Der Weg zum Grab ist für viele ein wichtiger, regelmäßiger Gang. Foto: Dan Race - stock.adobe.com

Wenn der Partner unerwartet früh stirbt, verändert sich alles. Zwei Frauen erzählen von ihrem Verlust und wie sie zurück ins Leben fanden. [Plus-Archiv]

Stuttgart - Die Sonntage sind am schlimmsten. Wenn andere mit ihren Familien entspannt in den Tag starten, fällt es Heike Brandt manchmal schwer, aus dem Bett zu kommen. Die 45-Jährige ist Witwe. 2019 starb ihr Mann Axel bei einer Operation. Heike Brandt kämpft mit den Tränen, während sie ihre Geschichte erzählt. Ende Mai landet ihr Mann mit Bauchschmerzen in der Notaufnahme. Die Ärzte finden ein Loch im Darm, müssen notoperieren. Sie legen dem 50-Jährigen einen künstlichen Darmausgang. Axel leidet darunter, seine Frau macht ihm Mut: „Egal, du lebst! Guck nach vorne, wir kriegen das hin.“

 

Ein paar Tage später bekommt Axel hohes Fieber

Vier Monate später, im September, wird der künstliche Darmausgang rückgängig gemacht. Heike Brandt besucht ihren Mann in der Klinik. „Er war aufgedunsen und sehr blass, aber voller Freude“, erinnert sie sich. „Nur die linke Wade schmerzte.“ Ein paar Tage später bekommt Axel hohes Fieber, die innen liegende Operationsnaht ist aufgegangen. Erneut muss er unters Messer.

Wenige Stunden später ist Heike Brandt Witwe. Die Nachricht zieht ihr den Boden unter den Füßen weg, die Welt ist nicht mehr dieselbe. „Sterben, das war keine Option für uns“, sagt sie. „Wir hatten nie darüber gesprochen. Auch die Ärzte konnten sich nicht erklären, wie das passiert ist.“ Sie vermutet einen Ärztefehler, erstattet Anzeige. Lange sitzt sie an Axels Bett: „Ich hab immer nur gedacht: Mach doch die Augen auf. Du kannst nicht einfach gehen. Wach doch bitte einfach wieder auf.“ 19 gemeinsame Jahre liegen hinter ihnen. Nach der Beerdigung fällt Brandt in ein Loch. Auf Phasen, in denen sie das Haus nicht verlässt, folgen Wochen, in denen sie es zu Hause keine Minute allein aushält. Sie geht arbeiten, bricht irgendwann zusammen und lässt sich krankschreiben. Fast ein Jahr lang besucht sie täglich Axels Grab. Die Sehnsucht nach ihm bringt sie fast um den Verstand.

Sie traf das Schicksal aus heiterem Himmel

Petra Vircsik kennt dieses Gefühl. Auch sie hat ihren Mann früh verloren, mit gerade mal 44 Jahren. Auch sie traf das Schicksal aus heiterem Himmel. „Gerd litt zwar an Bluthochdruck, aber er war fit, normal belastbar. Im Alltag hat man nichts bemerkt.“ Als er zu Hause bewusstlos wird, diagnostizieren die Ärzte einen doppelten Herzhinterwandinfarkt. Nach zwei Tagen ist klar: Er wird es nicht schaffen. Ein Arzt fragt, wie ihr Mann zum Thema Organspende steht. Nach seinem Hirntod ist sie es, die entscheiden muss, ob die Maschinen, die ihn künstlich am Leben erhalten, runtergefahren werden. Genauso schlimm ist es für Petra Vircsik, den Söhnen das Unfassbare erklären zu müssen. „Wir gehen noch einmal zu Papa und verabschieden uns.“ Die Jungs sind damals elf und 14 Jahre alt. Bis zum letzten Atemzug hält sie Gerds Hand. Danach ist nichts mehr, wie es war. Sie fühlt sich unvollständig. Doch sie funktioniert. Sie muss. Die Familie steht am Rande der finanziellen Existenz.

„Der Staat hilft nicht viel“, sagt sie.

Petra Vircsik hat einen Halbtagsjob. „Der Staat hilft nicht viel“, sagt sie. Von der Witwen- und Halbwaisenrente könne man nicht leben. Die Große Witwenrente erhält nur, wer mindestens ein Jahr verheiratet war und einen Partner hatte, der mindestens fünf Jahre in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt hat. Und auch dann gelangt nur ein Bruchteil des wegfallenden Gehalts aufs Konto. Unverheiratete gehen leer aus.

