Eine Hausbootfahrt auf der Charente eröffnet neue Perspektiven Foto: /Bettina Bernhard

Das westfranzösische Département Charente ist bekannt für seine Weine und seinen Cognac. Entspannt genießen kann man die Gegend bei einer Hausboottour auf dem namensgebenden Fluss Charente.

Mit leisem Brummen gleitet das Boot über die grünlich schimmernde Charente. Das unbefestigte Ufer säumen Weiden mit Eseln und Kühen, scharenweise Vögel haben sich zum Meeting in den knorrigen Bäumen versammelt. Die strecken ihr Wurzelwerk gierig ins nahrhafte Wasser und berühren mit den Ästen die von den Wellen des Bootes gekräuselte Oberfläche. Algen haben sich in Ast- und Wurzelwerk verfangen, das Wasser frisiert sie in Stromlinienform.

 

Check-in in der alten Cognac-Destillerie

Obwohl sich das Hausboot erst wenige Kehren vom Startpunkt Saintes entfernt hat, sind kaum noch Zeichen der Zivilisation zu sehen. Nur manchmal lugt ein Strommast oder ein Stück Dach aus dem Grün hervor. „Die Charente ist Natur pur, im Gegensatz zum Canal du Midi – da hat man dafür viel Infrastruktur und befestigte Kanalufer“, sagt Yvonne Schön vom Bootsvermieter Locaboat.

Am Abend zuvor hatte die Gäste-Crew „ihr“ Boot am neuen Anleger in Saintes bezogen und schon der Check-in in einer ehemaligen Cognac-Destillerie verriet, wohin die Reise führt: Von Saintes durch das für den Weinbau und vor allem die Cognac-Produktion berühmte Tal der Charente über Cognac und Jarnac bis Châteauneuf-sur-Charente.

Die „Hausboot-Bibel“ kennt alle Untiefen

Wie man und frau ein Hausboot steuert, erklärt Basisleiter Christophe Vautrin am nächsten Morgen und lässt auch gleich mal üben. Motor anlassen, vorne und hinten Seile lockern, aber noch nicht lösen, dann kurbeln und vorsichtig Gas geben. Seile vom Ufer lösen, aufs Boot werfen und hinterher springen oder besser locker hinübertreten. Das stellt sich als nicht ganz trivial, aber mit etwas Übung machbar heraus. Über die Ideallinie im Fluss klärt die „Hausboot-Bibel“ auf, ein Bordbuch, in dem Untiefen detailliert verzeichnet sind.

Nach der Übungsstunde geht es aber erst mal nach Saintes. Stadtführerin Muriel Perrin erzählt, dass Saintes schon im ersten Jahrhundert entstanden ist – natürlich durch die Römer, wie man heute noch an deren Hinterlassenschaften sieht: Durch den Germanicusbogen, der als Stadteingang diente, schaut man auf die Charente, die damals von einer Brücke überspannt war. Sie führte direkt in die Altstadt aus leuchtend weißen Steinen.

Von Saintes durch das Tal der Charente über Cognac und Jarnac bis Châteauneuf-sur-Charente Foto: STZN/ Yann Lange

Der heutige Stadtkern ist mittelalterlich geprägt, hat prächtige Kirchen, eine Kathedrale, eine Benediktinerabtei und ein Amphitheater aus dem ersten Jahrhundert. Zudem führt ein Dschungelpfad entlang von alten Mauern unter Feigenbäumen, begleitet von Efeu und undefinierbarem Grünzeug. Das älteste Relikt der Stadt wurde teilweise ausgegraben und geputzt, und man kann sich gut vorstellen, wie hier bis zu 12 000 Gäste die Kämpfe der Gladiatoren verfolgten.

Schleuse öffnen mit Muskelkraft

Nach den ersten Kilometern auf dem Wasser wartet in Chaniers die erste Herausforderung auf die Crew: Eine Schleuse. Die muss man auf der Charente selber öffnen und zwar durch Kurbeln. Das bringt den einen Teil der Mannschaft ins Schwitzen, der andere ist mit Anlegen, Ein- und Ausparken gut beschäftigt. Das Mittagessen in der nahen Mühle aus dem 17. Jahrhundert haben sich alle redlich verdient.

Sternstunden auf dem Heimweg

Die nächste Etappe endet in Dompierre sur Charente. Vom unbeleuchteten Anleger, der kaum mehr ist als eine Box zum Strom ziehen, aber tagsüber eine Seilfähre samt Fährmann hat, führt ein Schottersträßchen ins Dorf. Das hat eine bedeutende Kirche, sonst aber nicht viel. Essen kann man dafür prima: Das La Cabana liegt unspektakulär im Hinterhof, punktet aber mit frischer Küche, hochwertigen Zutaten und zivilen Preisen. Auf dem Rückweg zum Boot, der einen großartigen Blick auf den Sternenhimmel gewährt, huschen im Licht der Taschenlampen große rötliche Flusskrebse über den Weg.

