Porzellanmaler Harald Schweizer muss den eigenen Arbeitsplatz abwickeln. Foto: factum/Bach

Im Schloss Ludwigsburg hat das große Räumen begonnen. Ende Dezember schließt der Betrieb der Porzellanmanufaktur, weil kein Interessent das insolvente Unternehmen kaufen will. Bis dahin findet ein Sonderverkauf statt.

Ludwigsburg - So ist es oft. Erst wenn es auf das Ende zugeht, wird vielen bewusst, was unwiederbringlich verloren ist. So war Harald Schweizer, der seit 1977 in Ludwigsburg als Porzellanmaler in der Schlossmanufaktur tätig ist, anfangs sehr erfreut über den Auftrag aus Belgien: Ein Kaffeeservice sollte er mit Vogelmotiven bemalen. Jedes Teil sollte ein anderer Vogel schmücken. Mehr als 40 Motive und Teile waren es.

Aber in die Freude mischte sich natürlich auch die Wehmut, dass die letzten Tage der Schlossmanufaktur gekommen sind, und dass solche Aufträge nur ein letztes Aufflackern angesichts des nahenden Endes sind und nicht etwa eine Wiederbelebung der Ludwigsburger Porzellankonjunktur. Denn pünktlich zum Jahresende muss die Porzellanmanufaktur ihre Räume im Seitentrakt des Schlosses übergeben. Deshalb wurde in den vergangenen Tagen geräumt, sortiert, eingepackt und in den Verkaufsshop getragen. Die Ware mit kleinen Macken haben Schweizer und seine Kollegin als zweite Wahl gekennzeichnet. Zudem haben sie jeden Tag schon mal ein bisschen Abschied genommen.

Zweite Insolvenz in sechs Jahren

Das Hoffen auf ein Wunder, auf das alle mit dem Insolvenzverwalter Stefan Rüdlin nun anderthalb Jahre gesetzt haben, war vergebens. Nach 257 Jahren macht das Traditionsunternehmen, das am 5. April 1758 als „Herzoglich-ächte Porcelaine-Fabrique“ von Herzog Carl Eugen von Württemberg in Ludwigsburg gegründet worden ist, zum Jahresende dicht. Es hat sich kein Käufer gefunden, der die Marke Ludwigsburger Porzellan im Sinne von Stadt und Land weiterführen wird. Rüdlin will das Insolvenzverfahren mangels Käufer nun zu Ende bringen. Es ist die zweite Insolvenz innerhalb von sechs Jahren.

Bereits im Jahr 2010 war die Weißwarenproduktion in das thüringische Lichte ausgelagert worden. Die ursprünglich 20-köpfige Belegschaft war damals auf sechs Mitarbeiter in der Porzellanmalerei und im Verkauf geschrumpft.

Alle miteinander wickeln sie nun ihre eigenen Arbeitsplätze ab. „Das ist bitter“, sagt nicht nur Schweizer, der mit seinen fast 40 Jahren in der Manufaktur so etwas wie der Wissensträger ist. An seinem Arbeitstisch pinnen Skizzen für Teller, die er noch bemalen muss oder gerade bearbeitet hat. Langjährige Kunden wissen, dass es höchste Zeit ist, wenn sie auf Schalen und Teller etwa noch eine Widmung einbrennen lassen wollen. Die Maler der Manufaktur haben das Porzellan stets auch individuell nach Kundenwünschen gestaltet und auf diese Weise Unikate geschaffen. Jede Begegnung mit ihren Stammkunden ist nun für Schweizer und seine Kollegin ein kleiner Abschied vom großen Ganzen.

Sonderverkauf bis zum Jahresende

Keiner kann sich vorstellen, wie eine Marke, die man nun einschlafen lässt, in ein paar Jahren, falls sich doch ein Käufer findet, wieder zum Leben erwecken ließe. Ähnlich haben sich der Oberbürgermeister Werner Spec und Volker Kugel, Chef des Blühenden Barocks, in ihrer Funktion als Inhaber der Markenrechte geäußert. Vorerst heißt es Abverkauf, auch wenn Rüdlin andeutet, irgendwo werde man die Reste schon einlagern. So ganz gilt also nicht, dass alles raus muss. Der Insolvenzverwalter hat alle Stammkunden angeschrieben, dass bis zum Jahresende ein Sonderverkauf laufe. Zu ­reduzierten Preisen.

Bei diesen letzten Begegnungen geht es freilich nicht nur ums Einkaufen. Aber eben auch. „Manche Kunden kommen mit Listen, was sie zur Ergänzung noch haben wollen“, sagt Walburga von Schierholz. Sie arbeitet im Verkaufsshop und bewahrt in jeder noch so misslichen Situation die Contenance. Auch wenn jemand den Verkaufsraum und den Sonderverkauf mit einer Resterampe verwechselt. Denn das Porzellan wird jetzt zwar zum Sonderpreis angeboten, aber „wir verkaufen kein Polterabendgeschirr“, sagt Stefan Rüdlin.

Schilder mit der Aufschrift „Bitte nicht berühren“ stehen noch immer in den Auslagen. Geduldig nimmt Walburga von Schierholz Stück um Stück in die Hand, wenn Kunden nach dem aktuellen Preis fragen, und zieht dann vom ausgezeichneten Preis noch einmal etwas ab. Artikel, von denen es nur noch wenige gibt, sinken nicht so stark im Preis wie andere. Am meisten gefragt sei das Schuppenmuster, sagt sie. Jeden Stammkunden kennt sie mit Namen, weiß, welches Porzellan bei ihm im Schrank steht. Mancher letzte Besuch endet auch bei ihr mit einer Umarmung.

Öffnungszeiten: Der Verkauf in der Manufaktur ist bis Ende des Jahres mittwochs, freitags, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr.

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