Diakonie und Caritas werfen Krankenkassen vor, Leistungen nicht ausreichend zu vergüten. Die Schließung von Stationen droht. Foto: dpa

Vor den nächsten Verhandlungen mit den Krankenkassen im April schlagen Caritas und Diakonie in Baden-Württemberg Alarm. Sie fordern eine Anhebung der Vergütung in der häuslichen Krankenpflege um mindestens fünf Prozent, um die ambulante Pflege auf dem derzeitigen Niveau zu halten.

Stuttgart - Einmal pro Tag besucht ein Pfleger der katholischen Sozialstation der Caritas einen 81-jährigen Demenzkranken, misst seine Blutzuckerwerte, gibt ihm seine Medikamente sowie die Augentropfen und zieht ihm seine Kompressionsstrümpfe an. Dafür bekommt die Sozialstation von der Krankenkasse pro Hausbesuch 9,04 Euro vergütet – inklusive Anreise und Abreise. 16,79 Euro bekommt sie dafür, dass ein Mitarbeiter sich eine Stunde Zeit nimmt, um einer Rentnerin mehrere Verbände und einmal im Monat den Blasendauerkatheter zu wechseln.

Trotz der geringen Vergütung schreibt die katholische Sozialstation der Caritas in Stuttgart im Moment noch schwarze Zahlen. Doch bleibt es bei dieser Leistungsvergütung durch die Krankenkassen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch diese Sozialstation Minus macht. „Gut 60 Prozent aller Pflegedienste von Diakonie und Caritas in Baden-Württemberg schreiben bereits rote Zahlen, und 30 Prozent sind akut von einer Schließung bedroht“, sagt Heike Baehrens. Die Kirchenrätin ist stellvertretende Vorsitzende des Diakonischen Werks Württembergs , das in der Landeshauptstadt vier diakonische Stationen betreibt. Auch deren finanzielle Situation ist prekär. Um das Niveau in der häuslichen Pflege auch in Zukunft aufrechterhalten zu können, fordern Caritas und Diakonie jetzt in einem gemeinsamen Appell von den Krankenkassen mehr Geld für die häusliche Krankenpflege.

„Derzeit bieten die Kassen lediglich eine Erhöhung der Leistungsvergütung von rund 2,4 Prozent an. Das steht in keinem Verhältnis zu dem, was wir brauchen“, stellt Baehrens fest und verlangt eine Erhöhung der Vergütung um mindestens fünf Prozent. Hintergrund dieser Forderung ist laut Caritas und Diakonie eine Steigerung der Personalkosten in den vergangenen neun Jahren durch Tariferhöhungen um 17 Prozentpunkte. Dazu addierten sich höhere Sachkosten wie zum Beispiel die Spritpreise oder die Kosten für immer mehr Anforderungen zur Qualitätssicherung und Dokumentation. Im Vergleich dazu sei die Vergütung der häuslichen Krankenpflege jedoch lediglich um 8 Prozentpunkte angehoben worden. „Damit wird gut die Hälfte unserer Mehrkosten nicht bezahlt“, sagt Baehrens.

Forderung: Abrechnungsmodus entbürokratisieren

Nur aufgrund der Unterstützung durch Krankenpflegevereine, Kirchengemeinden und vereinzelt durch Kommunen können die Diakonie- und Sozialstationen nach eigenen Angaben die Versorgung kranker und pflegebedürftiger Menschen zu Hause im bisherigen Umfang aufrechterhalten. Den Krankenkassen werfen beide Unternehmen vor, mit unterschiedlichem Maß zu messen. So hätten die Ärzte im vergangenen Jahr von den Kassen eine um vier Prozent höhere Vergütung, die ambulanten Pflegedienste aber nur 1,98 Prozent mehr erhalten. Baehrens: „Angesichts der hohen Rücklagen in diesem Jahr ist es ein Affront, wenn zwar die gute Qualität der ambulanten Pflege gelobt und mit der Note 1,2 bewertet, aber eine angemessene Bezahlung abgelehnt wird.“

Die Mitarbeiter unter Tarif zu bezahlen, um die häusliche Pflege weiterhin finanzieren zu können, kommt für Rainer Brockhoff, Diözesancaritasdirektor Rottenburg-Stuttgart, nicht infrage.

„Wir stehen vor der Wahl, die Arbeitsleistung abzubauen oder die Station zu schließen“, stellt er fest. Er fordert die Krankenkassen auch auf, den Abrechnungsmodus zu entbürokratisieren. Bundesweit belaufen sich laut Brockhoff die Kosten für die Bürokratie in der Pflege auf rund 2,7 Milliarden Euro. Davon entfielen allein 191 Millionen Euro auf die häusliche Krankenpflege. Als Grund für die enormen Kosten nennt er das komplizierte Antragsverfahren für die häusliche Pflege. Ärgerlich sei auch, dass die Kassen trotz ärztlicher Verschreibung bei den Pflegediensten Wundprotokolle und einen Medikamentenplan anforderten, bevor sie entscheiden, ob sie die Verschreibung genehmigen. „An den zusätzlichen Ausgaben beteiligen sich nicht alle Kassen“, kritisiert Brockhoff. Außerdem wirft er den Kassen vor, die vom Arzt verordnete Leistung zu kürzen. „Dadurch wird das Therapieziel infrage gestellt“, sagt er und beklagt, dass es den Kassen häufiger um Kosteneinsparung als um die Interessen der Versicherten gehe.

Ob Caritas und Diakonie ihre Forderungen durchsetzen können, hängt vom guten Willen der Krankenkassen ab. „Ein Druckmittel ihnen gegenüber haben wir nicht“, räumt Baehrens ein.

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