Wo entdecke ich romantische Wanderstrecken und stille Seitentäler? Auf einer Karte sind Adressen von Menschen markiert, die Tipps geben. Touristen können einfach an der Türe klingeln.
Der Zug ist kaum am Titisee angekommen, da will ich am liebsten wieder kehrt machen. Eine Reisegruppe drängelt sich in ein Geschäft mit Kuckucksuhren, eine Familie rennt zum Riesenrad, eine Frau beißt in eine Zuckerwatte in Bollenhutform. Die Promenade des malerischen Sees im Schwarzwald mit ihren Outlets, Schinkenbuden und Souvenir-Geschäften wirkt wie ein Mini-Disneyland unter Tannen.
Dabei bin ich hergekommen, um das Gegenteil zu erleben: stille Seitentäler, weite Aussichten, spannende Begegnungen. Ich hole mein Handy aus der Tasche und scrolle durch die Karte, die mir dabei helfen soll.
Alles, was man tun muss, ist klingeln
Sie ist eines einzigartigen Konzepts. „Schellsch halt mol“ haben sie es im Alemannischen getauft, was auf Hochdeutsch etwa „Klingel doch mal“ bedeutet. Auf der Karte sind Adressen von Menschen markiert, die bereit sind, Besuchern ihre Geheimtipps zu verraten. Wo gibt es die leckerste Brezel? Welche Wanderung lohnt sich besonders? Wo zeigt sich mir der schönste Sonnenuntergang? Alles, was man tun muss, ist klingeln.
Zu meinem Glück liegen die ersten Adressen ganz nah. Der auf der Karte verzeichnete Souvenirladen ist allerdings geschlossen. Im Hotel ein paar Meter weiter ist der Rezeptionist so sehr mit dem Check-out beschäftigt, dass er gerade gar keine Zeit für gute Ratschläge hat. Eine weitere Adresse liegt zehn Minuten Fußweg entfernt: ein altes Haus mit Holzschindelfassade. Neben der Tür prangt das Schild der Klingel-Kampagne. Ich zögere kurz, etwas aufgeregt bin ich doch. Wer wird mir gleich öffnen?
Meine Nervosität verfliegt sofort, als eine ältere Frau mich freudig begrüßt. Sie rückt den Tisch zurecht, der neben der Haustür im Garten steht, kramt ein Sitzpolster aus einer Box und bietet mir einen Platz im Schatten sowie etwas zu trinken an. „Warten Sie, ich hole meinen Mann“, sagt sie und fügt hinzu: „Aber Vorsicht, wenn der ins Reden kommt, hört er nicht mehr auf!“
Begegnungen im Schwarzwald: Einheimische und Fremde kommen ins Gespräch
So lerne ich den 82-jährigen Max Steurenthaler kennen, der sich kurz darauf zu mir an den Tisch setzt. Prompt erzählt er von seiner Jugend am Titisee, vom Neubau des Hauses, von seiner Arbeit in der Kantine eines Pharmakonzerns und von seinem Sohn, der einen Forstbetrieb leitet. Max Steurenthaler verkörpert auf geradezu ideale Weise die Idee, Fremde und Einheimische miteinander ins Gespräch zu bringen.
Ihren Ursprung hatte die Tourismus-Kampagne des Hochschwarzwalds im Frühjahr 2024. Damals wurde im Dorf Breitnau ein neues digitales Infoterminal eröffnet. Einige der Gäste begrüßten zwar die digitalen Angebote. Doch sie fanden auch, dass der persönliche Kontakt erhalten bleiben sollte. Einer der Anwesenden soll gescherzt haben, dass die Leute auch einfach bei ihm klingeln könnten. So entstand die Aktion „Schellsch halt mol“, an der inzwischen 60 Anlaufstellen beteiligt sind. Etwas mehr als die Hälfte davon sind Privatadressen. Eine davon ist die von Max Steurenthaler.
Am Gartentisch erzählt er, dass er seit 50 Jahren hier wohnt und Wanderern immer wieder Tipps gibt. Viele laufen an seinem Haus vorbei, von dem ein Weg zum Hochfirst führt. Der knapp 1200 Meter hohe Berg bietet eine fantastische Aussicht auf den Titisee. Steurenthaler und seine Frau zeigen den Wanderern den besten Weg.
Ein echter Wander-Geheimtipp von Max Steurenthaler
Was soll ich denn an diesem Sommertag, der 30 Grad bringen soll, unternehmen? Mein persönlicher Reiseführer empfiehlt eine kleine Wanderung entlang der Gutach, die sich nicht weit entfernt vorbeischlängelt. „Es ist schön schattig dort“, sagt er, „und Touristen verirren sich auch nicht hin.“ Ein echter Geheimtipp. „Und wenn Sie dann Hunger bekommen, fahren Sie mit dem Bus nach Schwärzenbach hoch. Im Café Feldbergblick gibt es die beste Kirschtorte weit und breit.“ Wenn das keine Aussichten sind!
Ich verabschiede mich und biege auf den kleinen, unscheinbaren Weg ab. Er führt in ein Waldstück. Sofort wird die Luft um ein paar Grad kühler. Nach weniger als hundert Metern erreiche ich eine verwunschene Freifläche, die von Tannen umrandet ist. Nebenan plätschert die Gutach. Ich ziehe die Schuhe aus, setze mich auf einen Holzstamm und lasse die Füße im Wasser baumeln.
