Das Essverhalten anderer sollte man nicht ungefragt bewerten, finden die Autorinnen Marlene Borchardt und Nora Burgard-Arp. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Zwischen Food Noise, Proteinshakes und Diättipps fällt es schwer, Essen einfach zu genießen. Zwei Expertinnen erklären, warum wir anders über Ernährung sprechen sollten.

Influencerinnen posten „What I Eat in a Day“-Videos, die Werbung verspricht das Produkt für die optimale Figur und im Kopf spuken noch Glaubenssätze, die man als Kind schon über Ernährung gelernt hat. Die Autorinnen Marlene Borchardt und Nora Burgard-Arp finden, dass es an der Zeit ist, zu einem entspannteren Umgang mit Essen zu finden, und haben darüber das Buch „Essen und essen lassen“ geschrieben.

 

Frau Borchardt und Frau Burgard-Arp, Sie haben das Buch „Essen und essen lassen“ geschrieben, betonen darin aber, dass es sich nicht um einen Ratgeber handelt. Was ist es dann?

Borchardt: Genau, wir wollten nicht darüber schreiben, wie wir uns besonders gut ernähren, denn es gibt bereits viele Informationen über Ernährung und teilweise wird man damit überladen. Uns geht es darum, wie wir die Bewertung des Essens und unseres Essverhaltens vermeiden können – die Bewertungen, mit denen wir durch tatsächliche Ernährungsratgeber, Social Media und an unseren privaten Esstischen konfrontiert werden, aber auch die von dieser Stimme im eigenen Kopf. Viele von uns kennen das bestimmt, wenn diese Stimme beispielsweise sagt: Jetzt hast du aber zu viel Kuchen gegessen, das ist nicht gut.

Burgard-Arp: Wir wollen dazu anregen, anders über Essen zu sprechen. Nicht gar nicht, sondern anders.

Marlene Borchardt (links) und Nora Burgard-Arp kennen sich mit Ernährung aus. Foto: Susanne Baumann

Dass man keine Körper bewerten sollte, haben einige Menschen bereits verinnerlicht, Sie gehen nun also einen Schritt weiter und regen dazu an, auch das Essverhalten nicht mehr zu bewerten?

Bochardt: Ja, weil wir glauben, dass dadurch viel Genuss und Freude genommen werden. Außerdem können wir nicht wissen, was Kommentare zum Essen bei unserem Gegenüber auslösen können. Leidet jemand an einer Essstörung oder an Adipositas können sich Bewertungen negativ auswirken. Genauso könnte die Person an einer chronischen Darmerkrankung leiden, wobei Ernährung ebenfalls eine Rolle spielt. Und ganz allgemein hängt das Essverhalten eben auch mit der Körperbewertung zusammen. Und davon wollen wir wegkommen und dafür die Freude an der eigenen Ernährung in den Fokus stellen.

Burgard-Arp: Ich sehe es nach dem Motto: Keine Beratung ohne Auftrag. Auch wenn man viel Wissen zu einem Thema hat, sollte man andere Menschen nicht ungefragt belehren.

Als Journalistinnen und Autorinnen haben Sie sich mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt, dennoch ärgern auch Sie sich über Kommentare oder machen sich Gedanken über das eigene Gewicht. Warum fällt es so schwer, sich davon freizumachen?

Burgard-Arp: Wir haben für das Buch mit einer Soziologin gesprochen, die uns gesagt hat, dass Essen schon immer dazu da war, die eigene Identität zu zeigen oder sogar auch politisch-gesellschaftliche Themen der jeweiligen Zeit auszuhandeln. Das Identitätsstiftende ist aber auch mit Moral verknüpft und mit Bewertung. Indem ich jemanden abwerte, fühle ich mich selbst aufgewertet. Wir haben es also gelernt, dass unsere Persönlichkeit mit unserem Essverhalten verknüpft ist. Beim Thema Fatshaming sehen wir das ganz extrem. In Filmen und Büchern werden Übergewichtige oft als willensschwach, verfressen oder faul dargestellt – das sind sehr starke Bilder, die dadurch erzeugt werden und sich in uns festsetzen.

Borchardt: Und diese Zuschreibungen übertragen sich auf das reale Leben. Übergewichtige haben es deswegen schwerer, einen Job zu finden. Das heißt, der Wunsch gesellschaftlich konform auszusehen, ist zunächst verständlich.

Burgard-Arp: Es war uns auch wichtig, auf diese Doppelmoral bei uns selbst hinzuweisen. Auf der einen Seite nervt und triggert es uns, wenn unser eigenes Essverhalten bewertet wird. Auf der anderen Seiten sind wir selbst auch nicht ganz frei davon. Wir wollen damit sagen: Wir sitzen alle im selben Boot, aber jetzt hören wir gemeinsam damit auf.

Sie greifen Sätze auf, die vermutlich die meisten schon mal gesagt haben, wie zum Beispiel, dass man sich das Essen (meistens nach einer körperlichen Aktivität) richtig verdient hat. Das impliziert natürlich, dass man sich das Essen erst verdienen muss.

Bochardt: Stattdessen könnte man sagen, dass man sich beispielsweise nach einer langen Wanderung so richtig auf das Essen freut. Das ist eine andere Botschaft.

