Die Polizei bringt im September 40 Flüchtlinge aus einem Zug in ein Notquartier im Hauptbahnhof. Solche Bilder werden selten – die Leute landen in Bayern oder im Süden des Landes an. Foto: 7aktuell.de/Eyb

Der Flüchtlingszustrom hält an. Häufig haben kriminelle Schleuser ihre Hände im Spiel. Doch sie werden immer vorsichtiger. Das führt zu weniger Festnahmen - und schlimmen Vorfällen.

Stuttgart - Der Fall hat für Rätselraten gesorgt. Und wie sich jetzt herausstellt, hätte er beinahe ein Menschenleben gefordert. Im Dezember ist vor dem Stuttgarter Schlossgartenhotel eine 30-köpfige Gruppe aus dem Irak gestrandet. Woher die zehn Erwachsenen, der Jugendliche und die 19 Kinder kamen, ist bis heute nicht geklärt.

„Es gibt keine Spuren“, sagt ein Sprecher der Stuttgarter Polizei. Es scheint jedoch klar zu sein, dass die Leute nicht auf eigene Faust nach Deutschland gekommen sind. Vermutlich hatten Schleuser ihre Hände im Spiel.

Darauf deutet auch der Gesundheitszustand der Leute hin. „Es ging ihnen gar nicht gut“, weiß der Polizeisprecher. Viele hatten Durchfall oder Fieber, ein einjähriges Kleinkind musste im Olgahospital gerettet werden: Es hatte offenbar länger nichts zu trinken bekommen und war bereits völlig ausgetrocknet. Wie die Reise bis zum Stuttgarter Luxushotel genau verlaufen ist, lässt sich nicht nachvollziehen. Nur so viel: Sie muss eine Tortur gewesen sein.

Vor zweieinhalb Jahren hat die Bundespolizei, die für Flughäfen, Bahnhöfe und Grenzen zuständig ist, auch in Baden-Württemberg die Kontrollen erhöht. Mit dem Ziel, kriminelle Schleuser zu erwischen, die Flüchtlingen deren letztes Geld abknöpfen, um sie auf illegalen Wegen ins Land zu bringen. Die Zahl der Festgenommenen schoss daraufhin in die Höhe: erst auf 80 im Jahr 2013, im Jahr darauf sogar auf 138.

Die Zahl der festgenommenen Schleuser sinkt

Doch jetzt werden wieder weniger Schleuser ertappt. In Baden-Württemberg sind es im vergangenen Jahr 99 gewesen, bei der Bundespolizeiinspektion Stuttgart ist die Zahl von 17 auf 12 gesunken. Sowohl bei den Flüchtlingen, die in Stuttgart aufgegriffen werden, als auch bei den Schleusern „verspüren wir seit dem Spätsommer 2015 einen stetigen Rückgang“, sagt Bundespolizeisprecher Jonas Große. Das liege in erster Linie an der Einführung der Grenzkontrollen in Bayern. Aber auch an den geänderten Methoden der Schleuser. Die reisen oft selbst gar nicht mehr mit, setzen Mittelsmänner ein oder überlassen die Asylsuchenden sich selbst – natürlich erst nach der Bezahlung.

„Auf ihrem Weg nach Deutschland nutzen Schleuserorganisationen nahezu jedes Verkehrsmittel über den Luft-, Land- und Wasserweg“, sagt Cora Thiele, die bei der Bundespolizei für das Land zuständig ist. Sie verdienten damit „horrende Beträge“. Die Ermittlungen verliefen äußerst schwierig, da sich die Drahtzieher meist im Ausland befänden. Wenn derzeit in Baden-Württemberg Schleuser erwischt werden, dann zumeist bei Straßenkontrollen im Bereich Offenburg und Weil am Rhein. Von dort kommen Flüchtlinge über die Grenze, die aus Italien, Frankreich oder der Schweiz nach Deutschland weiter wollen und nicht über die Balkanroute in Bayern eintreffen.

