Die Menschen in der Färberstraße leben derzeit in Angst. Grund dafür ist ein einziger Mann, der die Straße seit mehreren Wochen terrorisiert. Wieso kann man ihm keinen Einhalt gebieten?
Villingen-Schwenningen - Leonard Mala ist aufgelöst. Er steht vor den eingeschlagenen Scheiben seines Lokals "Leos Bar" in der Färberstraße – einen Tag, nachdem er von einem Mann angegriffen und verletzt worden war, bevor er es auf die Gaststätte abgesehen hat. "Was soll noch passieren?", fragt sich der 30-Jährige. Denn der Täter soll seit Wochen die Straße und Teile der Innenstadt terrorisieren.
Auf dem Bildschirm seines Mobiltelefons zeigt Mala ein Video, welches er nur mit Kopfschütteln kommentiert. Zu sehen ist ein Mann, der am Montag gegen 15.30 Uhr zig Male mit einem Stein gegen die Scheiben und die Tür von Leos Bar in der Färberstraße wirft. Es klirrt mehrfach, während im Hintergrund die Sirenen zu hören sind.
Terror seit Anfang Oktober
Die Polizeibeamten kommen – der Täter wirft sich auf den Boden, lässt sich widerstandslos festnehmen und wird mitgenommen. Mal wieder, erzählen mehrere Betroffene. In der Regel werde er kurz darauf erneut auf freien Fuß gelassen. Zur größten Sorge von Anwohnern und Gaststättenbetreibern.
Angefangen habe das Terrorisieren Anfang Oktober. Ein Barbier aus der Innenstadt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, berichtet von einer urplötzlichen Attacke in seinem eigenen Laden. Um 10 Uhr morgens, so zeigen es Aufnahmen aus der Überwachungskamera, poltert der Mann in den Salon – mit einem Fahrrad!
Frau in der Niederen Straße geschlagen
Wie von Sinnen macht er sich an der Ausstattung des Barbiers zu schaffen, wirft einen Stuhl um, hat es auch auf andere Einrichtungsgegenstände abgesehen, ehe es zur Rangelei mit dem Inhaber kommt. Hintergrund der Angelegenheit sei wohl ein privater Autokauf, mit dem der Mann nicht zufrieden gewesen sei. "Er hat halt Öl ins Kühlwasser gegossen", so der Barbier. Die Polizei nimmt den Fall auf, doch es geht weiter.
In der Niederen Straße soll der Mann, so wird mehrfach bestätigt, eine Frau in einem Lokal niedergeschlagen haben. Der Türsteher einer Bar in der Färberstraße berichtet gegenüber unserer Redaktion von weiteren Vorfällen – drohend stehe er in einem Fall vor der Tür, mit einer Kette schwingend will er sich Zugang zum Lokal verschaffen, wird dann aber abgewehrt. Das Gleiche sei mit den Mitarbeitern eines anderen Lokals passiert, "der kommt bei uns nicht mehr rein", erklärt der Geschäftsführer der Bar.
Mann beißt in den Oberschenkel
Und jetzt eben am vergangenen Montag, der vorläufige Höhepunkt, die Eskalation bei Leonard Mala. Der 30-Jährige beschreibt, wie es dazu kommt: Der Mann habe an jenem Tag zuvor schon beim Imbiss neben seinem Lokal Probleme gemacht, als der Geschäftsführer von Leos Bar seine Räumlichkeiten betreten möchte.
"Er kam direkt auf mich zu", so Mala, der betont, dass der Aggressor Hausverbot in Leos Bar habe. Und dann passiert das Unfassbare: Der offenbar auch psychisch angeschlagene Mann beißt den 30-Jährigen ohne Vorwarnung tief in den Oberschenkel. Daraufhin verbarrikadiert sich Mala in seiner Gaststätte und ruft die Polizei.
Warum wird er nicht weggesperrt?
Sieben Fenster und eine Tür müssen daran glauben, bis die Beamten dem Mann das Handwerk legen. Anwohner berichten von bangen Minuten, "ich dachte erst, da ist eine Schlägerei – aber am helllichten Tag?", so einer der Nachbarn. Dann habe er die Zerstörungswut des Mannes fassungslos beobachten können. "Er hat die Steine gepackt und gegen die Fenster geworfen."
Doch Mala und die weiteren Betroffenen sind ebenso fassungslos darüber, dass der Mehrfachtäter offenbar nicht dauerhaft festgehalten werden kann, um die Bürger zu schützen. "Nach einer Stunde kommt der wieder frei – wenn das so weiter geht, müssen wir uns selbst schützen", so ein Betroffener, der sich von den Ermittlungsbehörden allein gelassen fühlt.
Polizei äußert sich zu Vorfällen
Auch der geschädigte Barbier, selbst Einwanderer, findet deutliche Worte. "So jemanden brauchen wir hier nicht" – der müsse entweder in den Knast, nach Rottweil (Anmerkung der Redaktion: gemeint ist wohl die dortige Psychiatrie) oder zurück in seine Heimat.
Beim Polizeipräsidium Konstanz sind die Vorfälle bekannt. Die Zahl der Vorgänge, welche den 33-jährigen Täter betreffen würden, sei knapp zweistellig – bei vier oder fünf Fälle handle es sich um Straftaten, erklärt Polizeisprecher Jörg Kluge auf Anfrage unserer Redaktion. Die meisten Angelegenheiten seien Streitigkeiten, wobei es hier oft auch eine Vorgeschichte zwischen dem 33-Jährigen und dem Kontrahenten gegeben habe – beispielsweise Uneinigkeiten hinsichtlich bestehender Hausverbote.
Einfach wegsperren ist nicht möglich
In diesem Zusammenhang sei es, wie auch im Falle von Mala, ebenso zu Körperverletzungen und Sachbeschädigungen gekommen. Kluge: "Es liegen laufend Anzeigen vor, die von uns abgearbeitet werden." Aber der Polizeisprecher betont ebenso, dass der Mann trotz der Fülle an Taten nicht einfach weggesperrt werden dürfe – auch wenn psychische Auffälligkeiten vorliegen würden.
"Solange Psychologen nicht von einer Gefahr für die Allgemeinheit ausgehen, sind uns die Hände gebunden", macht Kluge deutlich. Dann könne man ihn als Polizei nicht länger festhalten – sofern er sich beruhigt habe. Eine Unterbringung anzuordnen, wäre Sache der Staatsanwaltschaft, diese habe sich aber, so laut Polizei der aktuelle Stand, noch nicht eingeschalten. Das letzte Wort habe zudem ein Richter.
Derzeit in einer Fachklinik
Derzeit sei der Mann laut Kluge aufgrund der jüngsten Vorfälle und des Ausrasters bei Leos Bar am Montag in der Färberstraße in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Allerdings wohl nicht dauerhaft.