An den Wochenenden geht es auf dem Kleinen Schlossplatz zur Sache. Wirte und Händler erzählen von Pöbeleien und Schlägereien. Sie haben aber auch Ideen, wie sich das ändern kann.
Stuttgart - Zur „unglücklichen Berühmtheit“ sei jener Ort geworden, an dem sie seit 16 Jahren ihre Bar betreibt, meint Melanie Matzen. Immerhin: Am vorigen Wochenende konnte die Wirtin des Waranga auf dem Kleinen Schlossplatz aufatmen. Dank Polizeipräsenz seien die Tage und Abende „entspannt und ohne Vorfälle“ verlaufen, berichtet sie und hofft jetzt, dass das in den kommenden Wochen einschließlich der Sommerferien so bleibt.
Melanie Matzen erinnert sich noch gut an die Zeiten, in denen der Kleine Schlossplatz für alle da war, für Familien mit Kindern, Menschen mit Hunden, Jugendliche. Zuletzt sah das Bild vor allem an den Freitag- und Samstagabenden anders aus. Was sich da vor der Tür des Waranga abspiele, habe seit dem Frühjahr 2020 eine ganz neue Qualität, meint die 46-Jährige, die seit 25 Jahren in der Gastronomie arbeitet. Und „Qualität“ ist dabei nicht positiv gemeint. „Wir sind direkt an der Front“, sagt Matzen und schildert einen „gewöhnlichen“ Samstagabend während der Pandemie.
Mann mit Kinderwagen rennt davon
Gegen 16 Uhr füllt sich allmählich der Platz, und die Stimmung heizt sich immer weiter auf. Die meisten der Männer, die die Wirtin auf zwischen 12 und 20 schätzt, hätten wohl arabische Wurzeln. „Das sind keine Stuttgarter“, vermutet die teilhabende Geschäftsführerin des Waranga, die viele Menschen aus verschiedenen Nationen bei sich beschäftigt. Als sich die ersten Tumulte anbahnen, steht die Hälfte ihrer Gäste auf und geht. Der Höhepunkt dann zwischen 19 und 20 Uhr: Es wird mit Drogen gedealt, Passanten werden belästigt.
Immer wieder kommt es zu Schlägereien, und es geht dabei der ein oder andere blutend zu Boden. Ein Mann mit Kinderwagen rennt davon. Flaschen fliegen. Vier- bis fünfmal am Abend ruft Matzen die Polizei an. Wenn die Einsatzkräfte kommen, hauen viele über die Freitreppe ab. Keine Stunde später sind sie wieder da. Die Türsteher des Waranga greifen ein und nehmen einen 13-Jährigen in Gewahrsam, damit dieser geschützt ist vor seinen „Freunden“ da draußen.
Verweilverbot gefordert
Melanie Matzen hat ihre Terrasse mit großen Kübelpflanzen abgegrenzt und überall Kameras installiert. Ihre Gäste könnten sich sicher fühlen, betont sie – trotzdem kommen weniger. Mit den Behörden und der Polizei ist sie seit Langem im Gespräch; beim neuen Leiter des Innenstadtreviers Jens Rügner spürt sie Verständnis für ihre Sorgen, im Rathaus weniger. „Ich glaube nicht, dass der Stadt daran gelegen ist, etwas zu ändern“, sagt die Gastronomin, die ein zeitnahes Verweilverbot auch für den Kleinen Schlossplatz fordert. „Das ist auf Dauer keine Lösung, aber ein Mittel, um ihn wieder zum Aushängeschild der Stadt zu machen.“ Die Stadt hat sich auf unsere Anfrage hin zu diesem Vorschlag bisher nicht geäußert.
„Ich möchte keinen geschlossenen Schlossplatz. Ich möchte dort in Sicherheit verweilen“, sagt Dennis Shipley, der Wirt der Alten Kanzlei. Seit seiner Wutrede vor vier Wochen – wir haben berichtet – habe sich nicht viel getan. „Die Polizei hat die Sache nicht im Griff“, urteilt er. Viele seiner Gäste trauten sich nicht mehr zu kommen, das spüre er als Unternehmer auch finanziell. Wenn seine Mitarbeiterinnen nachts nach Hause gingen, würden sie von „jungen Migranten“ belästigt, erzählt er, denn er ist der Meinung, man müsse die Probleme beim Namen nennen. „Dieser Zustand ist nicht auszuhalten“, sagt der 39-Jährige, der den Schlossplatz als „das neue Ghetto von Stuttgart“ bezeichnet.
Unterstützung von der Stadt erwartet
Winnie Klenk von der Boutique Abseits hat beobachtet, dass diejenigen, die sich zuvor am Eckensee getroffen haben während des Lockdowns, den Kleinen Schlossplatz für sich entdeckt hätten. Er schätzt, dass die meisten der Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahre alt sind. Auch seine Kunden werden regelmäßig angepöbelt, wenn sie über den Platz zum Laden laufen. Immerhin schrecke das die Stammkunden nicht ab, so Klenk. Wenn er eingreife, dann müsse er sich Sätze anhören wie „Ich zieh gleich meine Waffe, alter Mann“, erzählt der 58-Jährige. Eigentlich möchte Klenk die Vorgänge nicht dramatisieren, aber er betont auch: „Ich mache das Geschäft seit 30 Jahren, ich beschäftige zehn Menschen und zahle Gewerbesteuer. Ich möchte einen schönen Platz und erwarte, dass mich die Stadt unterstützt.“
„Das Dilemma lässt sich lösen“, meint Klenk. Das Vorhaben des Club Kollektivs, das wie berichtet auf dem Kleinen Schlossplatz DJs auftreten lassen will, hält er für hilfreich. Ideen hat er selbst genug, auch unkonventionelle. Warum lasse man zum Beispiel nicht jedes Wochenende Musikkapellen aus den Stadtbezirken auf dem Kleinen Schlossplatz auftreten? Damit sei den coronageplagten Orchestern und Chören gedient, die endlich wieder vor Publikum spielen dürften – und die Lage entspanne sich von ganz allein.