In vielen Familien gibt es Ärger wegen der Noten im Halbjahreszeugnis Foto: dpa

Schlechte Noten in den Halbjahreszeugnissen? Eine Pädagogin rät Eltern zu mehr Gelassenheit.

Stuttgart Weinende Schüler, schimpfende Eltern: Wenn in dieser Woche Halbjahreszeugnisse verteilt werden, hängt in manchen Familien der Haussegen schief. Pädagogik-Professorin Katrin Höhmann von der Pädagogischen Hochschlue Ludwigsburg verrät, warum ein entspannter Umgang mit schlechten Noten wichtig ist.
- Frau Höhmann, jedes Mal wenn es Zeugnisse gibt, sind viele Eltern schockiert über die schlechten Noten ihrer Kinder. Zu Recht?
Irgendwas läuft falsch, wenn Eltern erst durch das Halbjahreszeugnis realisieren, dass die Leistungen ihres Kindes schlecht sind. Davor liegt schließlich schon ein halbes Schuljahr, in dem sie zum Beispiel Klassenarbeiten unterschreiben müssen. Entweder hat die Schule es versäumt, die Eltern rechtzeitig zu benachrichtigen und einzubinden. Oder die Eltern schauen nicht genug nach den schulischen Leistungen ihrer Kinder. Gute Schulen binden Eltern frühzeitig ein, sobald Schwierigkeiten bemerkt werden.
Das Halbjahreszeugnis soll den Leistungsstand der Schüler zeigen. Kritiker behaupten, dass es den Schülern vor allem Angst macht.
Das Halbjahreszeugnis hat ebenso wie andere Zeugnisse eine Orientierungsfunktion und zeigt, wo der Schüler steht. Der Druck entsteht in Deutschland dadurch, dass das Halbjahreszeugnis zusätzlich eine Selektionsfunktion hat: Bleibe ich sitzen oder nicht? Das grundsätzliche Problem von Noten ist, dass ihr Aussagewert nicht wirklich hoch ist. Die Eltern sehen nicht, wie die Noten zustande gekommen sind.
Wäre den Kindern dann nicht geholfen, wenn das Halbjahreszeugnis abgeschafft würde?
Nein. Systematische und regelmäßige Rückmeldungen über den Leistungsstand der Kinder sind sehr wichtig. Das können schriftliche Berichte sein oder persönliche Lehrer-Eltern-Gespräche. Auch Zeugnisse gehören dazu. Aber man könnte über andere Formen nachdenken.
Die Angst der Schüler ist inzwischen allerdings so groß, dass es sogar ein eigenes Wort dafür gibt: die Zeugnisangst.
Wenn Kinder extreme Angst aufbauen und der Fokus nur noch auf den Noten und Zeugnissen liegt, dann gibt es eine Schieflage: Entweder sind die Eltern sehr ehrgeizig oder die Kinder selbst. Vielleicht ist auch der Druck in der Schule zu hoch. Das Beste, was Eltern machen können, ist die Situation ­genau betrachten, sie zu entschärfen und zu beraten.
Was meinen Sie damit genau?
Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft sind wichtig für ein erfülltes Leben. Aber Leistung hat viele Gesichter. Freude an Leistung entwickelt sich in ganz ­unterschiedlichen Feldern. Sport, Musik und Theater spielen können genauso wichtig sein wie der Fachunterricht, um sich zu ­erproben und seine Fähigkeiten kennenzulernen. Das Gras wächst nicht schneller, wenn ich daran ziehe. Dieses Sprichwort bringt gut zum Ausdruck, dass Leistung nicht dadurch entsteht, dass ich sie immerzu fordere.
Angenommen, mein Kind kommt heim und auf dem Zeugnis steht eine Fünf in Mathe und eine Vier in Deutsch. Wie reagiere ich richtig?
Bitte mit Gelassenheit! Die Eltern sollten sehr genau hinschauen und mit den Lehrern und ihrem Kind darüber sprechen, warum nicht die erwarteten Noten heimgebracht worden sind. Ein Leistungsabfall ist ein wichtiges Signal und kann viele Ursachen haben. Grundsätzlich gibt es kein Rezept für richtiges Reagieren, sondern nur den konkreten Fall eines Kindes, das Unterstützung braucht und für das ein individueller Weg gefunden werden muss, um die Situation zu ändern.
Was sind mögliche Gründe für schlechte ­Noten?
Die Gründe sind vielfältig. Vielleicht hat das Kind Wissenslücken oder dem Schüler fehlen die richtigen Lerntechniken. Hierzu machen viele Schulen bereits gute Angebote für ihre Schüler, damit sie das Lernen lernen. Schwieriger wird es, wenn die schlechten Leistungen gar nichts mit dem fachlichen Lernen zu tun haben. Wenn es in der Familie eine Krise gibt, die Eltern sich beispielsweise trennen. Wenn Probleme im Freundeskreis oder der Schulgemeinschaft auftreten. Vielleicht wird der Schüler gemobbt? Solche Krisen zu bewältigen, kostet Kinder viel Kraft.
Sollten sich Eltern in solchen Fällen an die Lehrer wenden?
Ja, und zwar ratsuchend. Viele Lehrer sind sehr erfahren, können helfen und im ­Gespräch Handlungsperspektiven aufzeigen.
Und anschließend schicke ich mein Kind ­sicherheitshalber in die Nachhilfe?
Ich stehe dem Markt der Nachhilfeinstitute kritisch gegenüber. Es ist Aufgabe des Staates, Kinder gut auszubilden. Bildungs- und Förderangebote sollten in die Schule integriert werden, so wie es gute Ganztagsschule machen. Es darf nicht sein, dass der ­Lernerfolg eines Kindes vom Geldbeutel der Eltern abhängt.
Viele Schüler werden auch Zeugnisse mit einer Eins oder Zwei nach Hause bringen. Macht es Sinn, die guten Noten mit Geld zu belohnen?
Leistung wertzuschätzen ist ausgesprochen wichtig, das muss aber nicht über Geld ­laufen. Das ist eine eher simple und ­fantasielose Belohnungsvariante. Schöner ist es zum Beispiel, wenn Eltern sich extra Zeit ­nehmen und das Kind einen gemeinsamen Tag gestalten darf. Leistung ­wertzuschätzen, das gilt übrigens grundsätzlich bei ­Verbesserungen. Wenn das Kind statt einer Vier eine Drei bekommen hat, sollte man das ebenso anerkennen.
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