Wie wird man ein Klassiker? Blick in den Ausstellungsraum, in dem es um Schillers Bild in der Nachwelt geht. Foto: DLA MARBACH

Das Schiller-Nationalmuseum in Marbach wird mit einer neuen Dauerausstellung wiedereröffnet: „Schiller!“ zeigt den Dichter im Kontext seiner Zeit. Was Besucher erwartet.

So einer war das: Dass die Leute irgendwann Holzsplitter seines Bettes vertickt haben, als stammten sie vom heiligen Kreuz, samt den dazugehörigen Nägeln, die allerdings aus dem Dach und Fußboden des Gartenhauses gezogen wurden, in dem der Verehrte arbeitete und Gäste empfing. Man zerschnipselte seine Manuskripte, und glücklich die, die sich einen kleinen Fetzen sichern konnten, auch wenn darauf nur noch ein schlichtes „seine“ in der göttlichen Handschrift zu lesen war.

 

„Schiller!“ Wer sonst. Zu sehen ist dieser parareligiöse Reliquienkult in der neuen Dauerausstellung des Schiller-Nationalmuseums in Marbach, die an diesem Donnerstag eröffnet wird. Aber sie hat mehr zu bieten als alte Zöpfe, auch wenn ein solcher zweifelhafter Herkunft noch vor wenigen Jahren in einem Holzschächtelchen das Haus erreichte. Denn hier ist der Ort, an dem alle Schnipsel zusammenfinden, um Aufschluss darüber zu geben, wer Schiller wirklich war.

Dichter mit Stock und Hut Foto: DLA Marbach

Zuletzt ist der wie eine Solitude-Replik die Marbacher Akropolis krönende Kuppelbau etwas in die Jahre gekommen. Wasserschäden und sonstiger Sanierungsbedarf haben das Dichterzentralgestirn und seine schwäbischen Trabanten vorübergehend vertrieben. Ursprünglich war die Wiedereröffnung schon für 2024 geplant unter dem Titel „Schiller hoch drei“. Aus dem „hoch drei“ ist inzwischen ein Ausrufezeichen geworden. Und der appellative Purismus trifft sehr gut, was zu sehen ist, hat man die apollinisch-schöne Dannecker-Büste, die im Foyer die Eintretenden empfängt, passiert: ein wohltuender Flash kuratorischer Klassizität.

Da der für 400 000 Euro runderneuerte Bau selbst unter Denkmalschutz steht, sind der kreativen Bespielfreude Grenzen gesetzt. „Heilignüchtern“ – mit diesem Ausdruck des von Schiller geförderten Hölderlin ließe sich der Eindruck umschreiben, der sich in gedämpftem Licht hinter den hohen Flügeltüren bietet. Langgezogene Vitrinen beherrschen die Räume und konzentrieren den Blick auf das Wesentliche. Und das ist zum großen Teil aus Papier.

Tödliche Vergiftungen durch Räucherwürste in Württemberg

Am besten nimmt man sich ein Beispiel an Schiller selbst. Unter den Erinnerungsstücken befindet sich zwar ein schicker lederner Reisehut. Doch seit seiner Flucht nach Mannheim unternahm er alle Reisen, die über den Weimarer Horizont hinausführten, nur per Buch. Die Strecke, die die Leiterin der Marbacher Museen, Vera Hildenbrandt, zusammen mit Helmuth Mojem, Alina Palesch und Pascal Quicker aus rund 400 Exponaten durch die Raumfluchten des zweiflügeligen Trakts gelegt hat, beginnt mit der Kindheit, beziehungsweise ihrem Verlust. In einem Vertrag tritt Schillers Vater die Rechte an seinem 13-jährigen Sohn an den Herzog ab und überantwortet ihn der Zucht der Karlsschule. Und ob die ersten Jugendjahre tatsächlich die Gesichtszüge des Menschen bestimmen, wie Schiller in seiner medizinischen Dissertation schreibt, mag man vor der energischen Nase besagter Büste erwägen. Wie aber der „moralische Karakter“ durch die Erfahrungen jener Jahre geprägt worden ist, zeigt sich in den anschließenden Räumen.

