So kündigt das Kunstmuseum Stuttgart seine neue Ausstellung an Foto: Kunstmuseum Stuttgart

Die Fassade des Kunstmuseums Stuttgart ist immer einen Blick wert. „Scheize – Liebe – Sehnsucht“ ist dort jetzt zu lesen. Was steckt dahinter? Nikolai B. Forstbauer hat bei Direktorin Ulrike Groos nachgefragt.

Stuttgart - Weithin sichtbar, die Architektur in eine Skulptur verwandelnd – das sind die Ausstellungsankündigungen auf der Fassade des Kunstmuseum-Kubus in Stuttgart immer. Doch nun stutzt man doch: „Scheize -Liebe -Sehnsucht“ ist zu lesen. Eine bewusste Provokation? „Hier tritt Humor zutage“, antwortet Kunstmuseums-Direktorin Ulrike Groos im Interview.

Frau Groos, in betonter Schreibschrift prangt auf dem Kunstmuseum-Kubus die Wortfolge „Scheize – Liebe –Sehnsucht“. Was steckt dahinter?

Ragnar Kjartansson verwendet gerne deutsche Wörter als Werktitel, denn er hatte Deutsch in der Schule und lebte als Kind ­einige Zeit in Lübeck. Deshalb fanden wir es eine gute Idee, für seine Ausstellung im Kunstmuseum einen deutschen Titel zu wählen.

Warum gerade diese Wörter?

Es handelt sich hierbei um seine deutschen Lieblingswörter, um Begriffe, über die er nach eigener Auskunft viel nachgedacht habe: „Scheize“ sei für ihn eine tiefsinnigere und vollkommenere Bezeichnung als der englische Ausdruck „Shit“, „Liebe“ einfach ein wunderschönes Wort, und für „Sehnsucht“ gäbe es in keiner anderen Sprache einen äquivalenten Ausdruck für dieses besondere Lebensgefühl.

Das ist alles?

Hintergrund der orthografisch nicht ganz korrekten Wortfolge „Scheize – Liebe – Sehnsucht“ war eine Einladung der Berliner Festspiele an Kjartansson vor einigen Jahren. Die dem Ausstellungstitel zugrundeliegende Zeichnung entstand als handgeschriebener Entwurf für ein T-Shirt, das der Künstler gestalten sollte; diese Idee wurde jedoch nicht umgesetzt. Stattdessen prangen die Worte nun auf unserer Fassade.

Bunt, wild und eindringlich waren viele Ihrer gestalteten Ausstellungsankündigungen. Aber gehen Sie hier nicht doch den Schritt in die Provokation?

Unsere Fassadengestaltung soll natürlich Aufmerksamkeit generieren, ein Hingucker sein, denn sie ist in der Stadt das wichtigste Werbemittel für unser Museum. Wie gut dies in der Vergangenheit funktionierte, zeigen die vielen Posts in den sozialen Medien. Der Ausstellungstitel an der Fassade soll einen Eindruck davon vermitteln, was einen im Inneren des Museums erwartet, ohne zuviel preiszugeben; er soll neugierig machen.

Und die Provokation?

Ich glaube nicht, dass man heute mit dem Wort „Scheiße“ noch groß provozieren kann. Intendiert ist es jedenfalls nicht. Gerade in dieser Wortfolge, in der Verbindung mit „Liebe“ und „Sehnsucht“, tritt der Humor zutage, der für das Werk von Kjartansson kennzeichnend ist. Das wird, denke ich, schnell klar.

Die Wortfolge selbst wie auch die Präsentation erinnert zugleich an die späten 1960er Jahre. Ist dies auch ein versteckter Bogen zu „Balle, Balle“ und also zu Dieter Roth?

Sicher, bei „Scheiße“ kommt einem sofort Dieter Roth in den Sinn, der für sein (insbesondere schriftstellerisches) Œuvre immer wieder auf Verdauungsmetaphern zurückgriff. Dieter Roth hat einen nicht unerheblichen und bis heute anhaltenden Einfluss auf die isländische Kunst. Bekanntlich war­ ­Island ab 1960 Roths Wahlheimat.

Was macht den Künstler Dieter Roth für Künstler so interessant?

Dieter Roths Werk sprengte bewusst die traditionell engen Grenzen der Kunst; er war zugleich Grafiker, Werbegestalter, Filmemacher, Maler und Bildhauer, Musiker und Dichter. Dieser intermediale und prozesshafte Ansatz, die Einbindung von Musik oder auch Roths Vorliebe für Kollaborationen sind zweifelsohne auch für Ragnar ­Kjartansson charakteristisch.

Die Ausstellung wird am 19. Juli eröffnet. Erleben wir auch bei der Eröffnung Ironie und bewusstes Grenzgängertum?

Ein wichtiges und besonderes Merkmal unseres Museums ist, dass wir uns mit unseren Ausstellungen gerne künstlerischen Grenzgängern widmen. Ich denke hier an Christian Jankowski, Josephine Meckseper, Michel Majerus, Candice Breitz, auch an Patrick Angus und natürlich an Dieter Roth. Kjartansson passt sehr gut in diese Reihe. In fast allen seinen Arbeiten steckt ein Funken Ironie oder Grenzgängertum.

Und wie wird dies bei der Eröffnung und in der Ausstellung deutlich?

Da möchte ich nicht vorgreifen, das sollte man selber sehen, hören und erleben. Ich lade jede Bürgerin und jeden Bürger zu unserer Ausstellungseröffnung ein, um sich selber ein Bild zu machen. Der Eintritt ist wie immer frei. Für das musikalische Programm sorgt einmal mehr der Stuttgarter DJ Andreas Vogel.

Die Schau „Scheize – Liebe – Sehnsucht“ Ragnar ­Kjartansson ist von 20. Juli bis zum 20. Oktober im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen. Eröffnung ist am 19. Juli um 19 Uhr.

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