Sie bestimmt Tempo und Energie unseres Körpers: Experten des Klinikum Stuttgart erklären unter anderem die Rolle der Schilddrüse, wie sie diagnostizieren und welche Therapien Hoffnung machen.
Sie ist nur wenige Zentimeter groß – und steuert dennoch nahezu jeden Bereich unseres Körpers. Von Müdigkeit bis Herzrasen, von harmlosen Knoten bis hin zu Krebs: Zwei Experten des Klinikum Stuttgart über moderne Diagnostik, neue Therapieansätze – und warum gerade die interdisziplinäre Zusammenarbeit für Betroffene einen entscheidenden Unterschied macht.
Ein Organ, das den Takt vorgibt
Die Schilddrüse sitzt schmetterlingsförmig unterhalb des Kehlkopfs. Mit einem Volumen von meist nur sechs bis 20 Millilitern ist sie klein – ihre Wirkung jedoch enorm. „Die Schilddrüse ist das Organ, das den Energiehaushalt des Körpers maßgeblich regelt“, sagt Professor Christoph Rischpler, Ärztlicher Direktor der Klinik für Nuklearmedizin im Klinikum Stuttgart.
Produziert werden vor allem die Hormone T3 (Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin). Gesteuert wird die Hormonproduktion über das TSH (Thyroidea Stimulating Hormone) aus der Hirnanhangsdrüse. „Man kann sich die Schilddrüsenhormone wie das Gaspedal des Körpers vorstellen“, erklärt Rischpler. „Sind zu viele im Blut, läuft der Stoffwechsel auf Hochtouren. Sind es zu wenige, fährt der Körper mit angezogener Handbremse.“
Besonders sensibel reagiert der Körper in Wachstumsphasen, in der Schwangerschaft und im Alter. „Früher waren wir bei der Hormongabe deutlich aggressiver“, sagt Professor Ralf Lobmann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie im Klinikum Stuttgart. „Heute akzeptieren wir bei älteren Menschen durchaus höhere TSH-Werte, wenn sie sich damit wohlfühlen.“
Über- und Unterfunktion als Volkskrankheit
Schätzungen zufolge sind in Deutschland sieben bis acht Millionen Menschen von Schilddrüsenerkrankungen betroffen – Frauen deutlich häufiger als Männer.
Eine Überfunktion entsteht häufig durch autonome Knoten oder durch die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow. Typische Symptome sind Herzrasen, Gewichtsverlust trotz Appetit, innere Unruhe, Schlafstörungen und Hitzegefühl. „Gerade die Auswirkungen aufs Herz sind nicht zu unterschätzen“, betont Lobmann.
Bei der Unterfunktion, häufig verursacht durch die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis, dominieren Müdigkeit, Gewichtszunahme, Frieren und Konzentrationsprobleme. „Gerade im höheren Alter werden diese Symptome manchmal als Demenz oder Depression fehlinterpretiert“, sagt Lobmann. „Dabei steckt nicht selten ein Hormonmangel, sprich eine Schilddrüsenthematik, dahinter.“
Diagnostik: Vom Blutwert zum Ultraschall
Erster Schritt in der Diagnostik ist meist die Bestimmung des TSH-Wertes im Blut. Ergänzt wird sie durch eine Ultraschalluntersuchung. „Wir schauen uns an, wie groß die Schilddrüse ist, ob sie Knoten aufweist oder auffällig durchblutet ist“, erklärt Rischpler. Bei Bedarf folgt eine Szintigraphie. Wichtig sei bei der Diagnostik und gegebenenfalls Erfolgskontrolle bei Vergabe von Medikamenten auch die Berücksichtigung von TSH-Schwankungen je nach Tageszeit. „Kontrollen bei einer Medikamenteneinstellung sollten möglichst immer idealerweise am Morgen erfolgen“, so Lobmann, da TSH-Schwankungen im Tagesverlauf bis zu 50 Prozent möglich sind.
Knoten sind häufig, Krebs ist selten
Viele Veränderungen der Schilddrüse werden zufällig im Ultraschall entdeckt. Wird ein Knoten entdeckt, ist die Unterscheidung zwischen „heißen“ und „kalten“ Knoten zentral. Erstere produzieren eigenständig Hormone und sind nahezu immer gutartig. Kalte Knoten werden genauer abgeklärt.
