Schon am Freitagabend herrschte rund um Autoscooter und Riesenrad beim Fellbacher Herbst laut Augenzeugen eine „ziemlich aggressive Stimmung“. Foto: Nicklas Santelli

Mit der Postleitzahl „70734“ auf dem Rücken haben sich Jugendliche beim Fellbacher Herbst mit einer Waiblinger Clique geprügelt. Zuvor hatten sie sich im Internet dazu verabredet.

Fellbach - Die Ziffernfolge „70734“ steht nicht nur für die Fellbacher Postleitzahl. Offenbar ist das Signet auch ein Erkennungszeichen jugendlicher Randalemacher. Mit Stolz wird „70734“ als Kürzel für die Homezone Fellbach präsentiert, wie bei einer Rocker-Gruppe prangen die fünf Ziffern auf den Jacken von Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren.

Am Wochenende sind die Jungs als Radaubrüder auf dem Fellbacher Herbst auffällig geworden – und haben Polizei und die von der Stadt als Sicherheitspersonal eingesetzten Security-Kräfte teils über Stunden auf Trab gehalten. Schon am Freitagabend herrschte rund um Auto-scooter und Riesenrad laut Augenzeugen eine „ziemlich aggressive Stimmung“ im Publikum, in der Nacht von Samstag auf Sonntag kam es im Vergnügungspark des Heimat- und Erntedankfests zu diversen Schlägereien zwischen den rivalisierenden Jugendgruppen. Denn nach Ermittlungen der Polizei hatten sich die Jungs aus der „Fellbach-Gang“ offenbar gezielt mit gleichaltrigen Jugendlichen aus Waiblingen zur Randale auf dem Rummelplatz verabredet – frei nach dem fragwürdigen Motto „Kommt zum Herbst, dann kriegt Ihr aufs Maul“.

Erste Handgreiflichkeiten bei den Fahrgeschäften

Die Waiblinger kamen zum offenbar über eine Internet-Plattform vereinbarten Treffpunkt auf dem Parkplatz beim Max-Graser-Stadion, bei den Fahrgeschäften kam es in aufgeheizter Stimmung zu ersten Handgreiflichkeiten. Leichtere Körperverletzungen von der aufgeplatzten Lippe bis zum blauen Auge waren die Folge. „Das typische Klischee wird perfekt erfüllt – mit Jogginghose, Bomberjacke und vor Kraftausdrücken strotzendem Straßen-Slang“, beschrieb ein Augenzeuge die Clique.

Als jugendlichen Übermut wollen Polizei und Ordnungsamt die Übergriffe dennoch nicht abtun. Kopfzerbrechen macht dem Sicherheitspersonal, dass es sich um kein spontanes Handgemenge handelte, sondern die Radaubrüder sich offenbar bereits im Vorfeld mit ihren Gegnern zur Randale abgesprochen hatten. Am nächsten Wochenende findet in Kernen die Kirbe Rommelshausen statt – in früheren Jahren für Festzelt-Schlägereien berüchtigt.

Wer verbirgt sich hinter „70734“?

Wer sich hinter dem Kürzel „70734“ verbirgt, weiß die Polizei noch nicht genau. Laut dem Fellbacher Revierleiter Klaus Auer laufen die Ermittlungen, rund um den Fellbacher Herbst habe man die Namen und Adressen von fast 70 Personen festgestellt. Sicher ist, dass es sich bei den Raufbolden fast ausschließlich um in Fellbach aufgewachsene Jugendliche mit Migrationshintergrund handelt, die in der Regel die deutsche Staatsbürgerschaft haben. In jüngerer Zeit eingereiste Flüchtlinge sind in der Clique offenbar nicht vertreten. Und: Bei den Nationalitäten gibt es offenbar keinen Schwerpunkt, sondern eine bunte Mischung: Türkischstämmige Jugendliche sind ebenso präsent wie Söhne italienischer Eltern und Heranwachsende mit Verwandtschaft auf dem Balkan. Für Fellbachs Jugendhausleiter Peter Hauser ist eine Clique mit „70734“-Logo allerdings bisher noch nicht in Erscheinung getreten. – obwohl viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund die städtische Einrichtung nutzen, ist unter den Mitarbeitern nichts von einer „Fellbach-Gang“ bekannt. Polizeichef Klaus Auer hatte schon in der Festbilanz einen Konflikt um Herkunft oder Nationalität ausgeschlossen.

Aufgefallen war der Unruheherd den Sicherheitskräften am Samstag bereits um 21.15 Uhr. Weil die Jugendlichen der Polizei auswichen und immer wieder kleinere Gruppen bildeten, wurden Zusatzkräfte der Bereitschaftspolizei angefordert. Dennoch dauerte es bis weit nach Mitternacht, bis Personalien festgestellt und Platzverweise erteilt waren. Peter Bigalk, der Leiter des Fellbacher Ordnungsamts, lobt die Arbeit der Einsatzkräfte ausdrücklich: „Die Polizei hat Stärke gezeigt und gleichzeitig sehr besonnen reagiert – da haben die Kollegen echt einen guten Job gemacht“, betont er.

Parallele heftige Schlägerei am Hallenbad

Als sich die Fellbacher und Waiblinger Jugendlichen am Herbst-Sonntag erneut auf dem Festgelände zu versammeln versuchten, beendeten die Ordnungshüter den Spuk durch frühzeitige Platzverweise zügig. Nichts zu tun haben die Jugendgangs mit einer Schlägerei am Hallenbad, bei der in der Nacht zum Sonntag ein junger Mann wohl nur durch das Eingreifen der Polizei überlebt hat. Er wurde mit blutenden Wunden am Rücken schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert und konnte die Klinik erst nach fast einer Woche wieder verlassen. Gegen 1.30 Uhr hatte sich eine Auseinandersetzung in einer zehnköpfigen Gruppe derart hochgeschaukelt, dass es mit gefährlichen Gegenständen zur Sache ging. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen eines versuchten Tötungsdelikts. Schon gegen 0.40 Uhr waren zwei Personen beim Hallenbad in einen handgreiflichen Streit mit leichten Körperverletzungen geraten. Außerdem kam es allein am Samstagabend zu vier Übergriffen auf Polizeibeamte, die sich bei der Trennung von Streithähnen gegen Angriffe und Beleidigungen erwehren mussten.

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