Mit Verlegung des Streckenasts nach Dürrlewang hat der Lärm an der Ernsthaldenstraße zugenommen, sagt ein Anwohner. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Ein Mann aus Stuttgart-Vaihingen fordert, dass sich Betroffene, Politik, Verwaltung und SSB an einen Tisch setzen, um Anwohner besser vor Schienenlärm zu schützen.

Filder - An manchen Tagen poltert die Bahn so laut an seinem Haus vorbei, dass das Wasser im Glas schwingt, weil der Tisch vibriert, berichtet Jürgen Häberle. Er wohnt an der Ernsthaldenstraße mit Blick auf die Kurve, durch die die Stadtbahn U 12 in Richtung Dürrlewang fährt. Der Gleisbogen und die Weichen seien Hauptverursacher für den Lärm, sagt er.

Die Bahn sei schon da gewesen, als er vor 25 Jahren in das Haus gezogen sei. Damals allerdings war es nur die U 3 gewesen, die geradeaus vorbeifuhr zum und vom Vaihinger Bahnhof. Heute sind es die U 3, die U 8 und die U 12. „Seit die Abzweigung nach Dürrlewang verlegt wurde, ist es deutlich schlechter geworden“, sagt Häberle. Auf eigene Kosten hat die Familie Lärmschutzfenster einbauen lassen, die Bahnen hört sie trotzdem, mal mehr, mal weniger laut. „Es sei denn, es liegt Schnee. Dann ist es leise“, sagt Häberle. Dennoch möchte er nicht nur klagen. „Ich bin selbst Nutzer des ÖPNV, und die Forderung nach einem Ausbau ist richtig. Das befürworte ich sehr“, sagt der Vaihinger. „Aber die Belastung der Bürger, die direkt an den Gleisen wohnen, nimmt durch den Ausbau zu.“

Ein Runder Tisch mit Betroffenen und Entscheidern

Jürgen Häberle greift zum Lärmaktionsplan der Stadt Stuttgart. Die Fortschreibung ist von 2015, mit den Ergebnissen der Lärmkartierung 2012. Einen aktuelleren Lärmaktionsplan gibt es nicht. Darin sei die Rede davon, dass etwa drei Prozent der Bevölkerung von Stadtbahnlärm belastet seien, der über 55 Dezibel liege. Das entspricht etwa der Lautstärke von Regen oder Kühlschrankgeräuschen. Lärmspitzen von mehr als 65 Dezibel gelten als gesundheitsschädigend. Etwa 3600 Einwohner in Stuttgart sind von einem derart hohen Pegel durch die Stadtbahn betroffen, ist dem Lärmaktionsplan zu entnehmen. Die besonders belasteten Strecken liegen dort, wo mehrere Stadtbahnlinien verkehren, zum Beispiel zwischen Charlottenplatz und Bopser oder auf den Zufahrten zu den Depots in Möhringen und Heslach.

Vor allem die bereits betroffenen Anwohner würden durch den Ausbau weiter belastet, sagt Häberle. „Die Frage ist: Was macht die Politik dagegen? Alle schreien ÖPNV-Ausbau, aber kaum einer schlägt Maßnahmen vor, um die Lärmbelastung für die Bürger zu reduzieren.“ Er habe Verständnis dafür, dass der Unmut in der Bevölkerung wachse. „Es geht mir darum, dem entgegenzusteuern.“ Häberle will sich für einen Runden Tisch einsetzen. Betroffene sollen zusammen mit den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) sowie Vertretern aus Politik und Verwaltung eine gemeinsame Lösung finden.

Gesamtstädtischer Ansatz statt Einzelfalllösungen

Diese könnte zum Beispiel bei der Beschaffenheit der Stadtbahnen gefunden werden. Denn die Bahnen in Stuttgart ähnelten Eisenbahnen, der Abstand zwischen Schiene und Wagen ist recht groß. Genau dort entstehe der Lärm, sagt Häberle. In anderen Städten fuhren Niederflurstraßenbahnen, und die seien leiser. „Die SSB könnten eine Forschungsarbeit in Auftrag geben, wie man die Bahnen oder das Gleisbett verändern kann, damit weniger Lärm entsteht“, schlägt der Vaihinger vor. Auch Tempolimits für die Stadtbahn könnten eine Möglichkeit sein, die Situation für die Anwohner erträglicher zu machen.

„Wir brauchen ein Umdenken“, sagt Häberle. Der lärmbelastete Bürger dürfe beim ÖPNV-Ausbau nicht auf der Strecke bleiben. „Es geht nicht um Einzelfalllösungen“, sagt Häberle. Die SSB brauche den Auftrag der Politik für einen gesamtstädtischen Ansatz. „Dann hätte der Bürger in Vaihingen ebenso etwas davon wie in Zuffenhausen“, so Häberle.

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