Pierre Fontaines Entwurf zum Landhaus Schloss Rosenstein Foto: Hauptstaatsarchiv Stuttgart

Das Landesarchiv Baden-Württemberg deckt nach einem überraschenden Fund in einem Pariser Auktionshaus ein Stück unbekannte Landesgeschichte auf.

Im Dezember 2022 tauchen in einem Pariser Auktionshaus nach mehr als 200 Jahren bislang unbekannte Baupläne für Schloss Rosenstein auf. Die Überraschung ist groß: Hatte der berühmte Erste kaiserliche Architekt Napoleons, Pierre Fontaine, tatsächlich Entwürfe für den Sommersitz des württembergischen Königs beigesteuert? Was das Landesarchiv Baden-Württemberg in der Folge herausfindet, wirft ein Schlaglicht auf König Wilhelm I., der mit großem Ehrgeiz am Prestige seiner Residenzstadt arbeitete.

 

Eine große rote Mappe, darin eine ausführliche Projektbeschreibung und 14 großformatige Zeichnungen eines herrschaftlichen Palastes. Betitelt ist der Umschlag in französischer Sprache mit den Worten: „Projekt eines Lustschlosses für seine Majestät, den König von Württemberg“. Die Mappe ist Teil eines Konvoluts, das das Pariser Auktionshaus Eve im Auftrag der Nachfahren des französischen Architekten Pierre Fontaine zur Versteigerung gebracht hat und jetzt im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart liegt.

Die wichtigsten Baumeister des Empire-Stils

Fontaine und sein Kompagnon Charles Percier sind nichts weniger als die wichtigsten Baumeister des Empire-Stils. Im frühen 19. Jahrhundert so etwas wie europäische Stararchitekten. Der Arc de Triomphe du Carrousel nahe dem Louvre ist ihr Werk. Für Fontaines Pläne des nie gebauten Schlosses für den Sohn Napoleons hatte das Auktionshaus bis zu 120 000 Euro aufgerufen.

Dass der Architekt Napoleons vom württembergischen Hof angefragt wurde, war bekannt. Doch die Baupläne selbst, wenn sie denn je existierten, galten als verschollen. Zuerst mussten sich die Experten des Landesarchivs deshalb versichern, nicht einem Betrug aufzusitzen. Dann griff man zu: Für 29 000 Euro gelangen die historischen Baupläne zurück nach Stuttgart, wo sie um 1820 schon einmal waren.

Pierre Fontaine Foto: Clark Art

Neben Fontaine hatte König Wilhelm auch bei John Papworth in London, Carlo Rossi in St. Petersburg und Johann Michael Kapp in Rom um Pläne gebeten. „Doch es ging nie darum, einen neuen Baumeister anstelle des Hofbaumeisters Salucci zu finden“, erklärt Thomas Fritz vom Hauptstaatsarchiv. „Wilhelm I. wollte vielmehr Ideen für eine möglichst anspruchsvolle, internationalen Maßstäben genügende Architektur abschöpfen.“ Und das möglichst kostengünstig. Denn von Bezahlung war keine Rede. Die angefragten Architekten wurden darüber im Unklaren gelassen. Das Hôtel de Salm in Paris sollte den Architekten als Vorbild ihrer Entwürfe dienen.

Königin Katharina, die 1819 mitten im Planungsprozess für das Schloss überraschend starb, hatte längst begonnen, mit Salucci an den Plänen zu arbeiten. Auch das Bauprogramm für das Schloss auf dem Kahlenstein, wie der Hügel über dem Neckar damals hieß, hatten Katharina und der Hofbaumeister entwickelt. Am Ende musste Salucci elf Pläne ausarbeiten, bis der finale Entwurf, in den dann wohl auch einige Ideen der anderen Architekten einflossen, stand.

Eine mit Brillanten verzierte Dose als Dankeschön

Und Fontaines Arbeit? Ganz im üppigen Stil des Empire, wäre dessen Palast als Fünfflügelanlage mit Ehrenhof und Triumphbögen zu pompös und teuer geraten. Er widersprach nicht nur Wilhelms Wunsch nach architektonischer Schlichtheit, sondern auch in einigen Details dem Bauprogramm. Fontaine, mit dem man ja tatsächlich nie bauen wollte, wurde ohne einen schriftlichen Kommentar mit einer mit Brillanten verzierten Dose im Wert von 600 Gulden abgespeist.

Der große Architekt zeigte sich tief getroffen: „Wenn dieses Geschenk uns als Preis für unsere Arbeit gegeben wird, entspricht sein Wert dem unserer Mühe bei weiten nicht, und wenn es ein Zeichen der Zufriedenheit ist, hätten wir gewünscht, dass ein Brief oder etwas Schriftliches uns nicht im Zweifel gelassen hätte“, schreibt Fontaine verärgert in sein Tagebuch. Die umfangreichen Erinnerungen des Architekten hat Jennifer Mayer vom Hauptstaatsarchiv in Hinblick auf den Bauauftrag ausgewertet.

Wütend und enttäuscht forderte Fontaine seine Pläne zurück

Aus Wut und Enttäuschung bittet Fontaine den württembergischen Gesandten in Paris um die Rückgabe seiner Zeichnungen. Das geschieht postwendend und erklärt, warum die Pläne 200 Jahre lang in Paris verborgen lagen.

Die Hoffnungen, die Wilhelm in den Bau des Schlosses legt, erfüllen sich in mehrfacher Hinsicht nicht, betont Fritz: Am Ende wird das 1829 fertiggestellte Schloss Rosenstein weder ein Zuhause für den König und seine Familie, noch kann der Bau als Monument des Andenkens an Königin Katharina das gestörte Verhältnis zu Russland bessern. Und auch für Wilhelms Wunsch, eine markante Rolle im Deutschen Bund zu spielen, wird das Schloss kein Symbol.

Unter dem Titel „Ein königlicher Traum – Wiederentdeckte Pläne für Schloss Rosenstein“ zeigt das Hauptstaatsarchiv Stuttgart ab 17. September in einer Ausstellung erstmalig die Entwürfe Fontaines und vergleicht sie mit denen der anderen beauftragten Architekten.