Friedhold Ulonska war als Kapitän mehrerer Schiffe an der Rettung von tausenden Geflüchteten beteiligt. Jetzt geht der 67-Jährige in sein mittlerweile zehntes Einsatzjahr. Der Rentner aus Rottenburg ärgert sich über die teils flüchtlingsfeindliche Politik.
Schüsse fallen, Menschen gehen in Deckung, rund 200 befinden sich in diesem Moment an Bord des angegriffenen Schiffs, das gerade mehrere Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet hat. Der Kapitän Friedhold Ulonska versucht alles, um dem bewaffneten Boot der libyschen Küstenwache zu entkommen. Verängstigte Gesichter blicken in das Innere des Steuerhauses. „Den Anblick dieser Augen werde ich nie vergessen“, sagt der Rentner aus Rottenburg am Neckar heute, mehrere Jahre nach dem lebensgefährlichen Zwischenfall.
Seit 2016 jedes Jahr für mehrere Wochen im Einsatz auf dem Mittelmeer
„In diesem Moment habe ich eine leise Ahnung davon bekommen, was diese Leute durchgemacht haben müssen“, sagt der 67-Jährige, der jetzt für die Seenotrettung in sein mittlerweile zehntes Einsatzjahr geht. „Angst“, sagt Ulonska, sei mit Blick auf die Gesichter dieser Geflüchteten ein „völlig untertriebener Begriff“. Morde, Folter, Versklavung – für diese Verbrechen gegen Migranten soll Libyens Küstenwache laut einem UN-Bericht aus dem Jahr 2023 verantwortlich sein. Die EU habe mit ihrer Unterstützung über Jahre hinweg Beihilfe zu den Straftaten geleistet, heißt es.
Mittlerweile hat die mediale Aufmerksamkeit für die Lage auf dem Mittelmeer und die Schicksale der Menschen stark nachgelassen, bedauert Friedhold Ulonska. „Dabei ist die Situation nicht weniger dramatisch.“ Bei seinen Vorträgen werde er manchmal gefragt: „Ach, ist das immer noch ein Thema?“ Dann klärt er auf.
Aus jahrelanger Erfahrung weiß der gebürtige Ostfriese, wovon er spricht: Seit 2016 ist er jedes Jahr mehrere Wochen als Kapitän für zivile Seenotretter im Einsatz. „Anfangs dachten wir, das Problem erledigt sich schnell“, sagt Ulonska. Dass er aber zehn Jahre später immer noch Geflüchtete vor dem Ertrinken rettet, habe er nicht erwartet.
Als Jugendlicher in Ostfriesland das Segeln gelernt
Die Bilder von überfüllten Schlauchbooten haben den ehemaligen IT-Unternehmensberater und Zeitungsredakteur damals nicht mehr losgelassen, er wollte unbedingt helfen. „Ich wusste, ich kann etwas tun: Ich kann Schiffchen fahren“, sagt er. Mittlerweile war er an der Rettung von geschätzt mehr als 5000 Flüchtlingen beteiligt – ob als Kapitän für Rettungsorganisationen mit großen Motorschiffen – oder mittlerweile auf einem Segelschiff der Hamburger NGO „Resqship“.
Als Jugendlicher in Ostfriesland hat Friedhold Ulonska das Segeln gelernt. „In den Ferien war ich nur auf dem Boot“, erzählt er. Zuhause in Rottenburg zeigt er auf seinem Laptop die bunten Linien der Routen zwischen der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa, der libyschen und der tunesischen Küste: Auf einem Einsatzgebiet so groß wie Süddeutschland navigiert Ulonska die Seenotretter über das Mittelmeer. Aus einem Hafen in Malta brechen er und die meist siebenköpfige Crew, bestehend aus medizinischen Experten und Freiwilligen, auf. „Man muss damit rechnen, dass man Verletzte, Kranke oder Bewusstlose an Bord nimmt.“ Auch in diesem Jahr ist für Juni wieder ein Einsatz geplant. „Da sind erfahrene Leute wie ich mit dabei. Aber auch welche, die noch kein Schiff von innen gesehen haben“, sagt Ulonska.
Leichensäcke müssen immer mit an Bord sein
Deshalb sind vor dem Ablegen immer zwei bis drei Tage Training an Land angesetzt: „Wie suchen wir? Mit wem kommunizieren wir? Was machen wir, wenn wir ein Boot finden?“ – Fragen, die geklärt werden müssen. 17 Tage am Stück sind sie dann auf See und suchen geduldig nach Flüchtlingen, die sich auf die immer wieder tödlich endende Reise nach Europa machen – aber trotz Fernglas und Radar nur schwer zu finden sind. Manchmal fühle sich das an wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, sagt er.
