Tahsin Sancak hat etliche eigene Handgriffe entwickelt, um Türen zu öffnen. Foto: Roberto Bulgrin

Wenn Tahsin Sancak angerufen wird, dann hat das häufig einen unerfreulichen Grund. Als Schlüsselnotdienst erlebt der 58-Jährige viele Geschichten, hat aber auch mit Vorurteilen zu kämpfen.

Esslingen - Hundertzehn Euro, so viel kostet in der Regel das Öffnen einer Tür beim Esslinger Schlüsseldienst Sancak. Es komme natürlich darauf an, was das Problem ist, erklärt Tahsin Sancak, der schon seit über 35 Jahren Türschlösser knackt. Denn wenn zum Beispiel der Zylinder blockiert, also das Öffnen der Tür mit herkömmlichen Methoden nicht möglich ist, dann muss gefräst werden. Und das wird teurer. Aufbekommen hat Sancak noch jede Tür. Damit hat er schon vielen Menschen aus misslichen Lagen geholfen – und dabei die eine oder andere verrückte Geschichte erlebt.

 

Sancak ist Inhaber des gleichnamigen Familienbetriebs für Sicherheitstechnik, den es schon seit 1983 in Esslingen gibt. Der 58-Jährige steht hinter dem Tresen direkt im Eingangsbereich, er trägt ein blaues Langarmshirt: sein Arbeitsoutfit. An einer Kordel, die er um seinen Hals trägt, hängen die zwei Teile einer Magnetbrille. In dem recht großzügig geschnittenen Ladenlokal in der Neckarstraße stehen auf einer Werkbank mehrere Gerätschaften in Reih und Glied. An der Wand im hinteren Bereich sind zwei breite Regale montiert, in denen hunderte kleine Pappschachteln einsortiert sind.

„Man steht jeden Tag vor neuen Problemen“

Wenn die Kunden in das Geschäft kommen, weil sie eine neue Schließanlage bestellt haben, einen Schlüssel oder einen Transponder abholen möchten, dann hält sich Sancak meist im hinteren Teil des Ladens auf. Dort werkelt er an seinen Aufträgen und bewegt sich dann zügig zum Tresen.

Der Beruf setzt viele Fähigkeiten voraus: Neben den klassischen Aufgaben eines Schlüsseldienstes – also Schlösser ein- und ausbauen oder Schlüssel anfertigen – müssen die Experten auch kleinere Tischlerarbeiten erledigen können. Das wird beim Einbau der Schließanlagen häufig notwendig. Darüber hinaus sollten sie auch in der Lage sein, im Niederspannungsbereich elektrische Bauteile einzubauen. Diese Vielseitigkeit ist es, die Tahsin Sancak seit knapp 35 Jahren im Beruf hält. „Ich liebe diesen Job“, sagt er, „man steht jeden Tag vor neuen Probleme, die man lösen muss.“

Schlüsseldienste haben einen schlechten Ruf

Es gibt da noch eine Fähigkeit, die aus Sancaks Sicht wichtig für einen guten Service ist: Mit Menschen umgehen und sie auch beruhigen können. „Die Leute kommen ja meistens zu mir, wenn sie ein Problem haben“, erklärt der erfahrene Handwerker. Viele Menschen haben sich schon einmal selbst ausgesperrt. Gedankenverloren stürmt man aus der Wohnung, zieht die Tür hinter sich zu und dann – oh, der Schlüssel liegt noch in der Küche. Viele Betroffene geraten dann in Panik. Sancak und seine Kollegen, die rund um die Uhr erreichbar sind, müssen die Kunden oft zunächst beruhigen und sachlich erklären, was auf sie zukommt. Schlüsseldienste hätten einen schlechten Ruf, weil es viele schwarze Schafe gebe, sagt der 58-Jährige. Damit meint er Unternehmen, die mit völlig überzogenen Preisen die ganze Branche in Verruf bringen. Das wirke sich auch auf seine Arbeit aus, weil die Menschen häufig misstrauisch seien.

Das Wichtigste: Nach dem Preis fragen

Doch woher weiß man, ob der Schlüsselnotdienst seriös ist? Sancak hat drei Tipps, wie sich Kunden vor Wucherpreisen schützen können: Zunächst sollten Betroffene darauf achten, einen ortsansässigen Betrieb auszuwählen. Wenn man diesen anruft, sollte man beschreiben, was das Problem ist. Ist die Tür nur zugefallen? Oder gar der Schlüssel im Zylinder abgebrochen? Mit diesen Angaben können die Experten einschätzen, wie aufwendig die Arbeit wird und einen Preis nennen. Damit kommt Sancak auch schon zum dritten und aus seiner Sicht wichtigsten Punkt: „Immer nach dem Preis fragen“, sagt er. Wenn beispielsweise das einfache Öffnen einer zugefallenen Tür 600 Euro kosten soll, dann könne man recht sicher sein, dass man über den Tisch gezogen werde. Es sind vor allem die Menschen und ihre Geschichten, die den 58-Jährigen an seinem Beruf begeistern. „Jeder Notfall ist anders“, sagt Sancak. Ein Fall sei ihm besonders in Erinnerung geblieben. Eine Frau sei duschen gewesen und habe sich im Badezimmer eingeschlossen. Ihr Sohn, mit dem sie zusammenlebte, sei unterwegs gewesen und erst gegen 3 Uhr nachts heimgekommen. Er rief dann Sancak an, der musste allerdings die Tür aufwendig öffnen, sodass eine weitere Stunde verstrich. Am Ende saß die Frau über sieben Stunden in dem Badezimmer fest.

Auch Nervenkitzel gehört dazu

Auch mit der Kriminalpolizei arbeite er immer wieder zusammen, berichtet Sancak. Einmal habe er für eine Wohnungsstürmung eine Tür öffnen sollen. Plötzlich hätten sich die Beamten schusssichere Westen übergezogen. Es sei nicht klar gewesen, ob der Tatverdächtige im Inneren bewaffnet ist. „Ich dachte: Was ist denn hier los?“, erinnert sich Sancak. Er hatte keinen Schutz. Seitlich habe er das Schloss geöffnet, dann seien die Polizisten hineingestürmt. Auch Nervenkitzel ist manchmal ein Teil des Berufs. Doch Vorfälle wie diese seien nicht die Regel. Sancaks Ziel ist es, den Menschen aus der Patsche zu helfen. Klar, wenn er gerufen wird, ist das meist kein schöner Anlass. Trotzdem bekommt der 58-Jährige auch viel Dankbarkeit zu spüren: „Ein Großteil der Menschen ist froh, einfach wieder daheim übernachten zu können“, sagt er.

Sicherheitstechnik Sancak

Familienbetrieb
Das Unternehmen wurde 1983 von Tahsin Sancaks Bruder Mehmet gegründet. Anfang der 2000 expandierte das Unternehmen und baute die Firma Elock2 in Deizisau auf. Der neue Geschäftsbereich entwickelt eigene, digitale Schließsysteme. So hat Elock2 beispielsweise ein Schloss im Sortiment, das über eine bestimmte Drückabfolge auf den Handknauf schließt und öffnet – ähnlich wie beim Morsen.

Spezailität
Laut Tahsin Sancak bekommt ein seriöser Schlüsseldienst eine Tür auf, ohne sie zu beschädigen. Für sehr schwere Fälle hat sein Bruder Mehmet eine Vorrichtung entwickelt, die er durch den Türspion einführt und mit der er die Klinke nach unten drücken kann.