Außen am Bus bunte Werbebotschaften, innen orientierungslose Flüchtlinge – die Fahrt geht am Mittwoch nicht nach Sinsheim, sondern nach Offenburg. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Land ist bei der Unterbringung der vielen Flüchtlinge heillos überfordert. Die Menschen wandern von einer Not- unterkunft zur nächsten. Einige sind seit Monaten nicht registriert. Am Mittwoch haben sich an der Schleyerhalle die nächsten Busse in Bewegung gesetzt.

Stuttgart - Das Bild mutet grotesk an. 500 Flüchtlinge sitzen am Mittwochmorgen in den Nebensälen der Schleyerhalle zwischen gepackten Koffern, Tüten und Bergen von Plastiksäcken mit ihren Habseligkeiten. Draußen vor der Tür fährt ein Bus nach dem anderen vor. Syrer steigen ein, Leute aus Pakistan und vom Balkan. Auf einem der Gefährte steht: „Event-Bus. Das Schönste haben Sie vor sich.“ Der nächste Bus verspricht „Urlaub mit Kultur“. Und der dritte verkündet: „Fürs Leben gern ein Stuttgarter“.

Stuttgarter sind die 500 Asylbewerber, die seit 15. August in einer Notunterkunft des Landes in der Schleyerhalle gelebt haben, nun nicht mehr. Zehn Busse haben sie am Mittwoch quer durch Baden-Württemberg gefahren. Offenburg lautete letztendlich das Ziel. Dort wartet die nächste Notunterkunft in einer Messehalle. Klar war das lange nicht. Noch am Dienstagabend hieß es beim Integrationsministerium, die Asylbewerber kämen in die Messe nach Sinsheim.

In der Schleyerhalle weiß kaum einer so genau, wohin die Reise geht. „Alle raus für die Busse drei und vier“, brüllt ein Helfer. Und: „Alle Busse haben dasselbe Ziel.“ Ein junger Mann aus Pakistan wirkt leicht verwirrt. „Sinnseheim“, sagt er auf die Frage, wohin er jetzt fahre. Wo das ist, weiß er nicht. Auch nicht, dass er jetzt doch in einen anderen Ort kommt. Offenburg? „Davon habe ich noch nie etwas gehört.“

Landeserstaufnahmen sind heillos überfüllt

Rund 60 Flüchtlinge haben vor einigen Tagen vor der Schleyerhalle gegen ihre Situation protestiert. Die meist aus Syrien stammenden Männer wollten darauf aufmerksam machen, dass einige von ihnen bereits in der vierten Notunterkunft sitzen – ohne offiziell registriert worden zu sein. Einen Asylantrag konnten sie deshalb bisher nicht stellen. Das geht nur in den Landeserstaufnahmestellen. Die aber sind heillos überfüllt. „Allein in Ellwangen sind derzeit 2800 Flüchtlinge untergebracht“, sagt Sabine Beck vom Regierungspräsidium Stuttgart. „Wir arbeiten bei der Registrierung im Mehrschichtbetrieb und gehen an die Grenzen unserer Kapazitäten.“ Ausgelegt war der Standort für nur 1000 Menschen.

Vor der Schleyerhalle ist die Stimmung recht erwartungsfroh. Kleine Kinder drücken ihre Nasen an den Scheiben der Busse platt und winken den Helfern draußen bei der Abfahrt zu. Viele Flüchtlinge verabschieden sich per Handschlag oder Umarmung vom Personal in der Halle. Immer mal wieder wird es kurz laut, wenn Leute in bestimmten Bussen sitzen wollen oder mit der Gepäckverladung nicht einverstanden sind. Doch bei den meisten ist die Laune gut. Sie wissen offenbar nicht, dass sie nur ins nächste Notquartier gebracht werden.

Drin in den Sälen beginnt derweil der Kehraus. In manchen Ecken türmt sich der Müll zwischen den Feldbetten. Auf den Boden haben Kinder mit Kreide bunte Bilder gemalt. An diesem Donnerstag muss alles besenrein sein, die Hallen werden für die bevorstehende Gymnastik-WM gebraucht.

Das Inventar bauen die Helfer erst gar nicht ab. Die Feldbetten werden direkt auf Tieflader gepackt. Die Lastwagen fahren dem Flüchtlingstross hinterher, quer durchs Land. In Offenburg geht es schneller, die bereits zusammengebauten Betten gleich wieder aufzustellen. Selbst die Polizei packt bei der Arbeit mit an.

Tieflader mit Feldbetten folgen den Bussen

Die Planung wird immer kurzfristiger. Erst am Dienstagabend hat das Regierungspräsidium Freiburg erfahren, dass die 500 Leute aus Stuttgart nicht nach Sinsheim, sondern in den Südwesten des Landes kommen. „Wir haben am Mittwochmorgen einen Krisenstab einberufen und verschiedene Unterbringungsmöglichkeiten geprüft“, sagt ein Sprecher. Die Stadt Offenburg habe kurzfristig ihre Hilfe zugesagt. Zu diesem Zeitpunkt sind an der Schleyerhalle bereits die ersten Busse vorgefahren. „Notunterkünfte sind derzeit unumgänglich“, sagt Sabine Beck, „auch wenn wir das eigentlich nicht wollen. Die Planung muss landesweit laufen, das Integrationsministerium muss entsprechend handeln.“ Dort teilt ein Sprecher nur mit, dass die „Unterbringungslage im Land nach wie vor angespannt“ sei.

Vor der Schleyerhalle steigen die letzten Flüchtlinge in die Busse. Einige von ihnen tragen Filmwerbung auf der Brust. „Täterätää – die Kirche bleibt im Dorf 2“, steht auf den gespendeten T-Shirts. Ein weiteres groteskes Bild vor einer irrwitzigen Fahrt.

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