Sonja Hagenmayer kümmert sich im Schlupfwinkel um Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben. Foto: Nina Ayerle

Der Schlupfwinkel kümmert sich um Kinder, die auf der Straße leben – mit jeder Menge Probleme. Bereits seit 1993 existiert die Anlaufstelle für Jugendliche und Kinder zwischen 12 und 21 Jahren.

Heusteigviertel - Viele, die dort landen, wissen nicht wohin sonst. Täglich suchen zwischen 20 und 30 Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben, den Schlupfwinkel auf. Zerrüttete Familien, Gewalt, Arbeitslosigkeit und Alkoholismus der Eltern sind Gründe, warum viele von ihnen von zu Hause weggelaufen sind. Viele kommen tagtäglich in die Einrichtung in der Schlosserstraße. Die Einrichtung ist für sie fast ein neues Zuhause geworden.

Seit 1993 Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche

Der Schlupfwinkel bietet den Kindern und Jugendlichen, die zwischen zwölf und 21 Jahre alt sind, zumindest tagsüber eine Anlaufstelle – und das seit 1993. 20 Jahre existiert der Schlupfwinkel also inzwischen. Seit der Eröffnung gibt es dort Frühstück, eine Dusche und Waschmaschinen, um die Wäsche zu waschen. Und Ansprechpartner, die zuhören bei Problemen und helfen. So wie die Sozialpädagogin Sonja Hagenmayer: Die 38-Jährige arbeitet seit fünf Jahren in Teilzeit in der Einrichtung, die von der evangelischen Gesellschaft (eva) und von der Caritas gemeinsam getragen wird.

„Bei uns können die Jugendlichen einfach reinschneien“, sagt Hagenmayer. Der Schlupfwinkel bietet ihnen die nötigste Grundversorgung. „Es gibt ein kostenloses Essen und ein kleines Kontingent an Second Hand-Klamotten für Notfälle“, ergänzt die Sozialpädagogin. Zusätzlich komme einmal in der Woche das MedMobil vorbei. Die mobile Arztpraxis steht an diesem Tag ausschließlich den Besuchern des Schlupfwinkels zur Verfügung. Die Ärzte dort arbeiten alle ehrenamtlich.

Jugendliche lernen, ihren Tag zu strukturieren

Der Schlupfwinkel ist nicht nur eine Anlauf-, sondern auch eine Beratungsstelle. Denn die Jugendlichen leben nicht ohne Grund auf der Straße. Sie haben Stress mit den Eltern, in der Schule oder mit Ämtern, sind ohne Ausbildung oder ohne Job. Nicht wenige haben Alkohol- und Drogenprobleme. Oft hängen die Probleme zusammen. „Die meisten haben nicht nur eine Baustelle im Leben“, sagt Sonja Hagenmayer. Ihnen allen gemeinsam ist, dass ihnen der sichere Halt fehlt.

Ein bisschen davon bekommen sie im Schlupfwinkel. Hagenmayer und ihre sechs Kollegen bieten Begleitung bei Gesprächen an – mit den Eltern, mit der Schule, mit den Behörden oder mit der Polizei und Ärzten. Sie überlegen gemeinsam mit den jungen Leuten, wie es weitergehen könnte. Zudem bietet die Einrichtung ihren Besuchern Beschäftigungsmöglichkeiten. Gemeinsam verschönern sie einen Raum, machen Musik oder arbeiten auf einem Stuttgarter Weingut mit. Die verschließbaren Schränke im Flur des Schlupfwinkels, in denen die Jugendlichen ihre Wertsachen einschließen, sind selbst gebaut. So erfahren die Jugendlichen, dass Arbeit Spaß machen kann und sie lernen, ihren Tag zu strukturieren.

„Wir sind parteiisch“

Das wichtigste Prinzip der Einrichtung lautet: „Jeder kommt freiwillig zu uns“, sagt Hagenmayer. „Wir tun alles, wenn wir es ebenfalls für pädagogisch sinnvoll halten, aber nur dann, wenn die anderen Seite das auch will.“ Jeder könne anonym bleiben. Es sei den Jugendlichen freigestellt, was sie erzählen möchten und was nicht. Wenn jemand seinen Namen nicht verraten möchte, ist das in Ordnung. „Bei uns muss sich keiner mit Perso anmelden.“

Für viele ist der Schlupfwinkel ihr zweites Wohnzimmer. Einige sind nur von Zeit zu Zeit da, wenn sie gerade eine schwierige Phase zuhause durchmachen. „Bei manchen zieht sich der Hilfeprozess über Jahre hin“, ist Hagenmayers Erfahrung. Die Probleme seien sehr unterschiedlich. „Mädchen wissen meistens genau, was sie brauchen und haben eine Vorstellung davon. Sie holen sich konkret Hilfe ab.“ Bei den Jungen sei das anders. Sie würden oft jemanden suchen, der ihnen sagt, wo es lang geht. „Genau das, versuchen wir zu vermeiden“, sagt Hagenmayer. Auch die Jungs sollen lernen, selbst in die Gänge zu kommen. „Bei manchen dauert es länger, bis der Groschen fällt“, sagt sie. Das sei aber nicht spezifisch für die Zielgruppe des Schlupfwinkels, sondern eher ein allgemeiner Trend unter Jugendlichen.

Eine Sache ist ihr wichtig: „Wir sind parteiisch“, betont sie. „Das bedeutet, egal zu wem ich vermittle, ich bleibe auf der Seite des Jugendlichen.“ Schließlich sollen sie bei ihnen lernen, dass es Erwachsene gibt, denen sie vertrauen können.

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