Die Nationalitäten der Täter gehen bunt durcheinander. Am häufigsten vertreten sind unter den Festgenommenen allerdings deutsche Staatsbürger. Dahinter folgen Syrer, Gambier, Kosovaren und Iraker. Immer wieder kommt es laut Experten auch vor, dass Flüchtlinge selbst zu Schleusern werden – entweder, um anderen Asylsuchenden zu helfen, oder schlicht, um Geld zu machen.

Ein Mittelsmann übergibt an den nächsten

Die Methoden der Kriminellen kennen dabei inzwischen keine Schranken mehr. In manchen Fällen werden Taxis ins Ausland bestellt, um dort Fahrgäste aufzunehmen, die sich als Flüchtlinge ohne Papiere entpuppen. Häufig haben die Organisationen ganze Netzwerke über Ländergrenzen hinweg aufgebaut, sodass die Geflüchteten mehrfach von einem Mittelsmann an den nächsten übergeben werden.

Zimperlich gehen viele Beteiligte dabei nicht vor. An der französischen Grenze etwa hat die Bundespolizei im Spätsommer ein Auto aus dem Nachbarland angehalten. Darin fanden sich nicht nur fünf ausweislose Männer, die man später als syrische Staatsangehörige identifiziert hat, sondern auch ein Fahrer. Der hatte in seinem Auto auch eine Stahlrute dabei. Zu welchem Zweck, können die Ermittler nur erahnen. Doch es dürfte sicher sein, dass man als Flüchtling besser nicht auf die Idee kommt, solchen Schleusern zu widersprechen.

Den 30 Irakern vom Stuttgarter Schlossgartenhotel geht es inzwischen wieder gut. Sie sind über die Landeserstaufnahmestelle in Karlsruhe weiterverteilt worden. Wer sie vor dem Luxushotel abgeladen und dabei mit ihrem Leben gespielt hat, wird wohl ihr Geheimnis bleiben.

Info: Besondere Schleusungsfälle im Jahr 2015

6. Januar: Am Grenzübergang Weil am Rhein fahren zwei deutsche Taxis vor. Sie wollen aus der Schweiz nach Baden-Württemberg weiter. Die Autos fallen auf, denn sie sind mehr als ausgebucht: Neben den Fahrern befinden sich insgesamt zwölf weitere Personen in den beiden Wagen. Es handelt sich um zwei syrische Familien mit sechs Erwachsenen und sechs Kindern. Es stellt sich heraus, dass die Fahrer beauftragt worden waren, die Flüchtlinge in Italien abzuholen und über die Schweiz nach Deutschland zu bringen. Ziel der langen Taxitour wäre Bonn gewesen.

7. Juni: Die Polizei kontrolliert auf der A 5 ein deutsches Auto. Der tunesische Fahrer entpuppt sich nur als letztes Glied in einer ganzen Schleuserkette. Die vier Syrer, die mit im Fahrzeug sitzen, waren zunächst von Mailand in die Schweiz gebracht worden. Dort übernahm sie der Tunesier, der für die Weiterreise nach Deutschland zuständig war. Für die Fahrt hatte jeder der vier Flüchtlinge zuvor zwischen 400 und 500 Euro bezahlt. An wen blieb unklar – der Draht-zieher dürfte in Italien sitzen.

31. August: In Kehl wird ein BMW überprüft, der über die Europabrücke aus Frankreich gekommen ist. Auch in diesem Auto geht es eng zu: Neben dem russischen Fahrer befinden sich in dem Wagen mit französischer Zulassung noch fünf Syrer. Der Fahrer ist mit hohem Risiko unterwegs, denn das Auto ist nicht versichert und gegen ihn selbst liegen zwei Haftbefehle unter anderem wegen Körperverletzung vor. Die kurze Fahrt über die Grenze hat die Flüchtlinge jeweils 100 Euro gekostet. (jbo)

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