Der Syrerin Najd Boshi ist die Integration in Bayern gelungen. In ihrer neuen Heimat steuerte die Anglistin Boote und arbeitet nun in der Touristen-Information.
Dass an diesem Abend die Warnleuchte im Westen auf der anderen Seite des Sees blinkt, sieht sie sofort. „Sturmwarnung“, sagt Najd Boshi, „alle sollen jetzt weg vom Wasser.“ Die Schwimmer, die Surfer, die Boote. Der Himmel ist zugezogen, es windet am Tegernsee. Die Frau aus Syrien kennt sich aus mit solchen Sachen.
Seit zehn Jahren lebt Najd Boshi in Tegernsee. Sie sagt: „Hier geht es mir wirklich gut.“ Einige Zeit hat sie direkt an und auf dem See gearbeitet – als erste Bootskapitänin überhaupt, das Schifffahrtswesen ist doch noch eine ziemliche Männersache. Und dazu noch als Frau aus Syrien. Boshi sagt in sehr gutem Deutsch: „Hier bin ich auf meine Beine gekommen.“
Aleppo wird zum Schlachtfeld und zum Trümmerhaufen
Es gibt nicht nur Geschichten von schlecht integrierten Geflüchteten, die zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung oft ein Problem darstellen. Es gibt auch andere, und Najd Boshi mit ihren jetzt 47 Jahren freut sich, wenn sie über sich erzählen kann. Es ist die Geschichte, wie Tegernsee im oberbayerischen Bilderbuchland zu ihrer Heimat geworden ist.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich Aleppo einmal verlassen werde“, sagt sie. In der syrischen Metropole ist sie geboren und aufgewachsen. Dort hat sie Anglistik studiert und an der Uni gearbeitet, geheiratet und Kinder bekommen. Ihre Familie stammt aus der ehemaligen Zwei-Millionen-Einwohner-Metropole, sie meint: „Ich kenne die Stadt schon sehr gut.“
Doch von Sommer 2012 an wurde Aleppo im syrischen Bürgerkrieg zum Schlachtfeld und zum riesigen Trümmerhaufen. Die Häuser in Schutt und Asche gelegt, kein Strom, kein Wasser, ständig Feuergefechte und Bombardierungen. Die Großstadt wurde zur Hölle.
„Drei Viertel der Stadt waren zerstört“, erinnert sich Najd Boshi. Die Familie konnte kaum überleben, war stets in akuter Gefahr. „Ich hatte Angst um meine Kinder.“ So entschloss sie sich zur Flucht, erst einmal alleine. Mit dem Taxi kam sie in die 80 Kilometer entfernte Türkei, dort weiter nach Istanbul. Mit anderen Syrern gelangten sie an einen Schlepper, der versprach, die 42 Menschen per Boot nach Griechenland zu bringen.
Flüchtlinge auf unbewohnter Insel ausgesetzt
Er setzte sie auf einer Insel aus – mit einigen Wasserkanistern. Die Insel war unbewohnt. Wie sich später herausstellte, befanden sich die Flüchtlinge nicht in Griechenland, sondern weiterhin in der Türkei.
Sie trinkt den Kaffee schwarz, auch an einem heißen Tag. Immer wieder wird Najd Boshi von den Menschen in Tegernsee gegrüßt. Manchmal heißt es „Hallo“, meistens „Servus“. Man kennt sie, die syrische Kapitänin, in dieser 4000-Einwohner-Gemeinde mit den vielen Urlaubern und Tagestouristen in den Sommermonaten. Sie erzählt von den kleinen Schiffen der Tegernsee-Flotte, etwa der MS Gmund und der MS Kreuth, mit bis zu 130 Passagieren, und von den großen wie der MS Rottach-Egern, auf die 250 Personen passen. „Das hat mir viel Spaß gemacht.“
Auf der Insel legten die Flüchtlinge Feuer, um bemerkt zu werden. „Wir haben sie angezündet“, erzählt Boshi. „Wir sagten uns: Entweder man findet uns, oder wir verbrennen oder ertrinken im Meer.“ Ein türkischer Löschhubschrauber kam, man brachte die Menschen nach Izmir.
Von dort ging es für sie wieder per Schleuser tatsächlich nach Griechenland. Dann weiter nach Italien und schließlich nach Deutschland. Geholfen hat ihr der Ausweis einer Frau aus Spanien namens „Maria“, die ihr auf dem Foto ein wenig ähnlich sah. „Der Pass war wohl echt“, meint Boshi. 3500 Euro hat sie dem Schleuser dafür bezahlt. Wie viel ihre gesamte Flucht gekostet hat, möchte sie nicht sagen. Aber: „Ich danke Maria.“
Die Tochter studiert Jura, der Sohn geht auf eine Realschule
Von den Flüchtlingsbehörden wurde sie nach Tegernsee geschickt, es war ein Zufall. Sie lernte Deutsch, machte einen Mini-Job als Verkäuferin in einer Bäckerei. Die beiden Kinder und ihr Mann durften nach einem Jahr nachkommen. Mittlerweile ist sie geschieden.
In der Bäckerei fragte sie den damaligen Chef der Tegernsee-Schifffahrt, der Kunde war, nach Arbeit. Sie wurde erst Kassiererin, die auch auf dem Boot sitzen und beim Anlegen helfen. Schon dafür musste sie einiges lernen, das Verhalten in Notsituationen. Das einzige Personal an Bord sind Kapitän und Kassiererin.
Später schlug der Schifffahrts-Chef vor, dass sie den Bootsführerschein zur Kapitänin machen sollte. Sie lernte Navigieren im Nebel, befasste sich mit der Bootssicherheit und der Technik. 2019 und 2020 steuerte sie die verschiedenen Schiffe, trug die weiß-blaue Uniform mit der Mütze auf dem Kopf.
Najd Boshi möchte nicht nur über sich, sondern auch über Politik und Humanität sprechen. Etwa darüber, dass viele syrische Flüchtlinge in der Türkei und im Libanon sind: „Die haben dort sehr große Schwierigkeiten.“ Dort würden sie ausgegrenzt, in Lagern gehalten, bedroht und überfallen. „Wer bezahlt das?“, fragt sie. Etwa die EU und Deutschland mit ihren Hilfen. Auch ist sie sehr aufgebracht darüber, dass Geflüchtete in Deutschland lange nicht arbeiten dürfen. „Arbeitskräfte sind hier doch gesucht“, sagt sie. „Und diese Menschen müssen rumsitzen und können nichts tun.“
Mittlerweile hat sie noch mal den Job auf dem Wasser gewechselt, jetzt ist Boshi bei der Tourist-Info angestellt. Sie berät Urlauber und Gastgeber und hilft mit bei der Organisation des Kulturprogramms. Die Tochter studiert Jura in München, der Sohn macht die Realschule. Ist Aleppo abgeschlossen? „Nein“, sagt sie. „Ich kann mir vorstellen, irgendwann einmal zurückzukehren.“