Max Steurenthaler hat nicht zu viel versprochen. Beim Weiterlaufen führt der Weg durch eine Schlucht, über die sich kleine Brücken spannen. Rechts schießen Tannen aus dem Boden, am Hang wachsen Farne, Moose, wilde Heidelbeeren, am Ufer trotten drei Pferde entlang und trinken im Fluss. Das könnte ein richtig guter Tag werden.
Auf ihre Weise folgt die Kampagne im Schwarzwald einem globalen Reisetrend. Plattformen wie „GetYourGuide“ oder „Airbnb Experiences“ versprechen Reisenden, auch in der Ferne etwas Authentisches zu finden: eine kulinarische Tour mit Einheimischen, ein exklusiver Zugang zum Museum nach Feierabend, eine geführte Wanderung ohne Kartenlesen. Dahinter steckt ein Bedürfnis nach Orientierung in der Überfülle des Angebots: Wer nur wenige Tage Zeit hat, möchte nichts verpassen und sich nicht lange durch Foren klicken. Ich kenne das und spüre heute, wie gut es tut, sich einfach auf die Tipps eines Einheimischen zu verlassen.
Eine gute Stunde später erreiche ich das Städtchen Neustadt. Auf dem heißen Asphalt brennen die Füße in den Wanderschuhen. Eine Abkühlung wäre jetzt schön. Und auf die Kirschtorte freue ich mich auch schon ziemlich. Nur habe ich keine Lust, mit dem Bus zu fahren, wie Max Steurenthaler es mir geraten hat. Ich möchte lieber zum Café wandern. Aber auf welchem Weg nur?
Eine Einheimische kennt die schöne Strecke durch einen Fichtenwald
Auf der Klingel-Karte sind in Neustadt keine Menschen verzeichnet, die bei der Kampagne mitmachen. Also frage ich eine Passantin, ob sie mir den Weg zum Café beschreiben kann. Tatsächlich kennt sie eine richtig schöne Strecke. Mit einem klitzekleinen Umweg sei sogar noch ein Abstecher zu einem Kneipp-Wassertretbecken drin. Wieder ein Volltreffer.
Ein steiler Weg führt zum Berg, von dem aus ich auf den gegenüberliegenden Hochfirst blicke. Plötzlich höre ich ein Kreischen. Unterhalb des Wanderwegs planschen Kinder im Wasserbecken, das mir die Frau eben empfohlen hat. Die Abkühlung ist herrlich.
Handy zeigt Adresse, an der geklingelt werden kann
Danach führt der Weg durch einen Fichtenwald, in dem Lichtstrahlen zwischen den Kronen tanzen. Vor lauter Begeisterung verlaufe ich mich gleich zweimal. Das zu Hilfe genommene Handy zeigt eine Adresse, an der ich klingeln könnte. Trifft sich gut, denn meine Wasservorräte sind fast aufgebraucht.
Kurz darauf erreiche ich den urigen Schwarzwaldgasthof „Zum Löwen“. Neben der Eingangstür prangt das Kampagnenlogo. Clemens Straub, der den 1658 gegründeten Gasthof in neunter Generation führt, setzt sich zu mir an den Tisch. Das Klingelschild habe er vor einiger Zeit aufgehängt, sagt er, weil er die Idee schlüssig findet. Er unterhalte sich ohnehin ständig mit seinen Feriengästen und empfehle ihnen am Frühstücksbuffet die schönsten Ausflugsziele. So habe er inzwischen einen Fundus angelegt, den er gerne mit zufällig Vorbeikommenden teile.
Viele Menschen planen ihre Reisen nur noch nach Tipps aus dem Internet. Aber wer weiß schon, dass sich die Uhr in seinem Wirtshaus seit 1857 dreht? Oder dass der Bruder gegenüber ein altes Sägewerk betreibt, das per Wasserrad angetrieben wird? In der Küche darf ich mir meine Wasserflasche auffüllen, dann breche ich zur letzten Etappe auf, deren Verlauf mir Clemens Straub nochmals im Detail geschildert hat. „Bloß langsam angehen bei der Hitze“, sagt er noch zum Abschied.
Angekommen im Schwarzwald-Paradies
Nun scheine ich wirklich im Schwarzwald-Paradies angekommen zu sein. Ich sehe alte, verwitterte Häuser mit Geranien am Fenster, braun-gefleckte Kühe auf saftigen Weiden und einen Hof, wo die Schwalben aus dem Heuschober fliegen. Wie gemalt hier alles. Schließlich entdecke ich auch schon mein Tagesziel, das Café Feldbergblick.
Drinnen schlägt die Pendeluhr 16 Uhr, als mir eine Frau in Tracht meine wohlverdiente Kirschtorte serviert. Köstlich! Ich schaufle sie in mich hinein, blicke dabei ins Tal und denke an all das zurück, was ich heute erlebt habe. An die Unterhaltung mit Max Steurenthaler, den wildromantischen Weg entlang der Gutach, an das erfrischende Fußbad und den Duft des Fichtenwalds.
Von all dem ahnte ich am Morgen noch nichts. Ich musste dafür nicht viel mehr tun, als an ein paar Türen zu klingeln.