Man folgt der Genese des Theaterautors, der die Bühne als Ideenlabor nutzt, dessen „Wallenstein“ später in bürgerlichen Wohnungen mit Zinnsoldaten nachgespielt wird. Man lernt den Arbeitnehmer Schiller kennen, als Mediziner, Professor und Herausgeber der wichtigsten Literaturzeitschrift seiner Zeit, sowie die Netzwerke, in denen er sich bewegt. Links und rechts begegnen überraschende Trouvaillen: spitze Stecknadelbriefe von Goethe oder ein empirisch überzeugender Beitrag von Justinus Kerner, passend zu aktuellen Fleischkulturkämpfen – „Neue Beobachtungen über die in Württemberg so häufig vorfallenden tödlichen Vergiftungen durch den Genuß geräucherter Würste“.

Theaterzettel zur Uraufführung der Räuber in Mannheim am 13. Januar 1782 Foto: DLA Marbach

„Die Räuber“ machen Schiller zum Ehrenbürger im revolutionären Frankreich, doch als ihn die Urkunde um Jahre verspätet erreicht, haben die Unterzeichnenden schon längst ihren Kopf eingebüßt – ein Gruß „aus dem Reich der Toten“, wie Goethe maliziös bemerkt. Doch hier wird eben nicht die bekannte Heroengeschichte rekapituliert, sondern der Finger in schillernde Zwischenräume gelegt: Elende Fehllektüren, die der Freund und spätere Schwager, Wilhelm von Wolzogen, aus Frankreich vermeldet; Schiller als Anwalt des Königs; als ein Freiheitsdichter, der Widersprüche zulässt und die politische Praxis ins Ästhetische verlegt.

Ausstellung über Schiller in Marbach ist die Rückkehr zu den Wurzeln der Texte

Eines der wenigen museumspädagogischen Gimmicks ist ein Textband aus Leuchtdioden, über das Fragen wie diese aus dem 8. Brief „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ flimmern: „Woran liegt es, dass wir noch immer Barbaren sind?“ Angesichts der gegenwärtigen politischen Entwicklungen hat sie an Brisanz nichts verloren. Und sie sollte die Lesebereitschaft stimulieren, die diese Ausstellung voraussetzt.

Wenn Museen nicht nur Zeitspeicher sind, sondern selbst der Zeitlichkeit unterworfen, dann spricht aus dem weitgehenden Verzicht auf digitalen oder multimedialen Schnickschnack eine Wiederbesinnung auf Authentizität. In einer Welt, die von Fälschungen ganz anderer Art bedroht ist, als Eduard Mörikes Versuchen, Schillers Handschrift nachzuahmen, einer Welt, die dabei ist, den Geist der Freiheit an die durchschnittlichen Simulationen künstlicher Intelligenz zu verlieren, ist diese Rückkehr zu den Wurzeln der Texte alles andere als ein alter Zopf.

Info

Eröffnung
An diesem Donnerstag um 11 Uhr eröffnet Kulturstaatsminister Wolfram Weimer aus Berlin das Schiller-Nationalmuseum. Der französische Botschafter François Delattre, die baden-württembergische Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Petra Olschowski, und die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter, sprechen Grußworte.

Interventionen
In der Ausstellung bilden Wechselvitrinen, die regelmäßig mit neuen Exponaten bestückt werden, eine Brücke zum Literaturmuseum der Moderne. Gegenwartsautoren und -autorinnen eröffnen aktuelle Perspektiven. Der Schillersaal, Herzstück des Museums, bildet einen Ort der Begegnung und des Austauschs.

Schillerrede
Am 9. November hält Eva Illouz die diesjährige Schillerrede. Die israelische Soziologin ist eine der wichtigsten Intellektuellen im Spannungsfeld von Politik und Emotion. Regelmäßig bezieht sie Stellung zu aktuellen Fragen wie der israelischen Siedlungspolitik, aber auch dem seit dem Gaza-Krieg grassierenden Antisemitismus.