Ist es Zeit, aufzuhören? Schlagersängerin Michelle veröfffentlicht das Album „Flutlicht“ Foto: Sony/Christian Barz

An diesem Freitag erscheint das Album „Flutlicht“. Es soll das letzte der Schlagersängerin Michelle sein. Warum?

30 Jahre lang war Michelle eine feste Größe in der Schlagerwelt. Nun beendet die Sängerin ihre Karriere und verlässt endgültig die Bühne. Wir haben mit der 52-Jährigen über ihre Abschiedstournee, ihren Optimismus und den allerersten Auftritt in der ZDF-Hitparade gesprochen.

 

Michelle, am 5. Juli erscheint Ihr letztes Album „Flutlicht“. Sie sagen, es sei Ihr ehrlichstes. Warum haben Sie sich entschieden ein so authentisches Album zu machen?

„Flutlicht“ beinhaltet sehr viele Geschichten aus meinem Leben. Und ich bin 100-prozentig davon überzeugt, dass es die Geschichten vieler Menschen sind. Sie sollen sich nicht allein mit ihnen fühlen. Man sollte aus allem das Positive ziehen, stolz auf sich selbst sein. Man hat immer die Möglichkeit, den Schatten hinter sich zu lassen und in Richtung Sonne zu gehen.

Michelle Foto: Sony/Christian Barz

In der Tat haben Sie viele Aufs und Abs erlebt. Was hat Ihnen die Kraft gegeben, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen?

Ich glaube, dass ich diese Kraft in mir habe und denke folgendermaßen: Wenn es gerade ganz schlimm ist, weiß ich, dass es in diesem Augenblick seinen Sinn hat – vielleicht auch um bestimmte Dinge zu lernen. Kein Leben ist ohne Höhen und Tiefen. Man muss nur die richtige Einstellung haben.

Vor gar nicht so langer Zeit, 2022, haben Sie das Album „30 Jahre Michelle, das war’s … noch nicht“ herausgebracht. Und jetzt doch …

Ich hatte immer mal wieder die Phasen, in denen ich gesagt habe: Ich bin müde und kann nicht mehr. Der Grund waren aber nie die Menschen oder das Singen. Es war das Drumherum. Ein Auftritt ist nicht nur die Zeit auf der Bühne. Meistens reist man einen Tag vorher an, schläft jede Nacht in einem anderen Hotel und ist ständig im Auto; was wir an Kilometern fahren! Ich war zu wenig zuhause, und das ist mir inzwischen zu viel. Außerdem ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich im Herzen angekommen bin.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie den Abschied von der Bühne ankündigen. Ist es wirklich endgültig?

Ich gehe ja nicht sofort. Momentan bin ich noch ausgebucht, und 2026 wird es dann auch noch eine Abschiedstournee geben. Das Singen wird mir fehlen, nicht die Bühne. Damals waren es andere Gründe. Ich war entkräftet.

Sie haben auch in der Vergangenheit mutige Entscheidungen getroffen. Als Sie eine persönliche Krise hatten, hatten Sie beispielsweise 2004 einen Hundesalon eröffnet.

Warum was das eine mutige Entscheidung?

Sie haben das Rampenlicht hinter sich gelassen und Ihre berufliche Neuorientierung wurde teils hämisch kommentiert.

Jeder Mensch hat seine eigene Meinung. Es muss ja nicht meine sein. Der Hundesalon hat mir sehr gut getan in einer schwierigen Zeit. Das war eine Arbeit, die mich sehr geerdet hat.

Sie sprechen gerade von anderen Meinungen. Auch Ihre Beziehung zu Eric Philippi sorgt derzeit für reichlich Gesprächsstoff, weil ihr Partner 25 Jahre jünger ist.

Ich sage immer, die Würde des Menschen ist unantastbar, außer im Internet. Jeder hat das Recht auf seine Meinung und darf andere kritisieren. Ich habe nichts dagegen. Aber was da teilweise passiert, ist unterste Schublade, das kann man nicht einmal mehr Beleidigung nennen. Die Menschen sind vielleicht nicht glücklich, haben andere Vorstellungen und wollen etwas Bösartiges sagen, bleiben aber meistens anonym. Ich will das gar nicht wiederholen, weil ich als Mensch so nicht denke und diese Energie nicht in unser Leben lassen will. Aber ich finde es bedenklich, weil ich der Meinung bin: Die Würde des Menschen ist absolut unantastbar.