Jana Garagulya kam aus Sibirien ins französische Cognac Foto: Bettina Bernhard

Das nächste Ziel ist Programm: Der Besuch in Cognac beginnt bei Hennessy, der größten Cognacfabrik vor Ort, gegründet von einem irischen Offizier. Eine Führung mit VR-Brille erzählt künstlerisch wertvoll die Geschichte des Cognacs: mit gläsernen Kaskaden stilisierter Weintrauben, mit dem Brennprozess, bei dem unter einem die Flammen züngeln, und mit Abkühlung im Eissturm. Das alles begleiten riesige Fass-Männchen mit viel Gerumpel. Entweder man genießt es, oder man hasst es. Danach präsentiert Führerin Jana Garagulya, die aus Sibirien kommt und ihren Traum in Frankreich lebt, noch ein paar Fakten. „Neun Liter Weißwein ergeben ein Liter Cognac, die Eichenfässer sind ausgebrannt und teilweise über hundert Jahre alt. Jeder Cognac ist ein Brandy, aber nur der aus einer bestimmten Gegend und bestimmten Trauben darf sich Cognac nennen.“

Der meiste Cognac wird exportiert

Nach der finalen Verkostung bei Hennessy lüftet die Stadtführung durch die 20 000-Einwohner-Stadt Cognac den Kopf ein bisschen. Pamela Briaud erzählt, dass 98 Prozent des Cognacs exportiert werden und nur zwei Prozent in Frankreich bleiben. Die 1715 gegründete Cognacfabrik Martell ist die älteste in der Stadt aus dem 11. Jahrhundert. Neben einem Stadttor aus dem 16. Jahrhundert und einer alten Burg prägen prächtige Häuser aus dem 19. Jahrhundert das Bild.

Die Krokodile sind nur tote Baumstämme

Taufrische Morgenstimmung lautet das Motto auf dem Wasserweg von Cognac nach Jarnac. Das Hausboot gleitet durch eine grüne Wildnis, auch wenn die im Wasser treibenden toten Baumstämme nur aussehen wie Krokodile und nicht wirklich beißen. Nebelschwaden ziehen über die Wasseroberfläche, die Sonne ist gerade aufgegangen und spitzt hinter den Baumwipfeln hervor. Oft verwandelt sie das Wasser in einen gleißenden Spiegel. Das Ufer ist kaum noch zu erkennen in dem Wirrwarr aus echten Bäumen und ihren Spiegelbildern. Gut, dass die Gewässerkarte so genau ist und Wehre und Seitenarme mit einer Warnboje markiert sind. Es ist noch kühl, und das metallene Kurbelrad an der ersten Schleuse ist eiskalt.

In Jarnac erwartet Eric Darmon die Boots-Truppe. Der Repräsentant der Cognac-Hersteller Tiffon-Braastad zeigt Chateau de Triac, die Villa von Firmengründer Sverre Braastad, die heute für Firmenevents genutzt wird. Er lässt in den Weinbergen die säuerlich-saftigen Trauben der Cognac-Rebsorte Uguy Blanc probieren und erzählt, wie der Norweger 1899 in die Charente kam und blieb. In die noch ältere Cognac-Destillerie Tiffon (1865) heiratete er 1919 ein. „Braastad wurde 99 Jahre und machte alles selber, von der Traube bis zur Abfüllung – und das ist bis heute so“, sagt Darmon. Gehaltvoll wie die Geschichte ist der Gang durch die Keller und das Museum – und die Verkostung am Ende sowieso.

Info

Anreise
Mit dem Zug von Stuttgart über Paris und La Rochelle oder Bordeaux nach Saintes, www.bahn.de.

Hausboot-Vermieter Die Charente-Tour für 6 Personen und eine Woche gibt es ab 999 Euro, zur Bootsmiete kommen noch Nebenkosten für Treibstoff oder Liegegebühren hinzu. Die Einführung ins Bootfahren erfolgt am Tag nach der Anreise und ist inklusive. Start ist in Saintes, www.locaboat.com.Hausbootfahrten auf der Charente bieten auch Nicols, www.hausboot-nicols.de, und Les Canalous, www.lescanalous.com, an.

Essen und Trinken
La Terrasse in Saintes, traditionell französisches Restaurant am Fluss, rustikal aber pfiffig gestaltet, www.saintes-tourisme.fr/fiche-sit/la-terrasse-5718693.Le Moulin de la Baine residiert in einer Mühle aus dem 17. Jahrhundert nahe der Schleuse. Kreative Küche mit ungewohnten Kombinationen und Gewürzen sowie frischer Forelle, www.moulin-baine.com.Das Ateliers de Quais in Cognac bietet raffinierte französische Küche mit regionalen Zutaten, www.atelierdesquais.fr.

Buchtipp Muriel Brunswig, Lucia Vallerius: Westfrankreich – Atlantikküste, Loire, Charentes, Dordogne. Reise Know-How Verlag, 456 Seiten, 22,90 Euro.

Allgemeine Informationen
Saintes: www.saintes-tourisme.fr, www.ville-saintes.fr; Destination Cognac: www.destination-cognac.com; Charentes Tourisme: https://charentestourisme.com;Tourismus Frankreich Atout France: www.france.fr