Scheinüberfall bei Drackenstein vor Gericht Räuberschauspiel unter Skatbrüdern

Von Rüdiger Bäßler 

Das Landgericht Ulm beschäftigt sich mit einem besonders dreisten Scheinüberfall bei Drackenstein. Der Großteil der wertvollen Beute fehlt bis heute. Foto: dpa-Zentralbild
Das Landgericht Ulm beschäftigt sich mit einem besonders dreisten Scheinüberfall bei Drackenstein. Der Großteil der wertvollen Beute fehlt bis heute. Foto: dpa-Zentralbild

Geständnisse am laufenden Band hat es vor dem Landgericht Ulm gegeben. Eine fünfköpfige Bande soll den Diebstahl von Luxusuhren und Schmuck im Wert von acht Millionen Euro vorgetäuscht haben.

Drackenstein/Ulm - Ein Notruf von einem Autobahnparkplatz oben am Drackensteiner Hang in Fahrtrichtung Stuttgart alarmiert am 15. Januar die Polizei. Den Beamten bietet sich ein dramatisches Bild: In einem Geldtransporter liegt ein ohnmächtiger Fahrer, sein Kollege berichtet von maskierten Räubern. Es fehlen Transportsäcke und Koffer, in denen 728 Luxusuhren und Schmuckstücke im Gesamtschätzwert von rund acht Millionen Euro verpackt waren. Der Geldtransporter war von einer Uhrenbörse im bayerischen Unterschleißheim zurück in die Zentrale einer Esslinger Sicherheitsfirma gewesen.

Ein Uhrendealer aus Berlin führte Regie

Inzwischen ist klar, dass der Polizei ein Schauspiel geliefert wurde. Die mutmaßlichen Darsteller: Fahrer und Beifahrer des Geldtransporters, der Cousin eines dieser Fahrer, der den maskierten flüchtigen Räuber gab, sowie in der Regie ein Uhrendealer aus Berlin sowie ein Ideengeber aus Filderstadt. Und einen großen Unbekannten gab es ebenfalls. Er soll bei dem fingierten Raubüberfall als zweiter Fluchtfahrer dabei gewesen sein und 550 der Uhren nach Berlin transportiert haben. Seither ist er jedoch verschwunden und mit ihm ein Beuteanteil im Wert von mindestens vier Millionen Euro. 163 Uhren haben Ermittler bisher wieder bei Käufern aufspüren können, teilweise in Ostdeutschland.

Seit Montag sitzt die fünfköpfige Männergruppe im Alter zwischen 31 und 40 Jahren vor dem Landgericht Ulm. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen besonders schweren Diebstahl, Vortäuschen einer Straftat sowie einem Angeklagten Diebstahl mit Waffen vor. Eine scharfe Pistole vom Fabrikat Walther soll zur Staffage des Räuberschauspiels gehört haben. Die Ohnmacht eines der Fahrer, so der Staatsanwalt, soll vorgetäuscht worden sein, um nachher bei den Polizeivernehmungen Widersprüchen aus dem Weg zu gehen.

Das sei korrekt, bestätigt der 31-jährige Beifahrer des Tattages dem Richter Gerd Gugenhan. „Ich tat so, als ob ich bewusstlos bin.“ Auch alle anderen Vorwürfe der Staatsanwaltschaft stimmten. „Der Gedanke, schnell 200 000 oder 300 000 Euro zu haben, war natürlich verlockend.“

Geständnisse am laufenden Band

Die Geständnisse prasseln förmlich an diesem Montag. Alle fünf Angeklagten räumen die Vorwürfe weitgehend vorbehaltlos ein. Aus den Vernehmungen des Gerichts ergibt sich das Bild einer kriminellen Zweckbekanntschaft, deren Anfänge das Skatspiel und das „Zocken“ war, wie es einer der Angeklagten nannte. Das Glücksspiel war wohl sogar die Existenzgrundlage des 40-Jährigen aus Filderstadt sowie des 39-jährigen Berliners, der sich um den Verkauf der heißen Ware kümmern wollte. Seit zehn Jahren kenne man sich, so der Berliner zum Gericht. Auch einer der Geldtransporterfahrer war nach eigener Aussage viel in Skatspielerkreisen unterwegs. Die Verluste waren wohl meist höher als der Gewinn. Keiner kann sich genau an den Tag erinnern, an dem die Idee entstand, die Esslinger Geldtransporterfirma zu bestehlen. Aber: „Aus einer dummen Bierlaune ist halt leider irgendwann Ernst geworden“, so der Angeklagte aus Filderstadt.

Die Angst vor den Hintermännern

Auf den Unbekannten, der sich „Danny“ nannte, habe der 39-Jährige aus Berlin bestanden, sagen alle. Der Berliner gibt das zu. Ein Teil der Beute nach Köln, der andere nach Berlin, das sei der Plan gewesen, sagt er; als „Schutzmaßnahme“ vor der Polizei. Aber dann habe sich der sechste Mann absprachewidrig nicht mehr gemeldet. Wie der Name des Unbekannten sei, fragt Richter Gugenhan. „Das kann ich nicht sagen, tut mir leid“, sagt der Berliner mit Verweis auf Hintermänner, die sich rächen könnten. Und die Beute? „Es tut mir leid, da kann ich nichts dazu sagen.“ Auch die Mitangeklagten wissen angeblich nichts. Richter Gugenhan staunt: „Man gibt das erlangte Diebesgut einer Person, von der keiner weiß, wer sie ist. Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Der Prozess dauert bis November.

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