Burgard-Arp: Indem wir diese Glaubenssätze übernehmen, reproduzieren wir sie und wir wissen ja, dass Sprache eine Wirkung hat. Wir sollten bedenken, was unser Gegenüber vielleicht für eine Geschichte hat und wie das auf ihn wirkt. Da ich selbst früher unter einer Essstörung litt, löst dieser Satz bei mir etwas aus. Denn es ging bei mir – aber auch bei anderen Betroffenen, die ich durch meine Klinikaufenthalte kennenlernte – immer genau darum: sich das Essen zu verdienen.

Borchardt: Deswegen wollen wir sensibilisieren, welche Wörter wir in Bezug auf Essen gerne verwenden: Sünde, verdienen, gegensteuern. Beim Gegenüber kann man damit sofort ein schlechtes Gewissen auslösen und für Menschen mit einer Krankheitsgeschichte ist das besonders schwierig.

Der Umgang mit dem eigenen Essverhalten mag knifflig sein, doch wenn man Kinder hat, ist man erst recht in der Zwickmühle. Denn man will dem Kind eine gesunde Ernährung beibringen, aber auch einen entspannten Umgang mit Essen. Wie haben Sie das bei Ihren Kindern gelöst?

Burgard-Arp: Ich bringe meinen Kindern bei, dass der Körper manche Lebensmittel mehr braucht als andere. Ich sage ihnen, dass Süßigkeiten super lecker sind, aber der Körper damit nichts anfangen kann. Süßigkeiten sind für den Genuss da. Aber der Körper braucht noch andere Lebensmittel wie Obst und Gemüse beispielsweise. Damit tun wir ihm etwas Gutes. Es hat auch mit Selbstliebe zu tun, sich gut um den Körper zu kümmern. Solche Formulierungen finde ich besser als Verbote. Eine Nachbarin sagte mal zu ihrem Kind: Wenn du das jetzt isst, macht das dick und doof. Solche Formulierungen sind wirklich nicht angebracht.

Bochardt: Ich lebe es meinen Kindern vor, dass ich mich über einen knackigen Salat freue. Gesundes Essen kann ebenso genussvoll sein. Meinen Töchtern geht es auch so, mein Sohn dagegen möchte eigentlich nur Nudeln mit Ketchup und Mayo, dennoch biete ich ihm Gesundes an, lebe es vor – und hoffe einfach, dass es eines Tages fruchtet.

Burgard-Arp: Genau, Gemüse sollte nicht als lästiges Essen gelten, durch das wir durch müssen, um uns hinterher mit dem leckeren Nachtisch zu belohnen. Wenn Eltern sagen: „Das Eis gibt es nur, wenn du vorher den Brokkoli gegessen hast!“, wird der Brokkoli automatisch zur Last. Wir versuchen unseren Kindern zu vermitteln, dass wir uns über den Brokkoli ebenso freuen, wie über das Eis. Und das tue ich wirklich.

Zeitschriften werben seit Jahrzehnten offenbar erfolgreich immer wieder mit den skurrilsten Diäten, Ernährungstipps und sonstigen Ratschlägen für die perfekte Figur. Warum funktioniert das?

Burgard-Arp: Wir leben, nicht erst seit gestern, in einer Zeit der Selbstoptimierung. Wir denken, wenn wir noch an dieser einen kleinen Schraube drehen und noch ein bisschen disziplinierter sind, werden wir bessere Menschen. Früher haben uns das die Zeitschriften eingeredet, heute Social Media. Außerdem steckt dahinter auch die Diät- und Schönheitsindustrie. Diese Industrie hat ein Interesse daran, uns glauben zu lassen, dass wir nicht gut genug sind. Dann wird uns eine Lösung angeboten, mit der wir es besser machen können und darüber wird sehr viel Geld verdient.

Während man an den Zeitschriften noch vorbeilaufen könnte, kann man diesen Mechanismen auf Social Media kaum mehr entkommen.

Bochardt: Selbst auf dem Schulhof meiner Tochter wird schon darüber geredet, wie man Protein-Schoko-Brötchen backt. Und leider werden auf Social Media auch viele Falschinformationen verbreitet.

Burgard-Arp: Außerdem wird auf Social Media extrem emotionalisiert. Beim Thema Ernährung wird meist mit verkürzten Inhalten informiert, es wird auf irgendwelche unseriösen Studien verwiesen und immer mit ganz viel Pathos vermittelt. Auf diese Weise verfangen sich diese Inhalte aber sehr gut.

Bochardt: Auch wir haben uns schon beeinflussen lassen. Erst gestern haben wir einen Shake mit Kollagenpulver drin getrunken. Obwohl wir wissen, dass eine Wirkung nicht wissenschaftlich bewiesen ist. Aber es hat gut geschmeckt und sich nach einem kleinen Luxusmoment angefühlt. Auch hier gilt: Es ist in Ordnung, wenn man sich wider besseres Wissen dafür entscheidet.

Info

Buch
„Essen und essen lassen – Endlich zu einem entspannteren Umgang mit unserer Ernährung finden. Schluss mit Food Noise und Ernährungskult“ ist im Kösel Verlag erschienen.

Autorinnen
Marlene Borchardt ist Journalistin und Autorin. Sie schreibt unter anderem für „Die Zeit“ über mentale Gesundheit und Familie und berät Medienhäuser. Nora Burgard-Arp ist mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftsjournalistin. Sie schreibt vor allem für das Gesundheitsressort von „Die Zeit“ über Psychologie und Ernährung.