Ein Gastwirt aus Plochingen gerät zwischen die Fronten eines Bandenkriegs. Vor zwei Jahren wurde auf ihn geschossen. Jetzt erzählt er seine Geschichte.
Das ist die Geschichte eines Mannes, der vor zwei Jahren im Krieg multiethnischer Gruppen im Mittleren Neckarraum niedergeschossen wurde. In Plochingen kennt ihn jeder nur unter dem Namen Leo, seit Jahrzehnten führt er die Kultkneipe Red Bull. Haare wie Draht, Hände wie Bratpfannen und ein riesengroßes Herz, das wie durch ein Wunder noch schlägt. Zwei Jahre nach dem Überfall erzählt er uns seine Geschichte:
Mein Vater kommt aus Kreta, meine Mutter aus Nordgriechenland. Ich bin in Agios Nikolaos im Osten Kretas geboren. Mein Vater war Landwirt, 400 Ziegen hielt er, lebte vom Verkauf von Milch und Fleisch. Als ich neun Jahre alt war, sagte er: „Geh zu deiner Tante nach Piräus, damit du in eine bessere Schule gehst.“ Dort bin ich aufgewachsen, habe dann in einer Fachhochschule studiert und wurde Mechaniker für Flugzeuginstrumente in einer Werkstatt am Athener Flughafen. Bei meinem Vater habe ich gearbeitet im Sommer, an Weihnachten und an Ostern. Insgesamt drei, vier Monate im Jahr. Wie ich immer sage: Im Prinzip bin ich Ziegenhirte – einmal Ziegenhirte, immer Ziegenhirte.
Mit 27 Jahren von Athen nach Deutschland
Vor 40 Jahren bin ich nach Deutschland gekommen, da war ich 27 Jahre alt. Ich habe meinen Cousin besucht, der in Aachen Luftfahrttechnik studierte, dann ging es nach Stuttgart zu Bekannten und Verwandten, dann waren wir in Esslingen in einem Lokal. Der Wirt dort fragte mich: „Hast du Lust, mir ein bisschen zu helfen?“ Ich nahm zwei Monate unbezahlten Urlaub und hab bei ihm als Kellner angefangen.
So bin ich in die Gastronomie eingestiegen. Das sind wohl die Zufälle des Lebens. Es gefiel mir in Deutschland und ich dachte: Was verdienst du in Griechenland? Ein paar tausend Drachmen? Ich bin nach Griechenland geflogen und hab’ gesagt: „Ich kündige.“
Ich habe Deutsch gelernt und bin so eingestiegen – früher Hirt, jetzt Wirt. Ich ging dann weg vom Esslinger Marienplatz, ging nach Böblingen, bin nach Nellingen zu den Amerikanern, habe Pizzas verkauft, Hot Dogs und Hamburger. Die Kneipen habe ich hochgekriegt mit Motivation, mit guter Unterhaltung und mit Fleiß. Wenn du in der Gastronomie freundlich bist und schnell Kontakt zu den Leuten bekommst, kannst du nur Erfolg haben. Aber die Freundlichkeit muss echt sein. Und ich glaube, ohne mich selber zu loben, ich bin echt. Gespielt freundlich, das kann ich nicht.
Vor 36 Jahren das Red Bull in Plochingen übernommen
Ein Brauereivertreter sagte zu mir: „Wir haben ein Lokal in Plochingen, das Red Bull in der Marktstraße“ – das war vor 36 Jahren. Die Plochinger Handballer sind gekommen und dann die Fußballer – und die „Strikers“, eine Clique aus Plochingen.
Ich habe hier im Red Bull die ganzen Jahre nie ein Problem gehabt. Es waren immer nette Menschen. Und zu den anderen hab ich gesagt: Geh nach Hause, guck dich im Spiegel an und überlege dir, warum der Wirt sagt, du sollst bitte gehen. Und dann kommst du vielleicht auf die Idee, warum. Und wenn du nicht auf die Idee kommst, dann komm zurück und dann reden wir.
Schießerei in Plochingen: „Ich dachte, da ist eine Bombe explodiert“
Das funktioniert. Und wenn dann immer noch einer fragt: „Warum bedienst du mich nicht? Ich bin nicht so schlecht, wie du meinst“, dann sag ich: Du bringst hier Unruhe rein. Andere Wirte werden sich vielleicht auf deinen Besuch freuen. Und dann spendiere ich einen Ouzo. Und sag: bitte, geh.
Aber ich wollte ja über diese Nacht im Februar vor zwei Jahren reden. Es war um 3.30 Uhr. Ich höre einen riesengroßen Krach draußen in der Fußgängerzone. Ich dachte, da ist eine Bombe explodiert. Es waren noch drei Leute im Lokal, die auf ein Taxi gewartet haben. Ich frage sie: Was ist los? Und die sagen: „Keine Ahnung.“
Mit Baseballschläger Scheiben in Plochinger Fußgängerzone eingeschlagen
Und dann bin ich rausgelaufen, um zu sehen, was passiert ist. Ich sehe Männer, die haben mit dem Baseballschläger die Scheibe von dem Geschäft nebenan kaputt gemacht, und die Scheiben waren dick. Was wollt ihr hier?, frage ich, seid ihr blöd? Und dann hat sich einer umgedreht, zieht eine Kanone und schießt sofort. Ohne Warnung. Bestimmt zwei Meter hat es mich nach hinten geschleudert, dann bin ich auf dem Boden gelegen. Es hat geblutet, ich war tot, ich war weg. Ein paar Sekunden. Alles voller Blut, tot, weg. Meine Jungs im Lokal haben geschrien wie blöd, sie haben mich in das Lokal reingezogen, einer hat das T-Shirt auf die Wunde gedrückt wegen dem Blut.
