Neu in der Bundesliga: Die Kameras für die Torlinientechnik Foto: dpa

Wenn an diesem Freitag die Fußball-Bundesliga in ihre 53. Saison startet, haben die Schiedsrichter erstmals die Hilfe einer Torlinientechnik. „Das ist ein großer Vorteil“, sagt Referee Marco Fritz aus Korb im Interview.

Stuttgart – Herr Fritz, Profis, Fans und Vereine fiebern dem Bundesligastart entgegen. Wie schaut es bei den Schiedsrichtern aus?
Ganz genauso, nach der langen Vorbereitungsphase kann es jetzt endlich losgehen.
Wie sieht denn Ihre Vorbereitung auf eine neue Saison aus?
Zum einen ist da die individuelle Vorbereitung, das ganz normale körperliche Training also. Dazu kommt der Sommerlehrgang des DFB, da wird die Leistungsprüfung abgenommen und die vergangene Saison anhand von Videoanalysen noch einmal aufgearbeitet. Und dann sind wir alle noch bei einigen Testspielen der Profimannschaften im Einsatz und besprechen mit ihnen einige wichtige Dinge für die neue Saison.
Auf was wurden die Spieler in diesem Jahr besonders hingewiesen?
Wir haben vor allem die Themen Handspiel und Abseits wiederholt. Das dritte Thema war das Torwartspiel im Strafraum.
Inwiefern?
Dahingehend, dass der Torhüter nicht auf Gedeih und Verderb auf den Ball gehen darf – und dabei immer im Recht ist.
Es ging dabei auch um die Szene im Pokal-Halbfinale, als der damalige BVB-Torhüter Mitch Langerak Bayern-Stürmer Robert Lewandowski beim Rauslaufen übel erwischt hat.
Ja, das hätte damals Elfmeter geben müssen. Für solche Szenen haben wir die Torhüter nun sensibilisiert.
Ist die Vorfreude auf den Start in diesem Jahr größer als sonst, weil Sie Hilfe in Form der Torlinientechnik bekommen?
In der Vorbereitung hat das Thema keinen großen Raum eingenommen. Aber klar: Die Einführung dieser Technik ist eine absolut gute Sache – für uns Schiedsrichter, vor allem aber auch für die Assistenten ist das Hawk Eye ein großer Vorteil.
Sie können das beurteilen . . .
. . . ja, ich bin da ein gebranntes Kind.
Anfang 2010 haben Sie in einem Zweitligaspiel ein Tor gegeben, das keines war.
Genau. Und hätte es damals eine Torlinientechnik gegeben, wäre mir einiges erspart geblieben. Ich werde teilweise heute noch auf diese Szene angesprochen.
Sind es gerade diese Folgen von Fehlentscheidungen, mit denen als Schiedsrichter nur schwer umzugehen ist?
Generell muss sich jeder Schiedsrichter mit Fehlern auseinandersetzen, man muss analysieren, warum ein Fehler passiert ist – und wie man ihn künftig vermeiden kann. An das mediale Nachspiel gewöhnt man sich mit der Zeit. Als Schiedsrichter fängt man ja in der Kreisliga an, dann geht es pro Jahr immer nur eine Klasse nach oben. Da hat man die Möglichkeit, sich Schritt für Schritt mit dem größer werdenden Interesse zu arrangieren.
Zurück zum Hawk Eye: Vertrauen Sie der Technik voll und ganz?
Ja, ohne Wenn und Aber. In der englischen Premier League hat sich das System bereits in zahlreichen Spielen seit zwei Jahren bewährt, und vor jedem Bundesligaspiel wird es noch einen Testlauf mit dem jeweiligen Schiedsrichter geben. Ich habe meinen ersten Einsatz mit der neuen Technik beim Supercup zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern auch schon hinter mir.
Wird es eine große Umstellung für die Unparteiischen sein?
Zunächst sind es hauptsächlich administrative Dinge, die sich ändern, etwa durch den Testlauf im Vorfeld der Partien. Während der Spiele werden wir die Möglichkeit haben, uns auf andere Dinge zu konzentrieren, weil uns die Entscheidung Tor oder nicht Tor abgenommen wird. Aber an diese freien Kapazitäten wird man sich erst gewöhnen müssen. Wir schauen deshalb ja nicht weg, wenn der Ball auf das Tor zufliegt.
Angezeigt wird Ihnen die Entscheidung auf einer Uhr – die Schiedsrichter-Ausrüstung ist mittlerweile sehr umfangreich.
Stimmt. Jeder Schiedsrichter wird künftig zwei Uhren tragen, dazu kommt der Beeper am Oberarm, der Laut gibt, wenn der Assistenz mit seiner Fahne ein Signal gibt. Dann sind da noch das Headset, dessen Empfänger, der meist auf dem Rücken festgemacht ist, und das Freistoß-Spray. Und wir haben natürlich noch die ursprünglichen Dinge dabei, die Karten etwa.
Gibt es im Kreis Ihrer Kollegen eigentlich Traditionalisten, die gegen die Einführung der Technik waren?
Nein, jeder ist froh über die neue Hilfe. Der Fußball hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert, also muss sich auch die Schiedsrichterei verändern. Tor oder nicht Tor – das ist eine Schwarz-oder-Weiß-Entscheidung. Wenn die zweifelsfrei getroffen wird, verhindert das viele Diskussionen.
Auch zwischen Spielern und Schiedsrichtern auf dem Platz?
In einzelnen Spielen, ja. Man muss sich aber auch im Klaren darüber sein, dass diese kniffligen Tor-Entscheidungen nicht sehr häufig sind. Das erlebt jeder Schiedsrichter vielleicht ein-, zweimal pro Saison. Bei Abseits-, Foulspiel- oder Elfmeterentscheidungen ist das anders. Es bleibt also noch genug Stoff für Diskussionen.
Einen Videobeweis lehnen Sie dennoch ab?
Ja, meiner Meinung nach sollte das Hawk Eye das einzige technische Hilfsmittel im Fußball bleiben. Beim Videobeweis sind viele Dinge bislang nicht zu Ende gedacht, außerdem gibt es doch immer wieder Situationen, die auch nach mehrfacher Betrachtung der TV-Bilder nicht einwandfrei zu entscheiden sind. Und dann? Werfen wir am Ende dann eine Münze? Ich glaube, dass der Videobeweis – im Gegensatz zur Torlinientechnik – den Charakter des Spiels verändern würde.
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