Seit mehr als einem Jahr untersucht eine Arbeitsgruppe unter Führung des Landesverkehrsministeriums den weiteren Ausbau des Schienennetzes in Stuttgart – darunter auch einen unterirdischen Kopfbahnhof. Erste Ergebnisse erhärten die Bedenken der Stadt.
Stuttgart - Die Fronten in der Diskussion über einen zusätzlichen Kopfbahnhof verhärten sich weiter. Auf der einen Seite steht das Landesverkehrsministerium von Winfried Hermann (Grüne), von dem die Idee eines Zusatzhalts in Tieflage in unmittelbarer Nähe zum im Bau befindlichen Durchgangsbahnhof stammt und das die Vision weiterverfolgt. Dem gegenüber steht das Stuttgarter Rathaus. Dort sieht man sich in seinen Vorbehalten bestätigt, auch das Ministerium spricht von „Konfliktpunkten“.
Die Stadt sieht Bedenken bestätigt
Das von Hermanns Haus beauftragte Gutachterbüro Obermeyer aus München lotet derzeit die Machbarkeit der sogenannten Ergänzungsstation aus. Die Landeshauptstadt, die der Idee mit Blick auf die eigenen städtebaulichen Ambitionen am Bahnhof und im Rosensteinquartier skeptisch gegenübersteht, ist nun von den Experten und dem Ministerium „über den aktuellen Überlegungsstand der Machbarkeitsstudie zu einer möglichen Ergänzungsstation im Bereich des Hauptbahnhofs und deren mögliche Zulaufstrecken informiert“ worden, wie ein Rathaussprecher erklärt. Überzeugen konnten die Ausführungen offensichtlich nicht. „Die vorläufigen Ergebnisse scheinen die städtischen Bedenken zu erhärten“, so der Rathaussprecher. „Die weiteren Untersuchungen bleiben abzuwarten.“
Nach Informationen unserer Zeitung gibt es gleich eine ganze Reihe von Punkten, die von den Experten als zumindest herausfordernd eingestuft werden. Unter anderem geht es um das große Gefälle, das die Züge vom Gäubahnviadukt am Nordbahnhof kommend in Richtung der in Tieflage vorgesehenen Kopfbahnhofstation überwinden müssten. Ein Konflikt mit der Wolframstraße, die in diesem Abschnitt heute noch unter den Gleisen verläuft, scheint ausgemacht. Denn die Strecken zur Ergänzungsstation müssten unter der Straße hindurch geführt werden. Dazu müsste die Straße angehoben werden. Nicht ganz trivial dürfte auch die Lösung für die Entrauchung der Station und der Tunnelstrecken sein, zudem zeichnen sich Konflikte beim Lärm- und Erschütterungsschutz der Strecken ab, die unter den zukünftigen Gebäuden verlaufen würden und deren Betrieb die Nutzung darüber nicht beeinträchtigen darf. Ein Fragezeichen setzen die Gutachter auch hinter die Möglichkeit, trotz Ergänzungsstation einen möglichst harmonischen Übergang zwischen dem Schlossgarten und den neuen Quartieren zu schaffen. Zudem müsste für den Bau der unterirdischen Station just dort gegraben werden, wo die Heilquellenschutzverordnung des Regierungspräsidiums Stuttgart gilt. Gegner des Tiefbahnhofs hatten den Aushub der Gruben für Stuttgart 21 in diesem sensiblen Bereich stets als zu großes Risiko abgelehnt.
Land will Haltung der Stadt nicht kommentieren
Wenig begeistert ist man im Rathaus auch darüber, dass der Erhalt der sogenannten Überwerfungsbauwerke – das sind Brücken, die dem kreuzungsfreien Ausfädeln verschiedener Eisenbahnstrecken dienen – in den Überlegungen des Ingenieurbüros infrage gestellt wird. Das von der Stadt in einem internationalen städtebaulichen Wettbewerb für das Rosensteinquartier zum Sieger erkorene Architektenbüro asp hatte in seinem erfolgreichen Entwurf noch festgehalten: „Relikte der ehemaligen Bahnnutzung wie die verschiedenen Überwerfungsbauwerke, Teile der Gleisanlagen oder die Eisenbahnbrücken in der Ehmannstraße bleiben erhalten, freigelegt, inszeniert, bespielt und in die Parkgestaltung integriert.“
Ein Sprecher von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will auf Nachfrage nicht auf die einzelnen Aspekte eingehen. Er belässt es bei der Feststellung: „Die Konfliktpunkte, die zu beurteilen sind, sind bekannt.“ Unklar ist weiterhin, zu welchem Preis die zusätzliche Station zu haben wäre. „Eine Kostenschätzung wird erst in einem späteren Arbeitsschritt der Untersuchung vorgenommen.“ Aktuell gehe es in den Untersuchungen darum herauszufinden, „welche Trasse angesichts der verschiedenen Konfliktpunkte vorzugswürdig erscheint“. Wie wenig erbaut das Verkehrsministerium von der Haltung des Rathauses ist, zeigt die Reaktion des Sprechers von Winfried Hermann auf die Frage, wie das Ministerium die Reaktion der Landeshauptstadt auf die ersten Ergebnisse der Untersuchung bewertet: Diesen Punkt lässt der Sprecher unbeantwortet.
Lange, ergebnislose Beratungen
Im Sommer 2019 tagte die Arbeitsgruppe unter Winfried Hermanns Amtschef Uwe Lahl erstmals unter der Überschrift „Ausbauoptionen nach Realisierung von S 21“. Auch anderthalb Jahre später liegen konkrete Ergebnisse der intensiven Beratungen weiterhin nicht vor. Am Tisch sitzen dabei neben Vertretern des Landesverkehrsministeriums auch Experten von Stadt und Region Stuttgart. Letztere hat sich in Sachen Ergänzungsstation bereits eindeutig positioniert. Die Regionalversammlung hat im September dieses Jahres die Idee eines zusätzlichen unterirdischen Kopfbahnhofs mit breiter Mehrheit abgelehnt.