Michelle Foto: Sony/Christian Barz

Was würden Sie diesen Menschen gerne sagen?

Macht euch glücklich.

Nun sind Sie 30 Jahre im Geschäft, sind ein Vollprofi und dennoch singen Sie auf der Platte im Song „Das war’s für mich“ die Zeile: „Ich kann nicht mehr“. Fühlen Sie sich immer noch wie im Haifischbecken?

Ja. Mir sind in der Branche viele Menschen begegnet, die mich ausgenutzt und hintergangen haben. Anfangs hatte ich eine rosarote Brille auf und dachte, diese Leute sind meine Familie. Ich bin sehr naiv gewesen. Aber wäre es nicht passiert, wäre ich nie dahintergekommen.

Hat Sie das enttäuscht?

Natürlich ist man enttäuscht. Wenn ich mich im Nachhinein in die Situation zurückversetze, weiß ich, wie schlimm es für mich war. Künstler brauchen in dieser Branche jemanden, dem sie vertrauen können. Man kann nicht alles selbst machen.

Weil auch die Zeit dafür fehlt?

Ich war immer sehr viel unterwegs – trotz meiner drei Kinder, was ohnehin ein Riesenspagat war. Deshalb habe ich mich gewundert: Je mehr ich unterwegs war, desto weniger blieb mir zum Leben übrig. Aber wie gesagt: Das war ein Lernprozess, und ich bin hingefallen. Dann steht man auf, richtet das Krönchen und weiter geht’s.

Wenn Sie auf „Flutlicht“ nun von diesen Tiefschlägen singen, durchleben Sie das alles auch noch mal?

Ich glaube, das ist auch wichtig. Wenn ein solcher Song entsteht, hat er eine andere Tiefe und Energie als zum Beispiel „In 80 Küssen um die Welt“. Und das Gefühl habe ich dann auch, wenn ich ihn zum ersten Mal im Studio aufnehme. Genau dieses muss man dann in den Song reinpacken.

Das Album ist ein Stilmix aus Pop, Balladen, Schlager, und Sie fluchen auf dem Album auch schon mal. Das passt nicht zum klassischen Schlager.

Aus dem Schubladendenken sind wir, Gott sei Dank, längst raus. Ich kann mich tatsächlich noch daran erinnern, als ich mich als erste Schlagersängerin tätowiert hatte, war das ein Desaster! Und als wir 1993 „Prinz Eisenherz“ aufgenommen hatten, hatten wir eine E-Gitarre eingebaut. Radiosender hatten sich geweigert, das zu spielen und wir mussten in einer zweiten Version die E-Gitarre durch ein Glockenspiel ersetzen.

Wenn wir bei den Anfängen Ihrer Karriere sind: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Auftritt in der ZDF-Hitparade?

Oh ja! Hinter der Bühne hat mir jeder auf die Schulter geklopft und gesagt: ‚Michelle, dabei sein ist alles, egal wie es ausgeht‘. Damals war die ganze alte Garde dabei wie Wolfgang Petry, G.G. Anderson, Nicole. Jeder hatte mich wie eine Eintagsfliege behandelt. Ich dachte nur: Keiner glaubt an mich. Dann hatte ich aber mit meinem ersten Song „Und heut‘ Nacht will ich tanzen“ gewonnen und plötzlich fand das keiner mehr so toll, weil ich dann auf einmal Konkurrenz war.

Zur Person

 
Michelle wurde am 15. Februar 1972 im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen geboren und wuchs in einer Pflegefamilie in Blumberg in prekären Verhältnissen auf. Michelle, mit bürgerlichem Namen Tanja Hewer, wurde von der Schlagersängerin Kristina Bach entdeckt. Ihr erster Auftritt in der ZDF-Hitparade war gleichzeitig der Beginn ihrer jahrzehntelangen Karriere. Mit dem Lied „Und heut’ Nacht will ich tanzen“ belegte sie damals den ersten Platz. Seitdem veröffentlichte die Sängerin 15 Studioalben und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Echo und die Goldene Stimmgabel.