Schätzungen zufolge sind im vergangenen Jahr etwa 2300 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Leichensäcke müssen auch bei „Resqship“ immer mit an Bord sein. Ohne die Seenotretter wäre die Zahl der Toten wohl deutlich höher. Denn die Schlauchboote und jene aus Holz oder billig zusammen geschweißtem Stahl sind kaum geeignet für eine sichere Überquerung. „Da reicht eine Welle oder eine falsche Position – und das Boot kentert. Das ist hochgefährlich“, sagt Ulonska.
Mehr als 180 000 Menschen sind Schätzungen zufolge 2024 über den Seeweg in Länder der Europäischen Union geflohen. Eine Verbesserung der Lage ist nicht in Sicht. Lieber wagen die Flüchtlinge die Überfahrt, als in Libyen oder Tunesien verfolgt zu werden, erzählt Ulonska. Einmal hatten sie Leute an Bord, die die tunesische Küstenwache wieder zurückbringen wollte: „Erwachsene Männer haben uns auf Knien angefleht, andere sind ins Wasser gesprungen, weil sie lieber ertrinken wollten als zurückzugehen.“ Es handelte sich um Migranten aus anderen afrikanischen Ländern, die in Tunesien nicht willkommen zu sein schienen.
Migrationsfrage ein großes Thema im Wahlkampf
Derweil ist in Deutschland mit Blick auf die Bundestagswahl am 23. Februar die Migrationsfrage ein großes Thema im Wahlkampf. Ulonska liest sich die Wahlprogramme durch – und muss immer wieder den Kopf schütteln: „Was zum Beispiel die CDU schreibt, finde ich absolut erschreckend. Es scheint so, als wolle man am liebsten überhaupt niemanden mehr ins Land lassen.“
Friedhold Ulonska: „Was wir machen, ist Rettungsdienst“
Auch Ulonska und die anderen privaten Seenotretter sehen sich immer wieder mit Kritik aus der Politik konfrontiert. Etwa, dass sie das Geschäft der kriminellen Schlepper unterstützten, ja sogar mit ihnen kooperieren würden – und damit ein Pull-Faktor für illegale Migranten seien.
Die Vorwürfe zogen im Oktober Streit in der Ampel über die Förderung privater Seenotretter nach sich. Für die Jahre 2024 bis 2026 waren insgesamt sechs Millionen Euro vorgesehen. Die FDP verlangte einen Zahlungsstopp, das Haus von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hielt an der Unterstützung fest. Aus der Opposition von Seiten der CDU kam Unverständnis darüber, dass man mit Steuergeld illegale Einwanderer über das Mittelmeer bringe.
Friedhold Ulonska kann die Kritik nicht nachvollziehen: „Was wir machen, ist Rettungsdienst“, sagt er. Wenn in Deutschland jemand in Not sei, komme ja auch der Rettungswagen und versorge den Menschen – „egal, ob das der hoch angesehene Bürger oder sonst wer ist, ob jemand betrunken Auto gefahren oder unverschuldet in eine Notlage geraten ist. Das spielt keine Rolle.“
„Lösung kann nicht sein, die Leute im Mittelmeer ersaufen zu lassen“
Ein Fall aus dem vergangenen Jahr gibt ihm und seinen Kollegen recht: Freispruch lautete das Urteil eines italienischen Gerichts für drei private Seenotretter-Organisationen. Nach einem Mammutprozess konnte das Gericht nicht erkennen, dass die Retter illegale Einwanderung begünstigten oder gemeinsame Sache mit den Schleppern machten.
Von den Vereinten Nationen heißt es: „Jeder Mensch in Seenot muss gerettet werden.“ So ist es auch im Seevölkerrecht festgehalten. Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) betont, dass „Überlebende von Notsituationen unabhängig von ihrer Nationalität oder ihrem Status und den Umständen, unter denen sie sich befinden, Hilfe erhalten“.
Für Ulonska ist klar: „Die Lösung kann nicht sein, die Leute im Mittelmeer ersaufen zu lassen.“ Solange die Fluchtursachen nicht beseitigt werden können, müsse man mit der jetzigen Situation umgehen. „Die Abschottungssituation hilft vielleicht uns, aber nicht den Menschen, die uns brauchen.“ Natürlich gebe es dafür keine einfache Lösung, sagt Ulonska. „Aber dafür bezahlen wir ja Politiker – damit die sich was einfallen lassen.“