Die Trauer muss warten

Petra Vircsik stellt ihre Trauer hinten an, kümmert sich um die Kinder und arbeitet, um die Miete bezahlen zu können. „Man darf die Freude nicht verlieren, egal, was passiert“, hatte ihre Oma immer gesagt. Petra Vircsik versucht es. Der Satz „Ich muss den Kindern vermitteln, dass das Leben schön ist“ wird zu ihrem Mantra.

In Deutschland gibt es rund 500 000 Witwen und Witwer unter 50 Jahren und 800 000 Halb- oder Vollwaisen. Jeder geht unterschiedlich mit dem Verlust um, sagt die Hamburger Trauerbegleiterin Ulla Engelhardt. Sie hat selbst mit Mitte dreißig ihren Partner verloren und daraufhin den Verein „jung verwitwet“ mit ins Leben gerufen. Die 57-Jährige wünscht sich mehr Verständnis für jüngere Verwitwete in der Gesellschaft. Sie sagt: „Wenn der Partner stirbt, ist die Zukunft weg. Das ist dann so, als hätten beide einen lebensbedrohlichen Unfall gehabt. Der eine stirbt, der andere überlebt schwer verletzt.“ Die Trauer zu verarbeiten, könne mehrere Jahre dauern. Engelhardt weiß, dass viele Betroffene sich wie Aussätzige fühlen. Angebote speziell für Jüngere zu fördern, die an einem ganz anderen Punkt im Leben stehen, sei wichtig. Denn die Erfahrung machen zu können, ganz „normal“ zu sein mit seinen Gedanken und Gefühlen, helfe Trauernden sehr.

Freunde sind oft überfordert

Engelhardt hat festgestellt, dass Freunde und Angehörige oft überfordert sind mit der Situation. Noch immer sei der Tod ein Tabuthema, viele wollten damit nichts zu tun haben. „Manche ziehen sich aus Hilflosigkeit zurück. Dabei würde es helfen, zuzugeben: Ich habe keine Ahnung, wie sich das anfühlt. Bitte sag mir, was ich tun kann.“ Floskeln wie „Die Zeit heilt alle Wunden – du bist doch noch so jung, du findest wieder jemanden – Schau nach vorn, lass los“ seien alles andere als hilfreich. „Wenn ein Tsunami in mein Leben bricht und das Wasser langsam abläuft, dann baue ich nicht sofort wieder alles auf. Ich räume auf. Was ist noch da? Was trägt mich noch? Der Verstorbene bleibt ein Teil meines Lebens.“ Zuhören sei wichtig, sagt Engelhardt, genauso wie praktische Hilfen im Alltag. Man solle den Trauernden nie zu etwas drängen, sondern Angebote und Ideen vermitteln oder Informationen sammeln – für späteren Bedarf.

Der Austausch mit Betroffenen kann helfen

Heike Brandt und Petra Vircsik haben sich professionelle Hilfe geholt, um die Trauer zu verarbeiten. Gutgetan hat beiden vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen. Die Trauer ist zur ständigen Begleiterin geworden. Oft wiegt sie schwer, begräbt das Schöne unter sich. Immer öfter aber tritt sie zur Seite und macht der Freude Platz. Petra Vircsik hat fünf Jahre nach Gerds Tod einen neuen Partner gefunden. Sie hat nicht nach ihm gesucht. „Er stand plötzlich da.“

Hier gibt es Hilfe

Der Verein „jung verwitwet e. V.“ ermöglicht Betroffenen den Austausch über Foren und organisiert Stammtische und Selbsthilfegruppen. Ausgebildete Trauerbegleiter bieten Austausch an. www.verwitwet.de

Auch die Nicolaidis Youngwings Stiftung bietet jungen Trauernden bis zum Alter von 49 Jahren persönliche und telefonische Beratung und Begleitung an. Kinder und Jugendliche finden hier ebenfalls Ansprechpartner und Hilfe. Die Stiftung organisiert Selbsthilfegruppen und Seminare und berät in rechtlichen Angelegenheiten. www.nicolaidis-youngwings.de

Das Institut für Trauerarbeit e. V. bietet sowohl Hilfe für Betroffene als auch Qualifikationen zur Trauerbegleitung an: www.ita-ev.de

Buchtipp: Die ausgebildete Trauerbegleiterin Ulla Engelhardt hat einen Wegweiser zum Thema geschrieben: „Jung verwitwet – Weiterleben, wenn der Partner früh stirbt“. Der Krüger Verlag hat das Buch 2019 neu aufgelegt.

Dieser Text erschien erstmals am 16.04.2021.