Wenn man sich eine Kombination wünschen dürfte, wäre es wohl diese: Herbert Grönemeyer spielt mit seiner Band und den Stuttgarter Philharmonikern auf dem Schlossplatz. Eindrücke von einem berauschenden Sommerabend.
Dass Konzerte, vor allem jene von namhaften Popstars derzeit so gefragt sind, hat womöglich viele Gründe. Einer könnte sein, dass es sich um Gemeinschaftserlebnisse handelt, die man während dieser Pandemie doch so schrecklich vermisst hat. Außerdem sind Konzerte etwas, das man nur an diesem Abend erleben kann und nicht reproduzierbar ist. Ein paar Stunden Zerstreuung von den Unwägbarkeiten des Alltags, von den Katastrophen-Meldungen im Sauseschritt. Und man kann manchmal bei Konzerten ein großes Glück haben, etwas zu erfahren, das es so nur ein Mal gibt.
Der Mittwochabend auf dem Schlossplatz ist so eine einzigartige Konstellation: Herbert Grönemeyer, der Antipopstar aller Popstars, tritt mit Band und den Stuttgarter Philharmonikern auf. Zwei Tage lang wurde unter Verschluss der Öffentlichkeit im Gustav-Siegle-Haus geprobt.
Jetzt dürfen am Mittwochabend 7200 enthusiasmierte Fans dem Ergebnis eines mindestens genauso enthusiasmierten Grönemeyers lauschen. Man weiß am Ende gar nicht, wer sich am meisten freut. Die Fans, die Musikerinnen und Musiker der Philharmoniker, mit einer solchen Größe aufzutreten oder eben Grönemeyer, dieser verschmitzte Kerl, der unglaublich viel Freude hat, an dem, was er da für mehr als zwei Stunden vor großartiger Kulisse tut.
Auftakt auf dem Schlossplatz, und was für einer
Es ist der Auftaktabend zu den Schlossplatzkonzerten. In den nächsten Tagen werden noch Lenny Kravitz, Sam Smith, der Jazz Open Stammgast Jamie Cullum, Sting und Parov Stelar folgen. Die olle Frage, was das mit Jazz zu tun hat: geschenkt! Wer sich durch das Programm gearbeitet hat, weiß schon, für was die Begriffe Jazz und Open stehen.
Heute also Herbert Grönemeyer. Zuletzt hat der 68-Jährige vier Abende hintereinander den 40. Geburtstag seines Durchbruch-Albums „4630 Bochum“ gefeiert. Jeden Abend waren 25 000 Menschen dabei. Heute ist’s in Stuttgarts-Mitte fast schon intim. Und wirklich sehr besonders.
Schon vor Beginn, als noch nicht mal Einlass in den Innenbereich des Geländes ist, weil doch sehr lange der Sound gecheckt wurde, ist Christiane Wöhr, 73, sehr vorfreudig. Seit vielen Jahren sei sie riesiger Fan, „der Herbert ist ein großer Künstler“, sagt sie und erzählt dann eine wahnsinnig rührende Geschichte von einer Kinderärztin im Schwarzwald, Wilgart von Wedel, die Herberts Patentante war – und eben auch die Ärztin ihrer vier Kinder. Schon damals bei „Das Boot“ habe die die Tante erzählt, dass der Herbert nun Schauspieler sei. Seit damals verfolgt sie, was der Herbert macht und war schon auf einigen Konzerten.
‚Wiglev, weißt du, dass alles Leben im November beginnt?‘
Es ist eine kleine Anekdote. Und auch wenn sie sehr privat ist, zeigt sie, was Grönemeyer in diesen vergangenen vierzig Jahren, in denen er Musik und Musikgeschichte geschrieben hat, ausmacht: Jede und jeder hat eine ganz eigene Verbindung zu ihm, zu einzelnen Momenten, zu seinem Soundtrack zur alten BRD, zu einzelnen, ganz persönlichen Liedern. Und es sind verdammt viele, die er geschrieben hat, einige ikonische Stücke, aber auch Unbekannteres. Später an diesem sehr emotionalen Abend auf dem Stuttgarter Schlossplatz wird er „November“ anstimmen, einen Song, den er erst ein Mal live gespielt habe, wie er berichtet. Und: „Meine Mutter hat nicht viel gesprochen, aber dann sagte sie solche Sätze: ‚Wiglev, weißt du, dass alles Leben im November beginnt?‘“
Grönemeyer, dessen voller Name übrigens bestes Quizmaterial bietet (er lautet Herbert Arthur Wiglev Clamor), erzählt an diesem Abend ein paar solcher Anekdoten, er ist witzig, politisch natürlich, laut und energisch – und er freut sich vor allem sehr, dass dieses Experiment mit seinem Sound und dem der Stuttgarter Philharmoniker unter der Leitung Nick Ingman so sehr glückt.
Leichten Fußes tänzelt er auf die Bühne. „Was ist los? Da ist, was los ist“, stimmt er an. Wahnsinn, was da los ist in den mehr als zwei Stunden seines Auftritts im Ehrenhof des Neuen Schlosses. Jeder Satz ein Hit, „Deck mich zu mit Zärtlichkeiten“ etwa in dem Liebeslied „Halt mich“, dann ist da die Mitgröl- Fußballhymne „Zeit, dass sich was dreht“, „Flugzeuge“ und das schwofige „Mambo“. Und natürlich: „Der Mensch heißt Mensch, weil er irrt und weil er kämpft, weil er hofft und liebt, mitfühlt und vergibt.“
„Sie denken, was soll das, der singt so komisch? Das liegt daran, dass ich so gut aussehe.“
Mensch, Herbert! Und dann ist der Star dort oben auch noch so selbstironisch. Vor „Männer“ witzelt er: „Sie denken, was soll das, der singt so komisch? Das liegt daran, dass ich so gut aussehe.“ Er erzählt von seinen Anfängen, wie er nach vier Alben als Künstler scheiterte von der Stuttgarter Plattenfirma Intercord gekündigt wurde, weil man ihn als Schauspieler zwar ganz nett fand, aber als Künstler „katastrophal“. Das Radio ihn nicht spielen wollte, weil man ihn nicht verstand.
Heute, vierzig Jahre später, verstehen alle alles, jede noch so kleine Andeutung. Was für ein Abend, was für eine Kulisse vor dem Neuen Schloss unter wolkenlosem Nachthimmel. Grönemeyer lobt die liebevolle Organisation des Festivals, bedankt sich für die Einladung und für das wundervolle Geschenk mit den Stuttgarter Philharmonikern auftreten zu dürfen. Nach vier Songs – und dem lauten „Musik nur, wenn sie laut ist“ – stimmt das Orchester mit ein, begleitet ihn zu „Chaos“ und zu der besonderen Liebeserklärung an seine Heimat „Bochum“, die er kurzerhand umdichtet in „Du bist keine Weltstadt so wie Stuttgart“. Und Grönemeyer ist ganz der Grönemeyer, einer, der auf die Bühne kommt und strahlt, ohne ein Wort zu sagen. Einer, der sehr dankbar ist, für das, was er erreicht hat und leise an einen Song ans Publikum gerichtet sagt: „Schön, dass es euch gibt.“