Die Kugel ist hier an den Rippen rein. Ich war tot, drei, vier Sekunden lang war ich tot. Dann ist der Notarzt gekommen. Die haben nicht mit mir gesprochen, gleich Maske auf, gleich ins Krankenhaus. Die haben mich geröntgt. Der Arzt sagte: „Verstehen Sie mich?“ Ich sagte: ja. – „Sie haben eine Kugel in den Rippen, wir müssen operieren.“ Dann war ich gleich weg. Dann Intensivstation. Der Rest der 14 Tage lag ich allein im Zimmer. Die Ärzte in Esslingen waren perfekt, einer wollte mich trösten. Er sagte: „Ich habe ein Jahrzehnt in den USA gearbeitet, wir hatten täglich zehn Fälle wie dich.“
Am Anfang konnte ich nichts denken, da habe ich nicht kapiert, was passiert ist. Dann versuchte ich es zu realisieren, was ist das eigentlich gewesen? Ich hing am Katheter und an den Bluttransfusionen, ich hatte große Schmerzen. Jetzt tut es noch weh, ich kann nicht richtig einatmen. Die Kugel hat zwei Rippen durchschlagen, bisschen von der Lunge weggerissen, nichts vom Herz. Ein Zentimeter mehr rechts, dann wäre ich tot gewesen. Glück gehabt.
Später dann habe ich mir überlegt, aufzuhören als Wirt vom Red Bull. Aber dann dachte ich, ich gehe nicht von hier als Verjagter. Ich dachte, so viele Leute wünschen mir Gutes, haben Interesse gehabt. Die Emotionen, die vielen Besuche, die vielen Anrufe, die vielen Karten, viele Hundert waren das. Also dachte ich, ich komme wieder zurück, ich probiere es noch mal.
Nach der Kugel wurde das Leben anders
Im falschen Moment, zur falschen Zeit am falschen Ort. Das war der entscheidende Wendepunkt. Ich sehe das Leben mit anderen Augen. Ich kann nicht sagen, wie. Es ist ein komisches Gefühl, wenn du den Tod vor den Augen gehabt hast. Es ist anders, wenn du einen Autounfall hast oder vom Fahrrad fällst – oder wenn jemand vor dir steht mit einer Kanone. Den Moment bekomme ich nie mehr aus meinem Leben.
Was ist anders? Ich kann das nicht so differenzieren, was soll ich sagen? Jetzt ist das Leben noch mehr wert. Ja, so kann ich es sagen. Ich versuche, mein Leben friedlich zu leben, Lust zum Arbeiten habe ich immer noch. Die Kontakte zu den Leuten seit 36 Jahren sind zu eng. Du kennst den Papa, du kennst den Sohn, du kennst die Enkel. Ich habe noch Kraft, aber nicht mehr die Kraft, die ich hatte vor der Kugel. Nach der Kugel wurde das Leben anders. Ich habe, im Prinzip gesagt, keinen Plan. Früher habe ich dies und das geplant. Jetzt habe ich kein Ziel mehr.
Zwei Jahre nach Schießerei: „Ich lasse mich nicht verjagen“
Wenn ich Freizeit habe, genieße ich die Zeit mit ein paar Freunden. An Griechenland denke ich nie. Nach 40 Jahren ist Deutschland meine Heimat und mein Geburtsort ist Griechenland. „Ubi bene, ibi Patria – wo es gut ist, ist mein Vaterland“, sagen die Lateiner. Manche Menschen sagen, wenn sie in ihrem Heimatland Urlaub machen: „Ich gehe heim“. Aber ich sage: Ich gehe in meinen Geburtsort. Mein Heim ist hier.
Ich arbeite hier, solange es mir Spaß macht. Ich lasse mich nicht verjagen, und ich hätte wieder das gleiche gemacht. Wenn ich etwas höre, dann würde ich wieder ins Feuer laufen, denn vielleicht braucht jemand meine Hilfe, da draußen.
Jahrelange Gewalt
Auseinandersetzung
Seit drei Jahren tobt der Bandenkrieg zwischen einer multiethnischen Gruppe aus Esslingen und Ludwigsburg und einer anderen aus Göppingen und Stuttgart-Zuffenhausen. Nach Angaben des Landeskriminalamts (LKA) handelt es sich bei den verfeindeten Gruppen nicht um Familienclans oder um klassische Banden, sondern um ein neues Phänomen. Es gehe um territoriale Machtansprüche. Die Gewalt eskaliere zumeist nach wechselseitigen „Ehrverletzungen“. Immer wieder fielen Schüsse. Mitte Juni 2023 wurde zudem eine Handgranate auf eine Trauergemeinde in Altbach geworfen. Gerichtsverfahren
Bisher wurden mehr als 90 mutmaßliche Täter festgenommen und insgesamt 100 Waffen sichergestellt. Die ersten Verbrecher standen bereits vor Gericht, und einzelne Täter sind auch bereits verurteilt worden. Der Täter von Plochingen ist noch nicht verurteilt. Kürzlich ist Anklage gegen einen 26-Jährigen erhoben worden, der vor einem halben Jahr im Stuttgarter Stadtteil Möhringen auf einen ein Jahr älteren Rivalen mit einer vollautomatischen Waffe geschossen haben soll.