Beide Experten betonen, dass Schilddrüsenkrebs insgesamt selten ist und nur rund ein Prozent aller Krebserkrankungen ausmacht. Die häufigsten Formen sind gut behandelbar. Eine Operation ist die Basistherapie, oft ergänzt durch eine Radiojodbehandlung in Folge. Risikofaktoren sind unter anderem frühere Bestrahlungen im Halsbereich oder hohe Strahlenbelastungen, wie sie etwa nach der Nuklearkatastrophe in der Region Tschernobyl beobachtet wurden.
Interdisziplinär behandeln – ein Vorteil des Maximalversorgers
Als Maximalversorger deckt das Klinikum Stuttgart nahezu alle medizinischen Fachbereiche ab. Gerade bei komplexen Schilddrüsenerkrankungen profitieren Patientinnen und Patienten von kurzen Wegen und abgestimmten Entscheidungen.
Im Bereich der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie am Klinikum Stuttgart werden hormonelle Störungen diagnostiziert und medikamentös eingestellt. Die Klinik für Nuklearmedizin am Klinikum Stuttgart übernimmt spezialisierte Bildgebung wie die Szintigraphie sowie Radiojodtherapien. Zusätzlich steht eine ausgewiesene Expertise endokriner Chirurgie in der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie zur Verfügung.
„Wir besprechen komplexe Fälle interdisziplinär – etwa im Tumorboard“, erklärt Rischpler. „So stellen wir sicher, dass jede Patientin und jeder Patient die individuell beste Therapie erhält.“ Lobmann ergänzt: „Gerade die fachübergreifende Perspektive ist ein großer Vorteil. Wir sehen nicht nur die Schilddrüse, sondern immer den ganzen Menschen.“
Neue Therapien und digitale Diagnostik
Neben bewährten Verfahren entwickeln sich neue Ansätze. Künstliche Intelligenz unterstützt inzwischen die Auswertung von Ultraschallbildern. Ein innovativer Therapieansatz bei fortgeschrittenem Schilddrüsenkrebs ist die Redifferenzierungstherapie. „Sozusagen die Antwort auf die Problematik wenn bei fortgeschrittenem, differenziertem Schilddrüsenkrebs kein Radiojod mehr aufgenommen werden kann. Wir drehen sozusagen die Zeit zurück, sodass die Tumorzellen wieder Jod aufnehmen können – und damit erneut für eine Radiojodtherapie zugänglich werden“, erläutert der Nuklearmediziner Rischpler.
Risikofaktoren meiden, Schilddrüse schützen
Ist die Schilddrüse noch gesund ist eine ausreichende Jodversorgung zentral – etwa durch Seefisch, Milchprodukte oder jodiertes Speisesalz. Bei einer Schilddrüsenüberfunktion sollte Jod jedoch gemieden werden. Ein zentraler Risikofaktor ist und bleibt das Rauchen. Die Schadstoffe schaden der Schilddrüse in vielerlei Hinsicht. „Es gibt kaum Patientinnen und Patienten mit Morbus Basedow, die nicht geraucht haben“, sagt Lobmann. Fest steht: Die Schilddrüse ist klein, ihre Bedeutung aber zentral. Wer anhaltende Symptome wie Herzklopfen, unerklärliche Müdigkeit oder Gewichtsveränderungen bemerkt, sollte sie hausärztlich abklären lassen.
Einblick in die Medizin: der Podcast 07HEALTH
Erweiterte Informationen zum Thema bietet der Podcast 07HEALTH – der Podcast von und über das Klinikum Stuttgart. Von A wie Allgemeinmedizin bis Z wie Zahnheilkunde geben Expertinnen und Experten Ein- und Ausblicke in die Medizin-Themen des Hauses. Mit rund 10.000 Mitarbeitern deckt das Klinikum als Maximalversorger nahezu alle Fachbereiche ab. In jeder Folge sprechen Fachleute, die täglich für die Gesundheit der Patienten und Patientinnen im Einsatz sind. Der Podcast ist auf allen gängigen Podcastanbietern verfügbar.
Weitere Informationen erhalten Interessierte auf der Webseite des Klinikum Stuttgart oder direkt in der Podcastfolge „Schilddrüsenerkrankungen verstehen: Kleines Organ, große Wirkung".


