. So fällt es leicht, sie bei ihrer Medienarbeit zu unterstützen.
In einem Kapitel wird auch eine nymphomane Frau beschrieben. Sie kommt nicht besser weg als die Männer.
Die Dame handelt hysterisch, ist jedoch im Grunde ausgesprochen herzlich.
Fazit: Frauen sind die besseren Chefs und empathischer. Spricht alles für eine Ministerpräsidentin im Jahr 2021.
So sehr ich Klischees liebe, so sehr verwahre ich mich dagegen, sie im Alltag anzuwenden. Ob Frau oder Mann, in jedem Fall sollte sie oder er eloquenter und eleganter sein als der jetzige.
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